Donnerstag, 22. Mai 2014

Evolution u.a.m.


Den 21 juni  14:41
Re: Samstagnachmittagbeivollemsonnenschein

Liebe Marlena
Heute sei Sommeranfang, sagen sie am Radio alle halbe Stunde. Als ob man uns das noch sagen müsste. Das Wetter macht den Tatbeweis. Der Himmel ist himmelblau, wie es im Buch steht. Und die Sonne ist schon ziemlich warm. Man denkt an die Adria und an schöne Stunden in Arles. Ich sitze im Büro und räume ein bisschen auf. Gut, ich muss zugeben, dass ich gleich vorhin ins Nahe Kaufhaus gegangen bin, um mir eine Doppelpackung Bier zu holen. Und in der Zwischenzeit sind die ersten zwei Fläschchen im Tiefkühlfach temperaturmässig soweit unten, dass ich sie küssen kann. So leicht sind die kleinen Freuden des Lebens zu erreichen!
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Aber sonst versuche ich etwas aufzuräumen. Ich habe gestern im Fernsehen eine lustige Sendung gesehen. Eine Frau, um die 60, hat sich darauf spezialisiert, in Büros für Ordnung zu sorgen. Sie wird tageweise angestellt und greift dann - von Pult zu Pult - von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz - radikal durch. Das schafft ziemlich viel Luft in den Büros. Und das scheint wirklich befreiend zu sein. Bei mir ist die Sache so: anfangs Juli will der neue Chef bei uns zu Besuch kommen. Und wenn er zufällig bei mir hereintreten sollte, so muss ich doch etwas mehr vom Holz des Pultes zeigen. Es macht einen absolut schlechten Eindruck. Ach, ich habe Dir diese meine Misere schon oft geschildert. Und es ist gut, ab und zu wieder einen Anlass zu haben, daran zu arbeiten.
Wenn ich mich richtig erinnere, waren solche Büros, wie ich eines habe, zu meiner Jugendzeit hoch im Kurs. Ich habe die vielen Papiere und Bücher immer mit der Vorstellung von Arbeit verbunden. Ein aufgeräumtes Büro mit einem leeren Schreibtisch, das hat nichts mit Arbeit zu tun. Ich meine, sowas kann sich bloss der Generaldirektor leisten, der bloss zu reden braucht und sonst nichts zu tun. Aber wir armen Proletarier, wir arbeiten doch und wir brauchen dazu etwas in die Hände. Wenn ich eine Digitalkamera hätte, würde ich Dir meinen Haufen zeigen. Er ist absolut romantisch und jeder anständige Mensch würde sich darin verlieben. Aber eben ... Chefs sind anders. Sie sind wirklich anders.
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Eigentlich sollte ich zur Zeit meine Zeitung lesen. Aber meine Lust dazu ist minimal. Ich habe gestern noch ein paar Bücher geholt, um zu rezensieren. Das packt mit zur Zeit mehr. Ein hübsches Buch Don Quichotte von Erich Kästner habe ich eben angeschaut. Es ist hübsch gemacht, mit einen verführerischen Vorwort, wie man es bei Kästner gewohnt ist. Und die Illustrationen sind auch ganz gut. Horst Lemke hat sie gemacht, ein guter Zeichner, der die Sache auf den Punkt trifft. Und jetzt bin ich gerade an einem Büchlein über die Evolution, die eine solch interessante Perspektive der Welt darstellt, und die auf dieser grossen weiten Welt nur von zwei oder drei Menschen bislang nocht geleugnet wird... Der andere ist der Papst.
;--0.
Es ist wirklich eine irritierende Vorstellung, dass die Natur oder die Schöpfung oder wie man diese Tatsächlichkeit auch immer nennen will, dass sie keinen Sinn hat. Ich erinnere mich, wie unser Kunsgeschichtelehrer am Gymnasium, ein ehrenwerter katholischer Priester, der für viele Jahre Rektor der Schule war und später in einer Respektsposition in der Nähe des Bischofs von Sitten seine Pension und seinen Lebensabend verbringen konnte, dieser Lehrer also hatte die Frage aufgeworfen, wofür denn Gott die Welt erschaffen hätte. Sowas hatte ich mir vorher nie überlegt. Und er der Herr Rektor meinte, er hätte dies zu seinem eigenen Vergnügen getan. Einzig und allein, um seine Langeweile zu besänftigen. Soviel Nutzlosigkeit hätte ich, ehrlich gesagt, auf dieser Welt nie erwartet. Aber der Gedanke gefiel mir ungemein. Der Liebe Gott wie ein greiser alter Mann, der bloss noch so mit den unnützen Dingen herumspielt.
Die Evolutionisten behaupten ja nun, dass in der Evolution keinen Sinn enthalten sei. Alles verändert sich. Wenn man beispielsweise fragt: warum ist der Eisbär weiss? so gibt es dafür keine Antwort. Man sollte eigentlich fragen: Warum bleibt der Eisbär weiss? Das ist eine gute Differenzierung. Als Elemente der Evolution bezeichnet der Autor die Variation (durch ständige genetische Neumischung der Fortpflanzung), der Konkurrenzkampf des Überlebens und und die Vererbung.
Die Verführung, in der Schöpfung einen Sinn und ein Ziel zu sehen, entsteht daraus, dass sich die Lebewesen von einfachen Einzellern zu relativ komplizierten Menschenaffen hinentwickelt haben. Und das schaut schon ziemlich aus wie ein Weg nach oben. Das ist ja doch für Teilhard de Chardin das Phänomen der Vorwärtsentwicklung. Es würde uns allen - nicht bloss den Katholiken - schwer fallen, beim Vergleich zwischen Einzeller und Mensch nicht beim Menschen vom "höheren" Wesen zu reden. Und die Eviolutionisten sagen jetzt eben, dass der Mensch ein Produkt des Zufalls sei, ein Resultat von Versuch und Irrtum. Das Problem sei, dass wir den Ausschuss, den die Evolution geschaffen hat, nicht sehen können. Wir sehen nur die paar gelungenen Resultate, die überlebt haben. Und darin sieht man doch auch, dass der Autor ein Element der Evolution zu nennen vergessen hat. Es ist die Zeit, das heisst, die unendlich vielen Generationenfolgen der Lebewesen, die er nicht erwähnt hat.

Interessant ist aber wiederum, dass er beispielsweise die Entwicklung von MS-DOS und dann Windows als Phänomen der Evolution ansieht. Ist das nicht wirklich interessant. Ich meinerseits hätte sowas als Kolateralschaden der Evolution angeschaut, das heisst als relativ nebensächliches Nebenprodukt. Aber vielleicht habe ich wirklich einen viel zu engen Begriff der Evolution. Vielleicht sind meine Mails auch ein Aspekt der Evolution, ebenso wie die Autobahnen und die Mondfahrt. Irgendwie hat man dann doch den Eindruck, es liefe alles vorwärts, aber vorwärts wohin? Geht es denn nicht immer weiter auf dem Weg in Richtung Verrücktheit! Und ist denn der Weg Richtung Verrücktheit vorwärts? Es ist ein Weg des Zufalls, das darf man nicht vergessen. Und nur ein religiöser Mensch wird behaupten, dass in der Evolution eben nicht das Ziel direkt vorgegeben sei, sondern eine Grundidee, zum Beispiel durch die Definition der Prinzipien, die dort wirksam sind. Daran sieht man wiederum, dass Wissenschafter einerseits sehr dumm und andererseits sehr intelligent sind. Manchmal gleichzeitig. Und auf der anderen Seite wirken Sufis sehr weise, auch wenn sie sehr dumm ausschauen.
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Das ist doch ein quälender Gedanke, dass es auf dieser Welt nicht vorwärts gehe, findest Du nicht? In jedem Fussballmatch geht es vorwärts, noch wenn die eigene Mannschaft verliert. Aber in der Schöpfung scheint wirklich vor sich hin zu dümpeln. Das ist schmerzlich, aber doch irgendwie auch tröstlich. Ich glaube, die Katholiken spüren mehr von diesem Trost als wir aufgeregten Protestanten und Lutheraner und Reformierten.
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Vielleicht ist es das Bier, dass meine Gedanken so rasch ins Blühen und dann wohl auch bald ins Welken kommen.
Deshalb lasse ich es jetzt lieber.
Ich wünsche Dir einen schönen und heissen Sommertag.
Mit lieben Grüssen

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