Marlena, ich glaube, wir haben noch ein kommunizierendes Gefäss gefunden, neben Paris, neben dem Fegefeuer, neben dem Latein, neben den gleichaltrigen Kindern, neben der Pädagogik, neben Rilke. Ich bin sicher, du hast keine Ahnung, was das sein könnte. Nun denn, es sind die Rosen und der Löwenzahn im Garten. Davon könnte ich dir auch ein Liedlein singen. S sticht auch Löwenzahn mit dem Eisen aus dem Rasen, und macht sich die Nägel kaputt, während ich das eher unnötig finde. Die Rosen sind mein Ressort, die Blumen des reinen Widerspruchs. Ich habe vor etwa 5 Jahren 4 Stöcke gepflanzt. Und jetzt leben noch drei davon. Einer ist etwas kränkelnd. Ich versuche auch, ohne Chemie auszukommen. Die wunderbar grünen und blühenden bürgerlichen Gärten sind ja die grössten Giftgruben Europas. Ich versuche also, die Läuse mit Brennesselwasser zu vertreiben. Aber das braucht leider alles viel Zeit. Und diesen Schorf, den sie auf den Blättern haben, bringe ich überhaupt nicht weg. Aber ich liebe sie, die Rosen. Sie sind dunkelrot, hellrot und apricot, würde ich sagen, ziemlich ungenau nichtwahr? Dazu muss ich dir eine kleine Geschichte erzählen.
Ich habe dir von Professor Emil Staiger erzählt, die Kapazität in deutscher Literaturgeschichte und in existentialphilosophischer Hermeneutik, der Kenner Rilkes und Goethes und all dieser Grössen. Er war schon älter damals, ein kleiner Mann mit einem etwas grossen Kopf, wenn er dort oben auf dem marmorenen Rednerpult in der schönen Aula der Zürcher Universität dozierte. Dort hatte einmal Churchill nach dem Krieg gesprochen und das vereinte Europa propagiert. Aber es hat bei uns Schweizern nicht eingeschlagen. Eine Studentin erzählte mir, dass sie gleich in der Nachbarschaft Prof. Staigers ihr Studentenzimmer habe. Und sie beobachte den kleinen Professoer jeden Sonntag Morgen, wie er mit einer grünen, frisch gebügelten Gärtnerschürze auf Zehenspitzen fast aus dem Haus trete und in den Garten wandle - geradezu rituelle Gebärden - um dort eine Rose, eine einzige, zu schneiden und sie mit abgespreiztem Finger - so wie die Damen die Teetassen zum Mund führen - mit preziöser Geste ins Haus zu tragen. Das ist ein schönes Bild und passt zu Staiger. Und wenn es nicht wahr war, so war es gut erfunden.
Und du wirst es vielleicht noch weniger glauben, Marlena, aber ich tue in Erinnerung an dieses Bild dasselbe. Gut, ich tue es vielleicht nicht gerade am Sonntagmorgen, gut, ich trage keine grüne Schürze, gut, ich spreize vielleicht nicht den kleinen Finger. Aber ich finde es schön, immer - oder fast immer - eine einzige Rose auf dem Tisch zu haben. Ich habe früher einmal für S, als ich noch sehr verliebt war, eine kristallene Vase gekauft, eine Kugel praktisch, mit einem langen, dünnen Rohr. Dort findet gerade eine Rose Platz. Ich schneide alle Blätter weg und lasse nur das oberste, damit das Grün einen schönen Kontrast zur Blüte macht. Ich gebe ein bisschen Zucker ins Wasser. Und dann steht sie da und besonders schön ist, wenn sie - vor dem dunkeln Hintergrund der Möbel - vom Spot angeleuchtet wird. Anfangs ist sie knackig und fest und steif wie ein junges Mädchen. In der zweiten Woche wird sie voluminös, locker und vielfältiger, wie eine Frau im besten Alter. Und schliesslich lässt sie sich etwas gehen, gibt da und dort ein Blatt ab, verliert ihre Kräfte, bis man sie wieder erlösen muss. Das ist schön und ungefähr ein Zyklus von guten 14 Tagen. Bis dann ist draussen im Garten wieder eine neue Blüte herangewachsen. So leben wir mit den Blumen des reinen Widerspruchs, und sie sind mein Job geblieben. Ich ziehe die Dornen der Rose den Zähnen des Löwen eindeutig vor. Soviel Mut hätte ich nie, gegen eine riesige Löwenmeute mit Löwenzähnen anzugehen. Ich bin ein ziemlich feiger Mensch.
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Brennesseln finden auch wir rund um unseren Garten herum gerade. Es gibt da eine Wiese, die ist ziemlich voll an den Rändern. Brennessel deutet auf guten Boden hin, nicht wahr? Die Brennessel-Suppe macht ihr zu Ostern? Wir lieben sie auch und sie sei sehr gesund, behauptet S, blutreinigend. Und einmal hatten wir sie in Basel mit kleinen Wachteleiern drin, in einem schicken Restaurant, als jemand seinen 50sten gefeiert hat. Das war wirklich sehr köstlich und exquisit, aber eben, leider nur alle 50 Jahre möglich. Erzähl mir später vom Vogelsee und eurem Ausflug. Ich glaube, du bist ein Familienmensch, Marlena, ein richtiges Hausmütterchen. Bist du das nicht? Und dass du deine Mails unter Lebensgefahr schreibst, bricht mir das Herz bringt mich ziemlich in die Bredouille. Wie kann ich soviel Schuld auf mich nehmen? Ist denn zweimal lebenslänglich nicht genug? Willst du mich im Fegefeuer zum Inventar machen, zur Kommode des Teufels, oder zu seinem Adjudanten? Willst du mich schlussendlich à point haben und gar kein bisschen seignant? Ungefähr so hart wie ein gedörrter Hering, falls ich mir unter einem gedörrten Herring hier als Alpenländer überhaupt das Richtige vorstelle? Ich bitte dich Marlena, mach mich nicht unglücklich! Schalte schleunigst den PC aus und wähle 061 xxx 50 91. Soll ich dir die internationale Verbindung heraussuchen? Und lass zweimal läuten! En cas de guerre, wie abgemacht!
Doch dass ihr um diese Jahreszeit schon Gewitter habt, erstaunt mich sehr. Bei uns gibt es sie im Sommer, wenn die Temperatur sehr hoch ist. Aber noch nicht um diese Zeit.
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Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, meine Liebe
Gruss
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