Samstag, 17. Mai 2014

Wonne-Monat Mai


(ungekürzt)

Medea

Meine Marlena
Man spricht im Deutschen vom Wonne-Monat Mai. Ich glaube das ist der Grund für meine schwere Maladi im Moment. Es ist wirklich ein akuter Anfall mit schweren Symptomen, fast ein bisschen Fieber und diese Unruhe und dieses Drängen. Vielleicht ist es eine besonders gefährliche Infektionsform, die ich erwischt habe. Vielleicht ist sie schwer zu heilen. Weiss Gott, vielleicht unheilbar!
Und was macht man als Patient dagegen? Etwa kalte Umschläge und Pfefferminzdrops lutschen? Nein, man fragt seine Geliebte, was man tun soll. Denn sie ist ja eigentlich der Virus. Die Heilung kann nur über den Virus geschehen. Man muss ihn irgendwie neutralisieren, isolieren, vielleicht penizillinisieren (dieses Wort gibt es bestimmt nicht, meine Liebe, also nicht in dein vocabulaire aufnehmen). Man könnte auch zur Ader lassen, wie früher die Bader es machten, die gleichzeitig auch die Haare geschnitten haben sollen. Ein paar Blutegel ansetzen und schon lässt meine maladisierende Kraft nach und bald werde ich dastehen so schwach und saftlos und bleich wie eine tragische Heldin.
*
Tragische Heldinnen sind bleich. In einem solchen Satz können wir uns treffen. Man könnte darüber einen geistreichen Essay schreiben. Kannst du dir Jeanne d'Arc mollig und mit roten Wangen vorstellen? Nie im Leben! Oder Medea, die nun wirklich eine sehr tragische Gestalt ist. Es gibt im Basler Antikenmuseum einen spätrömischen Sarkophag, wo die tragische Medea auf einer Seite im Halbrelief dargestellt wird. Die ganze tragische Geschichte, wie sie ihre Nebenbuhlerin durch vergiftete Kleider hinrichtet und wie sie schliesslich in einem göttlichen Gefährt entschwebt. Es ist das schönste Stück im ganzen Museum, und manchmal gehe ich am Sonntagmorgen dorthin, nur um dieses eine Stück anzuschauen. Es ist ein ganzes Reliefband, die Länge des Sarkophages, also in ein einziges Stück Stein gehauen. Und wenn du links zu lesen beginnst, dann ist zuerst die Hochzeit Iasons mit Gauke, der Tochter des Königs von Korinth zu sehen. Medea schickt der Nebenbuhlerin ein mit Zaubermitteln vergiftetes Gewand, das beim Anziehen in Flammen aufgeht, so das Gauke und Iason, der ihr zu Hilfe eilt, verbrennen. Um die Rache an dem ungetreuen Gatten zu vollenden, tötet sie auch ihre beiden Kinder, bevor sie auf ihrem von Drachen gezogenen Wagen entflieht. Es gibt auch ein dramatisches Bild von Delacroix im Louvre, wo sie im Begriffe ist, ihre Kinder zu töten. Ich habe es ziemlich genau in Erinnerung. Dort schaut sie sehr tragisch die erschrockenen und vielleicht schockierten Louvre-Besucher an. Es scheint ihr wirklich ernst zu sein mit ihren Kindern. Und als braver Bürger der Moderne möchte man intervenieren und ihr das Messer aus der Hand reissen. Aber das wagt man nicht, denn sie ist kolossal und bleich.
Und bei diesem Sarkophag, wenn du ein paar Schritte zurücktrittst, siehst du, wie das Band von links nach rechts ziemlich ruhig anfängt. Es gibt diese vielen Figuren, alle ihre Köpfe auf gleicher Höhe (sie sind geordnet und deuten eine Menge an, es gibt dafür einen Namen in der Kunstgeschichte). Und zur Mitte hin wird die Szenerie immer nervöser und unruhiger. Du hast den Eindruck, der Stein ist elektrisiert, und dann nach rechts, zum wunderschönen Wagen Medeas hin, beruhigt sich alles wieder. Es ist wirklich ein wunderbares Stück. Ich weiss nicht, woher die Basler sowas haben. Natürlich ist darin der spätgriechische Einfluss sehr sichtbar, helenistisch heisst das. Es ist also für ein römisches Stück schon sehr fein, eine Spätentwicklung. Da waren die Römer schon ziemlich verweichlicht und verzärtelt, hat man den Eindruck. Das ist schon ihr fin de siecle, ihr langsamer Niedergang nach Augustus.
Wenn du mal nach Basel kommst, würde ich dir dieses Stück zeigen. Ich hätte noch anderes, aber das würde ich dir zeigen. Es ist einmalig schön und fast ohne Beschädigungen erhalten.
Aber wir hatten es doch von den bleichen tragischen Heldinnen. Und von deinem schönen und wahren Satz. Alle, Antigone, Elektra, Iphigenie waren sie bleich, bestimmt waren sie bleich. Ich glaube, das muss auch irgendwo in der kunstgeschichtlichen Literatur zu lesen sein. Das Problem ist, wo sind die modernen tragischen Heldinnen? Vielleicht Marilyn Monroe oder Diana? Auch sie waren ja weiss Gott bleich? Claudia Schiffer, mehr als bleich. Wo sind sie sie denn geblieben, die tragischen Heldinnen? Sind denn das wirklich Heldinnen? Weißt du einige moderne Heldinnen. Ich würde gerne mit meinen Töchtern über bleiche Heldinneen unserer Zeit diskutieren. Es ist gut, wenn man den Mädchen solche Dinge zeigen kann. Die Schulen, vor allem die Sekundarschulen bei uns sind sehr besetzt von den Männern.
Aber
Auch deine Aussage, dass es das Tragische in jedem Leben gibt, die müssen wir mal diskutieren. Finde ich sehr interessant. Ich finde manchmal Personen, wo ich viel Tragisches festzustellen meine. Und dann kann ich leicht mit ihnen mitleiden, vielleicht mehr leiden, als sie selbst es tun. Man kann sich so aufs beste selbst bemitleiden, habe ich den Eindruck. Deine These, Marlena, interessiert mich wirklich. Es hat was, wenn man das Tragische lebensphilosophisch interpretiert, und nicht gleich so kolossal wie die Griechen das getan haben mit diesem unheilvollen Ausgeliefertsein an die Götter, diese unmenschlichen, und an den unveränderbaren Lauf der Ereignisse. Es gibt dagegen das Stichwort vom "unglücklichen Bewusstsein" in der Moderne. Da könnte man vielleicht einen Zusammenhang herstellen. Ich glaube, das Wort stammt von Hegel, diesem Übervater der Moderne. Ich würde gerne mit dir so diskutieren. Du denkst vielleicht, du kennst dich zuwenig aus. Das musst du nicht, du hast doch die Idee gehabt und wir spinnen sie weiter, mit unserer Fantasie und den paar Dingen, die wir wissen. Es soll ja nicht wissenschaftlich sein. Es soll vor allem phantasievoll und geistreich sein. Dann ist es schon schön und zu unserem Genusse. Ach, jetzt bin ich eigentlich in die erste These von den bleichen Heldinnen zurückgefallen. Das Tragische im Leben allgemein ist ein heutiges Thema. Dazu braucht man Kenntnis des Lebens, Lebenswissen. Das genügt. Damit kann man eine solche Frage diskutieren. Da braucht es keine Lektüre. Im Gegenteil, man muss die eigenen Erfahrungen mit den Menschen hervorholen.
+
Eigentlich, meine Liebste, wollte ich dich heute nur ein bisschen verwöhnen mit einem Mail. Du hast ja auch mir gegenüber manchmal einige mütterliche Qualitäten, die ich schön finde. Beispielsweise, wie du mich mit ein paar einfachen Sätzen trösten kann, wie du die Dinge so drehen kannst, dass sie versönlich werden. Das finde ich wunderschön, habe ich dir ja auch schon gesagt. Du denkst vielleicht, ich übertreibe ein bisschen. Nun, ich weiss zumindest, wie es klingt und was herauskommt, wenn man Formulierungen wählt, die die Spannungen, Probleme oder Konflikte verschärfen. Es sind vielleicht anfangs feine Unterschiede, aber zum Ende sind die Unterschiede riesengross. Es ist eben so, man muss nur mit einem Fuss ein bisschen stärker auftreten, und nach 1500 km landest du an einem ganz anderen Ort als wenn du ganz normal gegangen wärst. Das ist wirklich Lebenskunst, finde ich. Ich habe nie viel Bewunderung für Krisenmanager gehabt. Ich meine, in menschlichen Dingen sind sie vielleicht gut und nützlich. Aber es gibt Mitarbeiter in meinem Dienst, die haben immer Krisen zu bewältigen, sie schicken Expressbriefe und Mails und alles läuft in dramatischen Kulissen. Ich glaube die Kunst ist es, die Dinge mit feiner Hand und zum Voraus so zu steuern und zu leiten, dass gar keine Krisen entstehen. Das sieht natürlich sehr wenig spektakulär und dramatisch aus. Es ist aber die grössere Kunst. Krisenmanager brauchen ihre Krisen. Ich habe sie im Verdacht, dass sie sie sogar selbst produzieren. Das gehört zu ihrem Bluff.
Wo waren wir? Ach ja, bei deinen mütterlichen Qualitäten am Muttertag. Also meine liebe Marlena, dein Trost, den ich nun ja schon 3 oder 4 mal deutlich erlebt habe, den finde ich sehr mütterlich, und ich danke dir dafür. Und dann hast du mich ein bisschen gemahnt wegen meiner Gesundheit und dem Alkohol und so. Das fand ich auch eine mütterliche Geste. Eine tragische Heldin würde mich nie mahnen, mit dem Alkohol zurückhaltend zu sein. Sie würde wahrscheinlich mitbechern. Ich fand es einfach rührend, dass du sowas gesagt hast, dass du mchtest, dass ich lange lebe. Stell dir vor, ein Mensch in Stockholm, nie hast du ihn gesehen, sagt dir sowas. Wenn das nicht tragisch ist, dann ist es vielleicht zumindest komisch. Also tragisch-komisch. Das ist ja denn auch die beste Medizin für die Gesundheit.
*
Ich muss dich warnen, echt! Heute morgen habe ich an diesem Fotoautomaten ein paar Bilder geknipst, dh. die Maschine macht das ja selbst. Du fühlst dich wie in einer Selbstschiessanlage an der deutschen Zonengrenze in der DDR. Es blitzt aus dem Hinterhalt, wenn du gar nicht bereit bist. Du bist nie bereit, wenn auf dich geschossen wird. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie ein bisschen erschreckt aussehen auf dem kleinen miserblen und schwarzweissen Passbild. Man kann sich fragen, ob sie dich mit einem solchen Bild überhaupt über die Grenze lassen. Wahrscheinlicher ist, dass sie dich verhaften an der Grenze, weil du wirklich sehr verdächtig und schuldbewusst aussiehst. Es ist wirklich nicht so wie dein Passbild, Marlena, das ein Bild von einem Fachmann zu sein scheint. Und wo du so locker und unschuldig dreinschaust, mit deinen lieben Augen und dem sinnlichen Mund. Diese Kobmination allein packt mich schon. Aber das habe ich dir schon gesagt.
Also, ich hab ein paar Bilder schiessen lassen, mit diesem hinterhältigen Maschinengewehr, wo man bei jedem Schuss zusammenschreckt. Und ich habe mir für dich was Spezielles ausgedacht. Ich habe gedacht, ich möchte, dass du mich siehst, wie ich dich in Rom auf dem Leonardo da Vinci-Flughafen abholen würde. Also mit Borsalino, wie in einem Fellini Film. Manchmal spinne ich einfach ein bisschen, da musst du ein Auge zudrücken, meine Liebe. Ich finde einfach, man muss das Leben ein bisschen stilisieren, ab und zu, ein kleines Akzentlein setzen. Ich kann dir später gerne noch ein ganz normales und langweiliges Foto schicken. Aber zunächst mit dem Borsalino. Ich sehe darin aus wie ein Mafia Mitglied aus dem mittleren Kader. Mafia Boss würde ich jetzt nicht sagen, da müsste ich noch ein bisschen verhärmter aussehen und eine schwarze Brille tragen. Aber doch aus der Mitte, dem man noch nicht das ganze Verbrechen ansieht. Ich will dich natürlich im Moment nur neugierig machen. Das Foto muss zuerst ins Labor zu Walter, der wird es in komplizierten Prozeduren zurück in mein Box senden, und dann erst ist es soweit. Vielleicht reicht es noch, bevor du in die Ferien gehst.
S war sehr eifersüchtig, als ich diesen Borsalino gekauft hatte. Ich trug ihn auf dem Heimweg vom Geschäft. Es war ein heisser Sommertag. Ich hatte ihn eigentlich für die Ferien gekauft, weil ich die Sonne auf dem Kopf nicht mag. Für hier in der Stadt ist er ein bisschen zu auffällig, zu dandyhaft. Und ein Kollege aus dem Club hat mich gesehen und hat es wohl S gegenüber erwähnt. Und S hatte den Eindruck, immer wenn sie nicht dabei sei, putze ich mich speziell heraus, damit die Frauen sich mir an die Brust schmeissen. Sie kann manchmal ziemlich unmöglich sein, die S.

Also, ich schicke dir diese Post, meine liebste blutrote Freundin. Ich wünsche dir nochmals einen schönen Tag. Und vergiss mich nicht, ich bitte dich.
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