Samstag, 6. Februar 2016

28/2 - Fastenzeit und Osterlammbruderschaft ..

Ämne:  Saturday afternoon ...
Datum: den 28 februari 2004 13:09

Liebe Malou
Ach, jetzt habe ich versehentlich meinen Brief gelöscht. Und dabei war er ziemlich lange. Ach nein, das ist wirklich ein Malheur. Ich habe mich tapfer gerechtfertigt gegen Deine Bemerkung, ich sei wie eine Wand. Ich habe viele schöne Gedanken gemacht zur Fastenzeit. Ach, es ist ein Elend. Ich kann das nicht alles wiederholen. Und dabei habe ich bloss ‚nein’ anstatt ‚abbrechen’ gedrückt. Es sollte doch weiss Gott möglich sein, dass ein Zwischenspeicher die Dinge für 5 oder 10 Minuten speichert und erst dann bachab schickt, oder etwa nicht?

Was die Wand betrifft: ich hatte Dir vorgeschlagen, Dir nicht vorzustellen, ich sei eine Wand, sondern ich sei wie Onkelchen. Manchmal, wenn man etwas zu ihm sagt, schaut er unbestimmt zurück, hört nichts, sagt nichts, völlige Funkstille. Es wäre also besser, Du nimmst mich wie einen Tattergreis, und nicht wie eine Wand. Wände können zwar sehr schön sein, wenn sie gut gesprayt sind, aber ein Wand ist eben immer noch eine Wand.
Ich dachte, Du meintest mit dieser Bemerkung Volard. Und wirklich, Du hast mir so viele verschiedene Porträts über diesen Kunsthändler geschickt, dass ich ganz platt war. Dazu muss ich Dir sagen, dass ich
1. sehr wenig Zeit hatte, und
2. dass ich Vollard ein bisschen beiseite gelegt habe. Ich fand seine biographischen Gedanken nicht so besonders. Er war ein Ästhet, und Ästheten sind manchmal ziemlich oberflächlich. Mindestens die ersten 50 Seiten sind kein Hit. Aber ich versuche, noch weiter zu lesen. Ich habe mittlerweile schon ein neues Büchlein gekauft, dieses Mal Tagebuchausschnitte von Delacroix. Der Romantiker ist einer meiner Lieblinge. Und ich bin interessiert an Romantik, weil ich glaube, es sei die wichtigste Stilphase der Moderne. Noch heute werden wir in vielen Dingen von romantischen Vorstellungen geprägt, sei es in der Lebensführung, sei es in der Liebe und wohl in vielen anderen Dingen.

Und dann habe ich auch noch vom Wetter gesprochen und gemeint, Bonnard würde den schönen Himmel in seinem Carnet notiert haben. Die Basler sind froh darüber, denn sie warten auf ihre Fasnacht, während die Menschen im Birseck schon am Fasten sind. Und dann kam eine wunderbare Passage über das Fasten, meine Erfahrungen im Iran mit dem Fasten, meine Erinnerungen ans Fasten im Wallis und an die Osterlamm-Bruderschaft. Letzteres ist ein Männerclub ähnlich wie Kiwanis, mit dem einzigen Ziel, nach Ende der Fastenzeit ein wunderbares Osterlamm-Essen zu organisieren. Das ist eine bemerkenswerte Staatsaktion mit mindestens 5 Gängen. Dazwischen werden schöne Reden und Gefrorenes serviert, um den Hunger wieder hochzupeitschen. Es gibt eine Rede über das Vaterland, über die Verstorbenen, eine Rede in Französisch und vielleicht gar eine in Latein etc. Wenn ich im Wallis lebte, hätte ich dafür gesorgt, dass ich auch in diesen Club aufgenommen würde. Aber so, wie ich jetzt lebe, dh am anderen Ende der Schweiz in einer protestantischen Gegend, habe ich mich begnügt, darüber ein Buch zu lesen. Es wurde von meinem ehemaligen Philosophie-Lehrer geschrieben und erzählt die Geschichte dieser Bruderschaft.

Tut mir leid, meine Liebe, dass es hier nur eine kleine Zusammenfassung geblieben ist. Du weißt ja selbst, wie ärgerlich so was sein kann.
Mit lieben Gs und Ks
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