Montag, 19. Mai 2014

Nicht enttäuscht


Subject: Guten Tag liebes Schwesterchen
Date: Thu, 18 May 2000 05:26:58 GMT


Liebe Marlena
Hier bin ich schon wieder, meine Liebe, nach ein paar Stunden Schlaf. Es ist vor 0600h und gerade dämmert es. Der Himmel ist mit dunkeln Wolken behangen und wir machen uns auf einigen Regen gefasst. Bei der Thermometer Säule hat es heute rot geleuchtet.

Ich bin weniger enttäuscht, als ich erwartet hatte, wegen deiner Absage für Rom. Ich bin froh, dass es klar ist. Ich bin dir nicht böse. Gestern abend habe ich wieder bemerkt, dass du in einer echt schwierigen Situation bist. Aber wir beide wissen auch, dass du sie selbst willst. Also, was kann ich schon tun?

Für mich wäre Rom (oder was immer, man könnte auch was anderes machen) eine Möglichkeit, uns kennenzulernen. Ich weiss auch, dass wir dort nicht einfach wie ein Liebespaar leben könnten, zb im gleichen Hotelzimmer. Das wäre ein bisschen zuviel verlangt für dich und für mich. Ich hatte einfach den Wunsch, zu wissen, mit wem ich in den nächsten 20 Jahren chatten werde. Und wenn ich es denn auch wisse, dann werde ich es auch 20 Jahre können.

Dann habe ich gedacht, Rom wäre für dich eine einmalige Gelegenheit, weil du die Stadt noch nicht gesehen hast... Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass es noch etwas anderes gibt als unsere Maladi. Wenn wir uns gesehen hätten und wenn wir enttäuscht gewesen wären, dann wäre immerhin noch Rom geblieben, und alles hätte sich dennoch ausbezahlt.

Dann wollte ich etwas machen mit dir. Das fände ich wunderschön. Und ich tue es immer noch.
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Du siehst, meine Liebste, deine Situation beschäftigt mich, und ich bin immer wieder erstaunt, wie du das alles meisterst.

Klar, ich idealisiere dich ein bisschen, aber das machst du bei mir auch. Am Anfang hatte ich das Gefühl, du würdest mir nur soviele Komplimente machen, damit ich warm bleibe, damit ich dir weiterhin Mails schreibe. Dh. ich hatte den Verdacht, du tust nur so, als ob du mich lieben würdest, du spielst mir was vor. Eigentlich hatte ich gar nicht erwartet, dass du dich verlieben solltest. Aber in der Zwischenzeit habe ich bemerkt, dass du wirklich irgendwie an mir hängst. Und weil ich dich eine echt liebe, aber auch eine begabte und intelligente Person halte, die mir viel zurückgeben kann, so bin ich gerne ein Mailfreund für dich. Anfangs hast du auch kaum etwas geschrieben. Ich habe Kilometermails geschickt und du hast gesagt, du hättest leider im Moment viel Arbeit und keine Zeit und so weiter. Ich habe dir viel von meiner privaten Situation erzählt, und du hast sehr wenig gesagt. Wenn man bloss schreibt, weiss man nie genau, ist es bloss eine Ausrede oder ist es wirklich so. Man merkt erst nach langen Jahren, was echt und was vorgemacht ist. Aber jetzt hat sich das geändert. Und gestern hast du sogar beschlossen, mir ab und zu von Anna zu erzählen.

Ich weiss jetzt, dass du wunderhübsch schreiben kannst. Und wenn wir unsere Mailfreundschaft weiterführen, wird noch Routine dazu kommen. Und deshalb denke ich, wir könnten schon gemeinsam was gestalten. Aber vielleicht ist es heute noch zu früh. Wir werden sehen.
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Weißt du Marlena, manchmal denke ich, ich möchte wie ein Bruder zu dir sein. Wir müssen das erotische nicht so stark betonen. Es macht vielleicht diesen holden Schmerz, wie du ihn nennst. Wir haben soviele Gemeinsamkeiten, dass wir uns wie Geschwister irgendwie fühlen können. Das ist doch ein gutes Gefühl. Man weiss, dass man auf der Welt nicht allein ist und wenn man ihn oder sie braucht, ist er da, man kann über alles reden und so fort. Ich bin der ältere Bruder und du bist meine kleine Schwester. Ist das ok? Und ich liebe sie ein bisschen, meine Schwester, wie man auch als Bruder die Schwester beobachtet und merkt, dass sie eine schöne Figur bekommt und dass sie attraktiv ist und dass sie weiblichen Charme hat. Ach nein, das Erotische möchte ich nicht ganz weglassen. Es ist so schön bei dir, wenn wir zusammen flirten können.

Aber ich werde versuchen, nicht mehr zu wünschen, dich zu treffen. Du bist meine virtual sister, ein blosses Bild, wie du mir kürzlich zurückgegeben hast.

Ist es für dich gut so, Schwesterherz. Du hast ein gutes Herz, Schwesterchen. Und darum mag ich dich. Ach, ich erinnere mich, dass du ja einen Bruder hast. Hab ich ganz vergessen. Da fühle ich schon eine kleine Rivalität, aber nur eine kleine.
...
Und einmal, wenn wir alt sind, werde ich meiner Schwester den Turm von Muzot zeigen, und die Kirche von Raron und das Grab, und die Aussicht von dieser Kirche, die so einmalig ist, wenn einem dort oben der Wind an die Kleider geht. Ach, es hat immer Wind im Wallis. Darauf musst du dich gefasst machen. Ich werde ja dann vielleicht kaum mehr Haare haben, im hohen Alter, aber deine werden fröhlich im Winde fliegen.
...

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