Sonntag, 25. Mai 2014

coffetime, mein Schwesterchen


Subject: coffetime, mein Schwesterchen
Date: Fri, 19 May 2000 05:35:22 GMT


Liebes Schwesterchen Malrena

Du bist blauäugig, nicht wahr? Wir können doch nicht eine halbe Stunde chatten. Stell dir vor, wenn wir chatten, dann werden es gute 4 Stunden, und kaum eine Minute weniger. Und dann sitzen wir fast fiebrig vor diesem verfluchten Bildschirm und warten und warten und das System schleppt sich dahin wie eine Schnecke und alle die Leute können dumme Sprüche machen, nur unser wichtiger Satz kommt nie. Er kommt einfach nie. Du könntest verzweifeln, er scheint vom System verschluckt worden sein. Und dann, wenn du längst bei anderen Gedanken bist, kommt dieser verfluchte Satz so langsam und fremd wie ein Findling, wie eine Faust aufs Auge, er passt überhaupt nicht mehr, weil du längst bei anderen Dingen bist. Er verwirrt bloss.

Und so etwas unbarmherziges nennen wir kurz Chat.

Tut mir leid, mein Liebes, aber ich war wirklich abwesend gestern. Es hat mir nicht mehr gereicht.

*

Ich hoffe, du hast mir in deiner Sehnsucht ein schönes langes Mail geschrieben. Schau was du hier sagst: ich könnte dir jetzt viel darüber schreiben aber du weißt wie das kommt. Ich weiss, meine Marlena, ich weiss überhaupt nicht wie das kommt. Und du hast keine andere Wahl, denn zu schreiben. Ich würde dich gerne in meinen Armen weinen lassen, für all die Schmerzen, die du in den vergangenen Jahren erlebt hast. Ich glaube, das wäre sogar schön.

(...)

Du bist doch diejenige, die sich versteckt. Ich bin doch derjenige, der die Kilometermails wirklich schreibt. Manchmal kommst du mir vor wie eine Person hinter einem Milchglas. Du weißt, was das ist. Man sieht diffuse Umrisse, es bewegt sich etwas, du meinst, du hättest einen Arm, eine Hand, vielleicht sogar das Gesicht gesehen, aber dann gibt's wieder eine Bewegung und alles war doch nichts.
Du bist wie eine Person hinter dem eisernen Vorhang.  ...   Also, meine liebe Marlena, wenn hier jemand Phantom spielt, dann bist es du und nicht ich.

Ach, vielleicht bin ich ungerecht. Beweise mir, dass ich ungerecht bin, mein Schwesterchen.

*

Aber ich will nicht nur reklamieren am Morgen früh, wie ein schlecht ausgeschlafener Ehemann. Das wäre doch schlimm. Nein. Schau meine Liebe, es hat mich gefreut, dass du erstmals GKH geschrieben hast. Du verstehst, was ich meine. Es sind die Nuancen, die wichtig sind. Dieses H hast du vorher nie erwähnt. Die Fantasien von Rom habe ich noch nicht aufgegeben, die Hoffnung schon. Es war auch so merkwürdig, welche Argumente du vorgebracht hast. Du hast gesagt, du kannst nicht weg, deine Familie lässt dich nicht gehen. Ok. Das muss ich akzeptieren, kann ich nicht selbst beurteilen. Dann hast du aber auch angedeutet, dass wir vielleich voneinander enttäuscht wären, dass man - wie soll ich sagen - nicht so einfach miteinander ins Wasser springen kann. Das finde ich, ist eine andere Klasse von Argumenten. Wenn du so denkst, dann musst du die nötigen Bedingungen ausdenken und sagen. Vielleicht ist es zu lange, 3 Wochen. Vielleicht in 2 verschiedenen Hotels. Wir treffen uns nach dem Frühstück und verabschieden uns um 1600h. Und wenn ich dann sehr sympathisch bin und du so von mir begeistert bist, kannst du mir eine Viertelstunde länger geben. Dann geben wir uns unseren Abschiedskuss bei der spanischen Treppe um 1615h. Ich bin doch sehr kompromissbereit. Ach, Marlena, du stehst da wie eine Salzsäule und ich ? Das führt doch zu nichts. Es gibt doch keine Freundschaft, wenn einer sich alles allein ausdenken soll. Das führt eher zum Käfig als zur Freundschaft.

*

Es tut mir leid, dass du so früh aufstehen musstest. Das ist phänomenal und ich bewundere dich. Sowas habe ich seit meiner Gymnasialzeit nicht mehr gemacht. Damals bin ich ab und zu sehr früh aufgestanden, weil ich noch etwas lernen musste und am Vorabend keine Zeit mehr hatte. Aber du in deinem Alter, das ich nun ja überhaupt nicht kenne, das finde ich phänomenal. Ich hätte es am Morgen gerne übernommen, dir einen besonders starken Kaffee zu machen. Damit du auch wieder in die Höhe kommst.

*

Findest du nicht auch, die neuen Anreden Schwesterchen und Brüderchen bringen eine etwas andere Gefühlslage. Es ist doch merkwürdig, wie sehr unsere Gefühle an Worte konditioniert sind. Nein, merkwürdig ist es nicht, aber ich beobachte es hier besonders. Darin liegt ja wohl die Wirksamkeit der Liebeslieder, mit denen du mich immer wieder betört hast, vielleicht sogar nolens volens. Ich von mir aus hätte mich nie in dieses weite heikle Feld hinausgewagt. Ich hätte es mir nicht erlaubt. Aber es ist schön, mein Schwesterchen, mach weiter so. Machen wir nun halt inzestuöse Liebe. Auch gut. Das ist gleichzeitig unschuldig und erotisch und dazu noch illegal. Das ist schon eine dicke Packung.

Schwesterchen, ich habe viele Fragen gestellt. Beantworte mir wenigstens einige.

Du bist mein Schatz, Schwesterchen.
...
...

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