Freitag, 9. Mai 2014

Visp im Wallis



(R)

Du bist also in Visp gewesen? Ich bin wirklich erstaunt, was du mir hier alles zeigst, Marlena. Visp ist eigentlich ein nicht zu grosser Ort. Aber wenn Schnee liegt, dann schaut es ganz sauber und ziemlich angenehm aus. In einem Bild siehst du weit hinauf ins Tal. Dort hinten, in der Ferne, am Fusse des schneebedeckten Berges, dort bin ich zur Schule gegangen. Und etwas rechts oben an den Hängen sind wir an den freien Mittwoch Nachmittagen Skilaufen gewesen, bei eben diesem Schönwetterhimmel, den du auf dem Foto siehst. Ich habe übrigens ein ganz ähnliches Foto in meinem Büro hängen, das ich einmal aus der Zeitung ausgeschnitten habe. Allerdings ist mein Heimweh heute nicht mehr so stark, und etwas allgemeinerer Art. Ich wünschte nicht mehr, in Visp zu leben. Ich glaube, es würde mich dort rasch und stark langweilen. Aber in einem allgemeineren Sinn zieht es mich ins Wallis, wegen der Landschaft allgemein, wegen der Leute, und wegen des Weines. Du siehst im Vordergrund die Rebberge von Visp. Dort wächst zwar kein Spitzenwein, aber immerhin Wein.

Du bist lieb, mir einen solchen heimatlichen Anblick zu ermöglichen. Die Wehmut, die mit diesen Bildern aufsteigt, hängt weniger an den Bildern selbst, als vielmehr an den Erinnerungen der Jugend, den Jugenderlebnissen, dem offenen jugendlichen Lebensgefühl, die so intensiv, überwältigend, weit und lang andauernd sind. Die engen und unangenehmen Erfahrungen, die Ängste und Sorgen, sie sind weggeschmolzen wie Schnee vom letzten Jahr. Wenn ich ab und zu in diesen Teil des Wallis zurückkehre, dann bin ich beleidigt, weil man überall neue Gebäude, Strassen und Mauern gebaut hat, ohne mich zu fragen. Ich fühle mich verletzt, weil man meinen Erinnerungen unrecht gibt. Wo ich doch felsenfest überzeugt bin, dass es anders gewesen war und immer noch anders sein müsste. An jeder Ecke beweist mir die Realität, dass ich mich irre, dass ich falsch habe. Und das schon in der Tatsache, dass alles viel kleiner ist, als ich es mir in der Erinnerung vorgestellt habe. Ach, ich kann die alten Leute verstehen, die unter uns leben, aber sich kaum mehr zuhause fühlen, weil sich in den 70 oder 80 Jahren ihres Lebens wirklich alles verändert hat. Gefühle sind sehr konservativ. Gefühle sind geradezu reaktionär.

Es ist wie in deiner wunderschönen Geschichte, wo die Schwarzen auf ihre Seelen warten. Die Seelen sind immer etwas hinterher, brauchen Zeit und trödeln in der Gegend herum. Ich habe diese Geschichte schon gehört oder darüber gelesen, aber ich habe sie mittlerweile wieder vergessen. Sie ist in der Tat gut, und als Psychologe sollte man sie nicht vergessen. Ich danke Dir dafür. Wenn man, auf dem Bild mit Blick ins Tal, wenn man hinten beim Schneeberg nach links weiter das Tal hinauffährt, so kommt man schliesslich in ein wunderschönes Hochtal. Es ist als Gebiet für den Langlauf (nordisches Skilaufen) bekannt und hat viele Loipen. Dort oben leben die Menschen ausschliesslich in Holzhäusern, die aus festen und dicken Stämmen gebaut sind. Und in alten Häusern gibt es unter der Decke der Stube einen kleinen Holzladen, den man öffnen kann und der ins Freie geht. Die Leute haben ihn geöffnet, wenn ein Familienmitglied gestorben ist. Dieser kleine Laden wird deshalb „Seelen-Laden" genannt. Er dient dazu, die Seele der Verstorbenen entwischen und zum Himmel aufsteigen zu lassen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen