Dienstag, 2. Februar 2016

20/2 - Varlin und Stundenbuch


Ämne: Freitag nach dem schmutzigen Donnerstag ...
Datum: den 20 februari 2004 08:36

Liebe Malou
Ja, nicht wahr, Ungerer ist ein komischer Kerl. Merci für die Adresse seiner Home Page. Ich habe vor einiger Zeit ein Interview mit ihm im Fernsehen gesehen und dann zufällig im Laden die beiden Büchlein: eines über seine Jugend im Elsass, das andere über seine Zeit Amerika und Irland. Na ja, ich gebe zu, sie waren auf halben Preis gesetzt. Ich hatte sie früher schon gesehen, fand aber stets, sie wären zu teuer. Es sind Texte und Zeichnungen, so wie ich es sehr gerne mag. Früher hatte ich von Ungerer eigentlich nur seine Cartoons und die Illustrationen zu den deutschen Liederbüchern gekannt. Letztere habe ich gekauft, als die Kinder noch klein waren. Und es ist wahr, was T.U. von sich behauptet. Er hat diese Lieder aus der Verstaubung befreit und ihnen ein modernes Image gegeben, so dass man sie wieder zur Hand nehmen kann. Er sagt auch, dass er dieses Projekt seit seiner Jugendzeit im Kopf gehabt hatte. Die Illustrationen sind hübsche, lustige, teilweise deftige Zeichnungen von Menschen- und Tierfiguren in der Elsässer Landschaft. Das kleine Büchlein, das ich jetzt lese, hat den Titel „Die Gedanken sind frei“. Das ist zugleich der Titel eines der schönsten und besten deutschen Lieder. Kennst Du es?

Es ist immer eine Freude, wenn man mit jemandem eine Freude und Begeisterung zu einem Thema oder zu einer Person und ihrem Werk teilen kann. Ich habe jemandem, der auch ganz begeistert ist von Varlin. Und jetzt habe ich noch eine Ungereristin gefunden. Ist perfekt. Ich habe übrigens, das kommt mir eben in den Sinn, kürzlich auch ein Büchlein mit alten Cartoons Ungerers gefunden. Sie sind schon älter, aus einer Zeit, da er vielleicht noch nicht so bekannt war. Aber man sieht darin seine unbändige Kraft und seine quere Fantasie. Häufig sind sexuelle Aspekte enthalten, manchmal nicht eben schön. Er hat ja auch ein Buch rund um das Thema SM gemacht. Solches mag ich weniger. Aber ich glaube, Ungerer ist auch als Persönlichkeit sehr komplex. Ich glaube nicht, dass ich mit ihm in Frieden zusammenleben könnte. Vielleicht hat er in seiner Seele eine Art inzestuöser Liebe zu seiner Mutter. Sowas könnte ich mir sehr gut vorstellen. Er hat noch heute, mit 70 Jahren, etwas Jünglinghaftes und Unverbindliches im Gespräch. Darin finde ich ihn nicht besonders sympathisch.

Jetzt hast Du Deine Ferien schon vorbei, und ich bin daran, sie gleich zu beginnen. Ich freue mich auf die paar Tage, da alles etwas langsamer läuft bei uns. Und dann ist Fasnacht. Es ist eine jahrelange Tradition, dass an diesen Tagen, die eigentlich offiziell frei sind, ich hier im Büro sitze und ab und zu hinunter einen Blick werfe, wo die Masken treiben und der Umzug vorbeigeht. Es ist ein Anlass für die Kinder und die einfacheren Leute, manchmal ziemlich staubig und schmutzig, manchmal nass und kalt. Für mich ist es Signal, dass bald der Frühling kommen wird. Ist es nicht bemerkenswert, wie im Laufe der Jahre sich die Folge der Jahreszeiten in unserem Erleben eingravieren? Jeder Frühling ist zugleich eine Erinnerung an die zahlreichen Frühlinge, die man schon erlebt hat. Alles wird irgendwie echohaft. Oder, ich habe dazu noch ein anderes Bild. Damals, im Laden von Onkelchen und Tantchen gab es ein Schaufenster, das mit Spiegelglas eingekleidet war. Und wenn man den Kopf in diesen Raum steckte, erschien zu beiden Seiten eine lange Parade dieser Köpfe, die sich in leichtem Bogen bis in die Unendlichkeit fortsetzten, so schien es. Jeder Kopf verwies auf den nächsten Kopf. Im Jugendalter ist das ein kleiner Schock, sich so viele Male gleichzeitig zu sehen, und ein Angriff auf die eigene Einmaligkeit. Und wenn ich aus einer Art der Verwunderung lachte, lachte die ganze unendliche Reihe von Köpfen, und ich hätte nicht ausmachen können, welcher der eigene, und welche bloss Abbilder des eigenen sein könnten. Alle schienen sie gleichermassen ich zu sein, und doch so verschieden von mir. Und so kommt mir ungefähr der Fasnachtstag vor.

Heute ist der Himmel etwas rötlich, und bewölkt. Die Prognosen sagen voraus, dass es milder werden wird. In den letzten 2 oder 3 Tagen war es kalt und windig. Vielleicht wachsen dann auch überall die Schneeglöcklein, wie Du sie auf dem Bild zeigst. Ich habe, als ich über Mittag einen Spaziergang gemacht hatte, einen halben Garten voller Schneeglöcklein gesehen. Irgendwie wollte ich es nicht glauben, und doch standen sie da, jedes in einem kleinen Anstandsabstand vom anderen.

Gerade höre ich, dass in Italien das Rentenalter zur Zeit bei 57 Jahren steht. Was tun wir eigentlich hier im Norden? Dort unten, in den milden Gefilden am Mittelmeer, könnten wir längst am Strand liegen und mit den appetittlichen, jungen Italienerinnen flirten. Berlusconi will das Alter jetzt auf 60 Jahre hinaufschieben. Eigentlich wollte er 65, aber die Proteste waren zu stark. Vielleicht war das eine schlaue Strategie? Er ist ja wirklich eine Kasperfigur, wie man es in Europa seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen hat!

Aber wir nehmen alles nur in allem, mit der wachsenden Weisheit des Alter.
Liebe Gesundkas
...

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Ämne: Sauberer Freitag.. ;-)
Datum: den 20 februari 2004 10:11

Lieber ...,
Der Hunger und die Lust auf eine Tasse guten Kaffee haben mich heute früh aus dem Bett gelockt. Und dann finde ich sofort wieder ein herrliches Mail von meinem lieben Mausfreund. Aber wie ich sehe habe ich Konkurrenz bekommen um die Liebe zu Varlin. Du untreuer!
Nun, jedenfalls hast du mir einen fröhlichen Morgen gemacht. Ich habe nochmals wegen Varlin im Internet nachgesehen und habe diesmal eine Page gefunden, die ganz wunderbar ist. Falls du sie nicht kennst, gebe ich dir hier die Adresse.
http://www.varlin.ch/default.htm
Du darfst dabei nicht vergessen zu lesen was er "über sich selbst" schreibt. Er scheint auch ein Humorist zu sein. Solche Menschen mag ich sehr.
http://www.varlin.ch/autobio.htm

Weniger mag ich folgende Zeilen:
Das Fehlen einer wirklich eigenständigen Bildsprache verhindert bis heute Varlins Anerkennung über die schweizerischen Landesgrenzen hinaus.
http://www.cosmopolis.ch/cosmo16/varlin.htm
Ich finde, wenn ich seine Bilder betrachte,jedenfalls die man hier sehen kann, dass sie einen einheitlichen Stil haben. Ich glaube du bist derselben Meinung.

Lustig was du über die Schneeglöckchen sagst. Gerade so stehen sie, als brauchten sie einen eigenen Raum.. Sie erinnern mich immer an meine Tante, die stets Schneeglöckchen malte, wenn sie etwas verzieren wollte.

Ich komme später wieder. Muss den Tag anfassen. :-)

Mit lieben Grüssen,
Malou


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Subject: Varlin nochmals
Date: Fri, 20 Feb 2004 10:21:22 +0100

Lieber ...,
Bevor ich mich in die grosse Welt hinaus begebe, noch ein paar Worte über Varlin.
Eigentlich nur ein paar Zitate aus dem "über sich selbst" falls du es noch nicht gelesen hast.

"Die Kunst, wenn man nichts hat, sich mit primitivsten Freuden zu begnügen, zum Beispiel: eine Seife in der Badewanne entschlüpfen lassen und wieder einfangen." *s*

"Ich entdecke mit der Zeit die masochistische Neigung der Intellektuellen, sich von mir malen zu lassen. Die Schadenfreude führt zu immer weiteren Empfehlungen.."

"Der Schutzverband der von Varlin Geschädigten erfasst immer weitere illustre Namen."

Und als Illustration zu dem Text oben, ein Bild von Ernst Schröder. Ich frage mich nur, wie Schröder wohl reagiert haben mag, als er das Bild sah. Was würde W sagen, wenn du ihn so portraitieren würdest???



So lasse ich dich wieder. Du Glückspilz mit einer freien Woche vor dir.
Alles Liebe
Malou


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Ämne: Varlin nochmals und nochmals
Datum: den 20 februari 2004 14:30

Liebe Malou
Ach, dass Du Dich als Varlinistin outest, freut mich sehr. Ich wusste, dass Du die Bilder magst. Aber Du hast sie nie in reality 1 : 1 gesehen. Und dabei zog ich in Rechnung, dass er als lokaler Maler gilt.
Der andere, den ich da gemeint habe, ist ein Kollege aus Basel, von dem ich eine Liebe zu Varlin nie im Leben erwartet hatte. So habe ich schon zwei Varlinistinnen und -en. Und so habe ich das Glück, viele einschlägige HP Adressen zu bekommen. Merci.
Ich glaube, die eine HP ist von Varlins Tochter in Bondo. Sie hat auch ein Buch über ihren Vater herausgegeben.

Und unter uns gesagt: genau so wollte ich W malen. Kürzlich hatte er mir etwas auf seinem Labtop gezeigt. Und wo war dieses Ding. Auf dem WC. Offenbar sitzt er stundenlang auf dem Häuschen und surft im Internet oder ähnlich. So habe ich gedacht, ich müsste ihn in flagranti auf dem WC malen, mit allem drum und dran. Ein WC und Badezimmer, das wissen wir von Bonnard, kann ganz malerisch sein.
Und was er davon denkt. Er wird einen Schutzverband gründen und mich weiterempfehlen.
Mit lieben Grüssen
...

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Ämne: Stundenbuch.. :-)
Datum: den 20 februari 2004 14:26

Lieber ...,
Noch ein halber Tag frei.. aber ich bin durchaus zufrieden mit der ersten Hälfte. Habe Dinge gemacht, die ich vor mich hergeschoben hatte und jetzt bin ich ganz zufrieden mit mir selbst. *s*

Ich habe Essen besorgt fürs Wochenende. Auch einem Strauss Tulpen konnte ich nicht widerstehen. Zuguterletzt bin ich noch zu Lidl gefahren um Obst und Gemüse zu kaufen. Man ist dumm wenn man das nicht tut, denn dort kostet es weniger als die Hälfte. Lidl liegt auf der anderen Seite der Stadt, ein wenig am Rand der Siedlung und ganz in der Nähe ist ein riesiges rundes Wohnviertel, wo Neueingezogene immer eine Zeit wohnen, bevor sie was besseres finden. Aber es gibt Leute, die es nicht verlassen können. Viele Immigranten, Asylsuchende oder auch andere Leute, die es sich nicht leisten können in bessere Viertel zu ziehen. Und wenn man zu Lidl kommt fühlt man sich fast immer in eine vielkulturelle Welt versetzt. Manchmal ist man beinahe der einzige, der nordisch aussieht. Die Leute, die dort einkaufen scheinen aus der ganzen Welt zu kommen und man hört viele fremde Sprachen.

Ich höre gerade im Radio über die Wahlen im Iran, die heute stattfinden. Arme Leute, die sich von diesen fanatischen Mullas müssen regieren lassen.

In einer Stunde gehe ich mir mein langes Haar schneiden lassen. Es ist zwar bequem mit einem Pferdeschwänzchen herumgehen zu können .. aber ich freue mich doch auf die Verwandlung.

Ja, ich beneide auch die Südländer um ihr frühes Pensionsalter. Stell dir vor, hier müssen die Leute arbeiten bis sie 65 sind. Man kann sich schon mit 61 pensionieren lassen, aber die Rente sieht dann danach aus. Einige meiner Kollegen, die beizeiten eine private Pensionsversicherung genommen haben wollen mit 55 gehen. Und schliesslich kann man es wie meine Nachbarin machen: von den Renten seines Vermögens leben.

Wann geht man bei euch in Pension? Und wie lange hast du die Absicht noch in deinem Beruf zu bleiben? Ich drücke mich so aus, weil ich denke, dass du auch nachher mit irgendetwas weiterarbeiten wirst.. Oder machst du es wie ich und schiebst deine Träume vor dir hin bis sie sich in Nebel auflösen und kaum mehr sichtbar sind? Ich weiss, das klingt etwas trist. Vergib mir!

Dies ist meine letzte Seite in dem heutigen Stundenbuch. Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und wunderschöne freie Tage. Denk ab und zu an den hohen Norden.
Mit einer Week-endverpackung von lieben Gs und Ks,
Ich SSSS dich..
Malou

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Ämne: RE: Stundenbuch... minutiös
Datum: den 20 februari 2004 17:14

Liebe Malou
Wunderbar, Dein Stundenbuch, und wunderbar Deine Formulierung, die Träume vor sich her zu schieben, bis sie sich in Nebel auflösen. Woher bloss diese pointierten Formulierungen, meine Liebe? Und wenn Du kannst, schick mir ein Bild vor und nach dem Coiffeur. Es gibt doch diese Werbung ‚Vorher-Nachher’. Ich bin wohl zu spät jetzt für eine VORHER-Fotographie, dann schick halt bloss ein Nachher. Und ich stelle mir die VORHER Aufnahme nach Deiner Schilderung in meiner Fantsie vor. Du hattest so ein Schwänzchen hinten, das finde ich süss. In meinen Jugendjahren war ich mal in einer gewissen zeit ganz schwach für diese Schwänzchen. Doch heute wechseln die Frauen ab zwischen Schwanz, hochgebunden, und offen. Das finde ich schön und feminin und abwechslungsreich. Sie haben wohl bemerkt, dass sich männer allzu rasch langweilen ob Monotonie.

Wir gehen mit 64 in die Rente. So glaube ich wenigstens. Aber vielleicht ergibt sich plötzlich früher eine Lösung, das weiss man nie so genau. Doch bei uns in der öffentlichen Verwaltung sind sie nicht grosszügig wie bei den Banken oder in der Chemie. Dort gehen die Leute oft schon zwischen 55 und 60, ohne nennenswerte Einbussen. Na ja, die hatten allerdings vorher auch ein härteres und gestressteres Leben als wir in der Erziehung.
Irgendwie hoffe ich, dass ich bis 64 arbeiten kann. Manchmal habe ich im Moment ein bisschen Mühe. Aber wenn ich von all meinen älteren Kollegen die besterhaltenen anschaue, so waren es diejenigen, die bedauerten, in Pension gehen zu müssen, die gerne noch weitergearbeitet hätten. Und gerade gestern habe ich am Fernsehen eine Sendung gesehen über Swisscontact. Ehemalige Berufsleute können sich melden, um sich für einen Auslandeinsatz zur Verfügung zu stellen. Ein Bäckermeister ging in die Sowjetunion und zeigte in einer kleinen Bäckerei einige neu Gebäcke. Eine Hotelfachfrau hat ein Hotel in der russischen Provinz beraten. Und irgend jemand ging nach Südamerika. Einer meiner Kollegen, ein ehemaliger Sekundarlehrer hat in Afrika einen solchen Einsatz gemacht und sehr davon geschwärmt. Vielleicht kann ich auch mal so was tun. Vielleicht gibt’s in Norrland eine vergammelte Schule, die für 3 Wochen einen ehemaligen Schulpsychologen brauchen könnte?? ;--))
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Wenn ich die Pensionisten in der Schweiz sehe, dann denke ich, die meisten scharen sich zu grossen Gruppen zusammen und wandern, besetzen ganze Eisenbahnwagen, sitzen in den Cafés herum. Ich habe mir auch gedacht, ich könnte ein oder zweimal wöchentlich irgendwo eine Gruppe von fremdsprachigen Kindern betreuen und ihnen beim Spiel einigermassen Deutsch beibringen. Aber vielleicht habe ich nicht soviel Geduld. S kann so was sehr gut. Sie ist sanft, aber sehr konsequent. Das ist für Kinder eine gute Mischung.

So bedanke ich mich für Dein Stundenbuch. Ich glaube, so muss man es machen, damit man die Zeit effektiv und optimal amortisiert (gutes Wort, nicht wahr!). Ich meine, jede Stunde zu beschreiben, das ist doch wirklich eine eingehende Nutzung.

Mit lieben Grüssen zum Wochenende
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