Mittwoch, 28. Mai 2014

Bundesordner und Walliser Strichlisten


Foto: Chris

Liebe Malou
Ich habe soeben die Papiere geordnet, chronologisch geordnet,
die nun einigermassen drei Ordner füllen. Na ja, die Chronologie
ist noch nicht perfekt, aber einigermassen vorbereitet. Es haben
ja nun leider nicht alle Papiere ein Datum.
Weisst du Malou, wenn ich so mit Ordnern hantiere, dann habe ich
das Gefühl, ich sei in den falschen Job geraten. Schon der Anblick
von Ordnern ist mir einigermassen ein Graus. Aber dass ich diese
unansehnlichen Dinger auch noch selb st füllen und ordnen muss,
das finde ich die Höhe. Eigentlich hatte ich gedacht, die Ordner
würden selbst ordnen. Aber nein, man muss alles selbst machen.
Und seit man keine Sekretärinnen mehr hat, die alles einordnen
und wieder hervorholen, wenn man es braucht, gibt es in den Büros
eine riesige Sauordnung. Ich glaube, das schadet dem Zustand der
Welt ziemlich. Die Ordner sind die Infrastruktur der Welt. Und heute
geistern sie gar noch in digitaler Form durch die Lüfte. Da lobe ich
mir die alten Walliser Strichlisten. Kennst du sie? Sie haben einen
speziellen Namen, der mir jetzt aber nicht mehr in den Sinn kommt.
Im Wallis, mit seinem sonnigen und trockenen Klima, müssen die
Bauern ihre Rebberge und Wiesen künstlich bewässern. Dazu gibt es


die Wasserleitungen (auch Suonen genannt). Und in alten Zeiten
haben sie in den Dörfern die Wasserrechte auf Holzstücken
eingekerbt. Da konnte man ablesen, dass die Familie Kuonen von
Mitternacht bis vielleicht 2 Uhr das Recht hatte, das Wasser auf ihre
Wiesen zu leiten. Wasserdiebstahl wurde schwer bestraft. Ich hatte
im Gymnasium mindestens einen Kameraden (mindestens einen,
von dem ich es weiss, wahrscheinlich gab es noch andere), der
gelegentlich nachts wegen dieser Wässerung nicht ins Bett kam.
Natürlich hatte er auch wenig Zeit für Hausaufgaben und war
morgens müde wie nach einem ausgelassenen Fest. Diese
künstliche Bewässerung habe ich dann wieder im Iran gesehen.
In Damavand, in der Nähe des höchsten Berges, der so heisst, hat
man nachts die Leute gehört, wenn sie wässerten. Und morgens
lag dann der ganze Acker gleich neben dem Haus unter einer
Wasserlache.
Du siehst, Malou, meine Assoziationen rennen quer durch die Welt.
Wir waren bei den hässlichen Ordnern. Man nennt sie hier auch
Bundesordner. Keiner weiss, weshalb "Bundes-"?

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