Donnerstag, 27. April 2017

Gruss


Subject: Gruss
Date: Thu, 8 May


Liebe Marlena
Ach, wie Du das sagst, ... das Leben hinter sich bringen ..., das klingt wie
eine Pflichtübung, etwa so, wie man in einen sauren Apfel beissen muss. Ja,
ich finde es auch ein interessantes Thema, das eigentlich erst in den
letzten Jahren wieder hochgekommen ist. Oder vielleicht habe ich es erst in
den letzten Jahren entdeckt.
Meine Schwäche dabei ist, dass ich selbst so schwer Gewohnheiten entwickle.
Ich finde, für ein gutes Leben braucht es stabile Gewohnheiten. Sie bilden
das Gerüst der Existenz, sozusagen die Primärkonstruktion des Hauses. Aber
ich bin ein Typ, der gerne nach der Laune lebt. Und das ist vielleicht in
sich eine Art Stil, hat aber keinen ;--)
Wie Du vielleicht bemerkt hast, stehe ich mal eine Zeitlang um 06.00h auf,
dann wird es für einige Zeit 7.00h. Früher habe ich die Mails an Dich abends
geschrieben, jetzt tue ich morgens in der Früh. Es gibt viele Dinge, die so
laufen. Und das finde ich eigentlich nicht so besonders gut, wenn ich mein
Leben überblicke. Aber wenn ich mitten drin bin (im Leben) merke ich es
kaum, oder eben, habe das Bedürfnis nach Wechsel. Das ist eine Art
Unstetigkeit, die viele Nachteile hat. Früher hatte ich gedacht, das sei
eben eine Art künstlerische Natur, die den Moment und die absolute Gegenwart
über alles setzt. Aber mit den Jahren merke ich, wie sehr man momentanen
Dingen ausgesetzt ist, wie sehr das eben unstet wird, wie mühevoll es ist,
die Dinge zu Ende zu bringen. Du hast das sicherlich bemerkt, wie sehr im
manchmal im Moment irgend einer Idee nachhänge und Absichten habe, die
dann aber in späteren Momenten wieder verschwinden, weil neue Dinge
auftauchen. Am stärksten wirkt das zwischen Arbeit und privaten Plänen.
Wollte ich nicht ein Kinderbuch machen in einer vielleicht ruhigeren Phase?
Ich mache mich also dran. Aber plötzlich kommt in der Arbeit eine neue Aufgabe,
eine Stressphase oder irgend was, und alles Private wird wieder zurückgedrängt.
So schwanke ich auf den Wellen und führe nur schwer meinen Kurs. Das ist es
doch wohl. Und schliesslich ärgere ich mich, dass ich dies oder jenes nicht
wirklich vollendet habe.
Kurz und gut, das Thema finde ich interessant, weil es an meinem Leben noch
Vieles auszubessern gibt.
Aber, und das ist vielleicht das Wichtigste: die Lebenskunst ist eine Kunst,
worin es keine Spezialisten gibt. Jeder kennt sich da aus. Der eine
intuitiv, der andere mit vielen ausgeklügelten Gedanken. Dein Gefühl, Dich
in solchen Dingen nicht besonders auszukennen, ist nicht nötig. Es gibt
keine Spezialisten in dieser Sparte.
*
Ja, ich habe die Möglichkeit, vom Bett zu fernsehen. Aber eigentlich würde
ich das nicht sonderlich empfehlen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass
ich im Fernsehraum schlafe. Beim Nachmittagsschläfchen ist das sehr gut. Es
gibt keine bessere Möglichkeit, die Gedanken von der Arbeit und den
Alltagssorgen abzuziehen und bei einer leichten Talkshow einzuschlafen. Das
ist geradezu himmlisch.
Aber abends kann es schon mal passieren, dass ich um 02.00h aufwache und
der TV immer noch läuft. Das ist nicht gut und ich versuche es zu vermeiden,
so gut es geht.
Aber die Erkenntnis bleibt: es gibt Sendungen, die sind prima zum
Einschlafen. Andere sind interessant und halten wach. Und die dritten sind
irgendwie aufregend und machen eher nervös. Aus diesen drei Fläschchen
wähle ich, je nachdem, ob ich schlafen, wachen oder Sensationen will. Doch
Sensationen will ich eigentlich kaum mehr.
*
Wer sind die beiden Alva und Gunnar Myrdal? Erzähl mir bitte in ein paar
Sätzen davon. Ich möchte nicht ihretwegen ins Internet. Offenbar haben alle
ihre griechischen Tragödien. Und manchmal sind sie nicht mal griechisch,
sondern sehr persönlich und lokal gefärbt.
*
Und schliesslich noch Deine Verliebtheit als Lebensprinzip. Ich glaube, ich
verstehe schon einigermassen, was Du meinst, diese Liebesbegabung. Ich
weiss auch, was Du meinst, wenn Du sagst, sie sei nicht primär sexuell.
Trotzdem kann man das aber doch Erotik nennen, denke ich, weil ja Erotik
auch nicht primär sexuell sein braucht. Oder nicht? Ich glaube, für Männer
ist Sexualität und Erotik vor allem auch eine Entspannungsdroge. Das
jedenfalls dachte ich, als wir mit dem Klatsch der Levinsky-Geschichte
überschüttet wurden. Eine sexuelle Geschichte befreit am schnellsten vom
Alltagsstress und den vielen Gedanken, was noch an Arbeit zu tun sei. Es ist
eine Möglichkeit der kurzen Erlösung. Und viele männliche Seitensprünge
hängen wahrscheinlich damit zusammen. Die armen Männer können anders
kaum mehr abschalten. Auf jeden Fall wenn ich Lust auf eine kleine Affäre
habe, dann ist es meist der Druck. Aber ich halte mich doch ziemlich zurück.

Ja, auf dem Foto siehst Du sehr vergnügt und brav aus, aber auch offen für
das Leben. Es ist doch wunderbar, eine 1000ste zu finden, die eine solch
gute Figur abgibt und mit Freude mitmacht. Das ist ein ideales Medienstück.
Und ist wirklich schön, dass Du das Foto immer noch hast. Solche Dinge muss
man wirklich scannen. In weiteren 20 Jahren ist das Papier nämlich total
vergilbt und absolut zerstört. Im PC behält das Bild hingegen seine ewige
Schönheit.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

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