Samstag, 27. Februar 2016
25/3 - 08:10 und 18:15
Ämne: RE: tropfnasserdonnerstagmorgenumsiebeninderfrüh
Datum: den 25 mars 2004 08:10
Liebe Malou
Höre ich richtig? Du hast wieder ein Mail in den Wind gesetzt? Das hört sich an wie Flaschenpost, die man, wie Du weist, irgendwo und irgendwann aussetzt, in der Hoffnung, irgendjemand würde sie dann finden. Nein, soviel Gottvertrauen sollte verboten sein.
Lustig der Name Marienberg. Klingt wie ein Pilgerort mit einer grossen, schönen Kirche auf dem Berg oben, wohin die Menschen an hohen kirchlichen Feiertagen herpilgern, um in sich zu gehen und den lieben Gott wieder einmal zu fragen, was er denn meint zum bösen Lauf unserer, oder vielleicht besser ‚seiner’ Welt. Wenn man denkt, dass in der alten Zeit viele christliche Kirchen an Standorten und auf den Mauern von alten Gebäuden des Mitrakultes gebaut worden waren, und wenn man bedenkt, dass nach der französischen Revolution Kirchen in Ställe und Munitionslager umgebaut worden waren, so kann man sich heute leicht vorstellen, aus einer hübschen gotischen Kirche ein grosses Einkaufszentrum zu gestalten. Na ja, es wäre vielleicht ein bisschen hoch mit seinen Spitzbogenfenstern. Und in die Türme könnte man je einen geräumigen Lift einbauen, mit dem man oben das gemütliche Turmcafé erreichen kann. Man hat von dort oben einen hübschen Ausblich über die Stadt, die sich den Marienberg hinunterzieht. Und die Beichtstühle im Erdgeschoss werden als Kuschelecken von den jungen Kunden geliebt, wo sich die Neuverheirateten oder solche, die es werden wollen, eng an einander schmiegen können, um sich von den Strapazen des Einkaufs ihrer Haushalteinrichtung zu erholen.
Was Du über die Wahrheiten sagt, zeigt, dass Du echt platonisch denkst. Das haben wir ja schon bei der platonischen Liebe festgestellt. Platonische Liebe, platonische Wahrheit, ist alles einerlei. Auf jeden Fall ist es natürlich auch tief katholisch, so wie das alles eben nur auf dem Marienberg sein kann.
Wenn ich Dich heute nach L. einladen würde, müsstest Du den Perlzmantel einpacken. Und vielleicht ein paar hohe, wasserdichte Stiefel. Es ist fotzeliges Wetter, so dass man keinen Hund auf die Strasse lassen würde. Heute Morgen, als ich mir mein Frühstück bereitete, hat es sogar geschneit. Jetzt regnet es unverdrossen. Vom Kamin im Haus gegenüber steigt ein kleines Räuchlein. Dort wird offenbar tüchtig geheizt. Und die Strassen sind leer. Kein Mensch geht bei einem solchen Wetter vor die Tür. Keiner!
Heute habe ich um 10 eine Sitzung in Basel, deshalb bin ich mit dem PW hergefahren. Und so konnte ich auch vermeiden, all zu lange durch die Nässe zu gehen. Als ich früher ab und zu bei meiner Oma in Liestal in den Ferien weilte, war ich stets erfreut über die feuchten Strassen nach dem Regen, die kleinen Weglein, die oft mit Moos und oder feuchtem Laub belegt waren. Das fand ich ganz ausserordentlich angenehm und komfortabel weich, denn vom Wallis her waren wir Feuchtigkeit nicht gewohnt, dort war alles trocken, hart und spitzig
Was in aller Welt ist Distanzunterricht? Lass mich raten. Dort lernt man die Distanzen im Wiestaleltall, die Kilometerzahl von der Erde zum Mond beispielsweise, oder jene bis zum Mars. Solch einen Unsinn mussten wir mal lernen. Ach nein, jetzt erinnere ich mich: Distanzunterricht ist Unterricht zuhause, damit die Schüler, die einen weiten Weg haben, zuhause bleiben und von der Zeit profitieren können. So was gibt es bestimmt auch in Australien, wo Kinder über das Radio instruiert werden. Ach wie wünschte ich mir Distanzunterricht. Ich würde mich im Bett unterrichten und vorerst mal alle meinen alten Träume repetieren. Vielleicht sogar auswendig lernen, wenn das gefragt wäre. Und um 10 liesse ich mir - am Bett - einen süssen Espresso servieren, um so organisch zur Lektüre der Tageszeitung über zu gehen, und um schliesslich bei irgend einer hübschen Lektüre zu landen. Wenn es hoch kommt, würde ich zum Mittagessen aufstehen. Aber dann gleich für die Siesta wieder abtauchen. Siesta ist auch eine Art Distanzunterricht. Man versucht dabei, von der Hektik des Tages ein wenig Distanz zu gewinnen. Und nach 16Uhr würde ich mir die Freiheit nehmen, schulfrei zu machen. Denn die Zeit brauche ich natürlich für meine Hausaufgaben. Ach, wie wünschte ich mir Distanzunterricht, und warum - zum Teufel - ist die Schweiz ein so kleines Land, wo jeder kleine Lausbube in einer halben Stunde auf dem Schulhof sein kann, um die Fenster des Schulhauses mit Schneebällen zu bewerfen.
Von den Tauben heute morgen natürlich keine Spur. Wo wohnen sie bloss? Ich meine, haben sie eine feste Adresse? Vielleicht in einem Gartenhaus, wo sie durch die Luke einsteigen können, um es sich in der Ecke auf den Stuhlpolstern gemütlich zu machen und ihre Orgien zu feiern? Oder in einem Dachstock, rundum behangen von Spinnennetzen, wo es trocken ist, was Tauben bestimmt mögen? Übernachten sie in grösseren Gruppen oder bloss zu zweit? Gibt es auch Singles, die sich jede Nacht woanders verkriechen und Wärme suchen? Ach die Tauben, man weiss so wenig über sie.
In Basel ist man dran, Abfalltrainer auszubilden. Sie werden später die Aufgabe haben, die Bevölkerung aufzuklären, besonders auch fremdsprachige Menschen, wie man mit dem Abfall umzugehen hat. Abfall ist ja bekanntlich geradezu zu einer Wissenschaft geworden. Die Pet-Flaschen, die Glasflaschen, die Büchsen, das Papier, die Küchenreste: alles wird separat gesammelt und recyclet. Ach, die guten alten Zeiten sind vorbei, wo man die Dinge einfach so wegwerfen konnte. Heute überlegt man sich die Probleme schon beim Einkauf, und man zögert.
Jetzt habe ich die Tauben erspäht. Es ist eine Gruppe von 15 bis 20 Tieren. Und sie fliegt in unregelmässigen Kurven grosse 8-förmige Figuren über verregneten Ort. Wahrscheinlich werden sie sich später auf dem Dach gegenüber am Wasserturmplatz über diese Frühgymnastik brüsten und sich dabei die Schnäbel zerreissen. Sie fliegen alle so überzeugt. Keine scheint zu zögern. Keine will ausbrechen und sich ausruhen. Es sieht aus wie ein eine gut verabredete Sache.
Ach, es ist schon spät. Ich muss mich meinen kleinen Sorgenkindern widmen, die hier auf dem Pult und überall im Büro herumliegen. Die armen Waisenkinder warten nur darauf, dass man sich mit ihnen beschäftigt.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit l GuK
...
Ämne: Schneeflocken, Tauben, Kraniche, Abfall u.a.m
Datum: den 25 mars 2004 18:15
Lieber ...,
Lustig, wie du mir immer wieder "katholische Eigenschaften" zuschreiben willst. :-) Und wie ich sehe hat mein Gottesvertrauen schliesslich doch geholfen und auch die Flaschenpost hat ihr Ziel erreicht.
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Gestern Abend kam ein Anruf. "Bist du das Marlena?" sagte eine sehr greisenhafte Stimme, die ich nicht richtig einordnen konnte unter meinen Bekannten. Einen kleinen Moment hoffte ich es könnte Jan sein. Er war mal mein bester Freund (Bruder, Vater und alles was man sich noch wünschen kann zugleich). Ich habe ihn schon lange für tot gehalten, weil er mir sonst sicher mindestens einmal im Jahr von irgendeinem Kontinent ein Lebenszeichen geschickt hätte.
Es war leider nicht Jan, sondern Lennart, ein früherer Kollege, der auch Deutsch gab und der schon ein paar Jahre in Pension ist. Jetzt hält er ab und zu Vorträge für andere Pensionisten über alles mögliche. Er gehörte zu den äusserst gebildeten Studienräten, die noch eine gediegene klassische Bildung erhalten haben. D.h. Leute, die so 10 Jahre älter sind als meine versäumte Generation. Nun wollte er einen Vortrag über den zweiten Weltkrieg halten und dabei suchte er die "Briefe aus Stalingrad", von denen er dem Publikum einige vorlesen wollte.
So habe ich heute ein wenig in unserer Institution herumgestöbert auf den Büchergestellen, wo wir alte Bücher aufbewahren, von denen wir uns bisher nicht trennen konnten, die wir aber längst vergessen haben. Leider gab es sie nicht, die Briefe aus Stalingrad. Dagegen habe ich ein paar wunderbare Anthologien mit deutschsprachigen Schriftstellern gefunden, zum Teil auch solche, die ich bisher nicht kannte. Und da ich weiss, dass heutzutage niemand mehr so viel Deutsch kann, dass er sie lesen würde (darin sind auch die Lehrer einbegriffen) so habe ich sie mir mit nach Hause geliehen. Ich werde fast traurig, wenn ich sehe auf welch hohem Niveau einmal der Deutschunterricht gestanden hat. Heutzutage wären diese Bücher sogar für die Studenten an der Uni zu schwer. Und es tut mir auch leid um die Schüler, die nicht richtige Literatur zu lesen bekommen sondern nur ziemlich alltägliche, kindische Texte ohne grossen Sinn. OK... ich muss das Thema verlassen.
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Nein, Marieberg ist wirklich nicht was du dir vorstellst. An und für sich lustig zu sehen, was deine Fantasie damit macht. Marieberg ist ein IKEA-ähnliches Gebäude von aussen gesehen.. (siehe Bild unten) 32.000 kvadratmeter Fläche, 2.200 Parkplätze .. du siehst, es ist ziemlich gross, aber innen doch ganz schön und gemütlich. sogar mit ein Bisschen Natur in der Mitte mit plätscherndem Wasser. Und ganz in der Nähe gibt es viele andere grosse Kaufhäuser.. u.a. auch IKEA.
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Jetzt schneit es wieder. Es ist Kuschelwetter. Ich meine am liebsten würde man unter eine warme Decke verschwinden mit einem interessanten Buch. Aber vorher möchte ich noch meine frierende Seele mit etwas Tee erwärmen. Kommst du auch? ;-)
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Wenn du so deine Tauben beschreibst, dann weckt das viele schöne Erinnerungen an Bücher, die ich als Kind gelesen habe oder dann später mit Anna. Bücher in denen Tiere die Hauptpersonen sind und es uns Menschen nachmachen. Ach wie sehr ich diese Bücher mochte. So viele schöne Bilder sind auf meiner Netzhaut hängengeblieben.. denn es gab sie, die schönen Illustrationen dazu.
Fast möchte ich mir ein Buch von dir wünschen, wo du über deine Tauben schreibst. Und ich möchte Illustrationen dazu sehe, mit dem Gartenhaus, wo sie durch die Luke einsteigen können, um es sich in der Ecke auf den Stuhlpolstern gemütlich zu machen und ihre Orgien zu feiern?
Das wäre doch was, oder? Hat doch noch niemand vor dir gemacht. Und Kinder werden sich ewig freuen, wenn sie eine Taube erblicken und an deine schönen Geschichten denken. Mach es doch!
Hast du übrigens die schönen Bilder von den tanzenden Kranichen gesehen, die ich dir mal beigelegt hatte?
Wenn ich an Kraniche denke, muss ich wieder zurückdenken an Uppsala, wo der alte blinde Mann (dem ich manchmal die Zeitung vorlas) in seinem Rollstuhl mir das Gedicht "Die Kraniche des Ybikus" (von Schiller glaube ich) vorsagte. Und wie ich entdeckte, dass sich in einem kaum mehr funktionierendem Körper eine ganze Welt von Schönheit verbergen kann.
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Der Distanzunterricht ist nur dazu da, um zu beweisen, dass es dieses Fernsehstudio gibt und dass es seine Berechtigung hat. Vielleicht ist es etwas spannend für die Schüler ein paar Tage so zu arbeiten aber wie die meisten selbst sagen es "gibt ihnen nichts" und sie hätten mehr gelernt wenn sie stattdessen ihren gewöhnlichen Unterricht gehabt hätten.
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Ach, erst jetzt beginnt ihr euren Abfall zu sortieren? Das tun wir schon seit ein paar Jahren. Flaschen, Dosen und Kartons sowie Zeitungspapier wird in dafür aufgestellte Behälter gelegt. Und hat man einen Garten, dann gibt es da meistens auch einen Kompostbehälter.
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Nun muss ich schliessen und hier ein wenig Ordnung bringen. Auch einen Test korrigieren, den ein Klasse heute geschreiben hat.
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Abend bzw einen schönen Tag morgen,
K+S
Malou
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