Montag, 5. Mai 2014

Riesenglück gestern

Ämne: Kon Tiki
Datum: den 19 april 

Liebe §§§-treue
Och, mit "Herzblut und Sentimentalität", wo denn sollte ich dies morgens um
sieben, da die Welt noch in Ordnung sei, wo denn sollte ich diese beiden
Konfituren hernehmen? Ich bin eben erst aufgestanden, habe einen Kaffee kurz
hinuntergespühlt, bin auf die Eisenbahn geeilt. Und jetzt sitze ich im Büro
und sollte schon Herzblut tropfen! Das ist vielleicht etwas
stressverdächtig!
Gestern hatte ich ein Riesenglück. Eigentlich wollte ich abends allen
meinen Lieben und Bekannten einen Champagner Umtrunk stiften. Ich hatte, an
diesem gewöhnlichen Aprilabend echt den Eindruck, der Liebe Gott hätte es
mit mir besonders gut gemeint. Und das kam alles so und unversehens. Ich
hatte einen Termin in Basel, auf unserem Büro. Schliesslich müssen wir die
gesetzlichen Grundlagen für unser neues Bildungsgesetz überarbeiten, welches
zur Zeit gerade im Parlament beraten wird. Der Termin war um 10h. Ich hatte
etwas Zeitreserve und fuhr rechtzeitig los. Und ich fuhr deswegen auch über
den Berg. Diesen Weg habe ich Dir früher einmal beschrieben. Es ist eine
enge Strasse, die hinauf über die Berge des Juras führen. Und weil ich im
Wallis autofahren gelernt habe, bin ich der Meinung, ich sei ein absolut
spitzenmässiger und erstklassiger Bergfahrer. Bin ich auch, unter uns
gesagt! Oben, in der Nähe der Schönmatt, einem bekannten Ausflugsrestaurant,
bin ich rechts abgebogen. Ich bin diese Strecke noch nie gefahren, und ich
wollte auskundschaften, ob sich dort vielleicht eine Stelle finde, wo ich an
einem milden Sommerabend im August ein Picknick veranstalten könnte. Die
Strasse war gut geteert und in der Breite ungefähr so, dass zwei schmale
Autos knapp kreuzen konnten. Plätzlich führte die Strasse ziemlich steil den
Berg hinunter. Ich glaube, dass man dort, wenn man weiter fuhr, schliesslich
irgendwie nach Muttenz gelangen könnte. So wendete ich an einer kleinen
Kreuzung, wo ein Waldweg abbog, und fuhr wieder zurück, in der Ueberzeugung,
dass sich in diesem Bereich wirklich kein Picknickplatz finde. Plötzlich
schoss mir auf dieser schmalen Strasse aus einer Kurve ein Auto entgegen. Es
ist merkwürdig, wieviel man in einem solchen kurzen Moment denken kann. Ich
fuhr recht langsam und wäre sagen wir in einem oder anderthalb Metern zum
Stehen gekommen. Er fuhr aber mindestens 20 oder mehr km/h. Ich hörte, wie
er voll bremste, das heisst, die Pneus auf dem holperigen Asphalt
schlitterten. Der Wagen segelte mir entgegen und ich sah und hörte ihn
seitlich vorne in meinen Audi krachen. Ich hörte es schon. Das habe ich noch
nie so erlebt. Und irgendwie dachte ich dabei noch, na ja, so ist es im
Leben, man hat nicht alles unter Kontrolle. Sei es eben. Ich bremste nicht,
sondern gab eher gas und fuhr seitlich rechts hinaus, wo der Abhang immer
näher kam. Ich glaube, ich schloss dann irgendwie die Augen und bereitete
mich darauf vor, das Krachen und Scheppern und Klirren entgegenzunehmen.
Aber der dunkle Wagen schlitterte vorbei. Ich dachte, nun ja, dann erwischt
er mich halt hinten links. Ich spürte den Stoss, der mich ein bisschen
gegen die Tür schleuderte. Nichts geschah. Der Wagen war vorüber. Ich gab
mehr Gas und drehte zurück in die Mitte der Strasse, presste einen zünftigen
Fluch hervor, den ich diesem Rowdy nachschickte, und fuhr meines Weges. Mit
hohem Puls, zugegeben.
Ach, wenn ich denke, wieviel Umtriebe mich erwartet hätten, dort oben im
Wald. Wie hätte ich beweisen können, dass er so schnell daherkam. Ich nehme
überigens an, dass es ein sehr junger Fahrer war. Einer in meinem Alter
fährt nicht so diese Strasse hinunter. Und er konnte offensichtlich nur so
draufgängerisch drangehen, weil er dachte, es gäbe auf dieser Strecke
absolut keinen Gegenverkehr. Und ich glaube, in der Regel gibt es dort auch
keinen Gegenverkehr. Stell Dir vor, das kaputte Auto, die Polizei, mein
Arbeitgeber - bei dem ich versichert bin - der wissen wollen würde, was ich
denn dort oben auf diesem Waldweglein zu suchen hätte, die Reparaturen,
vielleicht Abschleppdienst, die verpasste Sitzung....es ist gar nicht
auszudenken, wie mich das für die nächsten drei Wochen beschäftigt hätte.
Ja, eigentlich müsste ich sagen, er hat Glück gehabt. Und nach etwa 10
Minuten bedauerte ich, nicht angehalten zu haben, um ihm meine Meinung zu
sagen. Aber ich weiss gar nicht, ob er nachher angehalten habe. Ich war so
schockiert und ausser mir, dass ich nicht mal in den Rückspiegel geschaut
habe. Das bedauerte ich, den wir haben im Deutschen ein paar handfeste
sprachliche Ausdrücke, die man in einer solchen Gelegenheit passend hätte
platzieren können. So war ich abends, als ich zu Walter fuhr, in
grossartiger Stimmung. Und wenn ich am Strassenrand einen armen Schlucker
gesehen hätte, ich hätte ihm sicherlich mit Leichtigkeit und Übermut meine
ganze Börse in die Hand geleert. Ich hätte die feste Überzeugung gehabt, der
arme Kerl hätte soviel ohne Zweifel verdient.
So läuft das Leben. Und dabei darf ich Dir gar nicht erzählen, dass ich im
Moment und nach Stuart Mill die kleine Schrift DE BREVITATE VITAE von
Seneca lese, in einer Ausgabe, die Latein und Deutsch gleichzeitig enthält.
Der gute alte Seneca, stell Dir vor, der Hauslehrer Neros, zeigt mir
endlich, wie ich mit meiner knappen Zeit umgehen sollte. Und er ist strikt
mit mir: keine Saufgelage, keine Umtriebigkeit, keine unnützen Kontakte mit
Leuten, die nichts bringen, keine falsche Geschäftigkeit, nur die
Konzentration auf das Wesentliche und die eigenen Ziele im Leben, nur das
bringt es. Ich denke, ich werde wie meine §§§-treue Freundin in Zukunft
ganze Abende zu meiner eigenen Verfügung haben. Herrliche Zeiten kommen auf
mich zu.
*
Ja, finde ich auch, erst einmal solltest Du Dich durch Rom essen. Und dann
kannst Du sehen, ob noch etwas Appetit für Europa übrig bleibt. Was mich
betrifft, so würde ich  ... 
(...)

Du glaubst nicht, dass ich harmoniesüchtig sei? Da sieht man wieder einmal,
wie wenig man sich in einer Schreibfreundschaft kennenlernt. Ist doch
wirklich merkwürdige. Die meisten Probleme, die ich hier in meinem Job habe,
hängen damit zusammen, dass ich mit den Leuten viel zu lieb und zu
nachsichtig bin. Das mindestens ist meine Meinung.
*
Und jetzt muss ich enden. Vielleicht lässt Du über dieses Mail ein oder zwei
Löffel von jenen Konfitüren träufeln? Und dann wäre es doch schon fast das,
was Du als Heilmittel lobst und Dir wünschst. Oder nicht?
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit einem lieben Gruss
...

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