Donnerstag, 17. März 2016

Mildernde Umstände


(Fortsetzung Honni soit...)
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Wir waren beim Thema „Musterschüler", wenn ich mich richtig erinnere. Es ist immer gut zu wissen, in welchem Kapitel man sich gerade befindet. Du hast also einen Sonntag wie eine Musterschülerin verbracht und die Hausaufgaben von vorne bis hinten gemacht! Ich gratuliere dir dazu, Marlena! Es ist wahr, manchmal enttäuscht mich ein bisschen, dass deine Mails kurz sind. Und ich frage mich, wie geht das denn zusammen: ich schreibe Romane und du schreibst Stichworte! Das kann doch auf die Länge nicht gut gehen in diesem Ungleichgewicht! Aber ich habe zwei Argumente, die dich vor diesem harten Gericht entlasten, meine liebe Angeklagte. Einmal stelle ich mir vor, dass du in deinem Dreieckleben eben mehr unter einen Hut bringen musst als ich es tue. Du hast deine Anna, du hast den Haushalt und du hast deine Berufsarbeit. Ich dagegen habe nur meine Arbeit und noch etwas Familienzeit, die auch nicht mehr so ausgiebig ist, seit die Töchter gross sind und ihre eigenen Freizeitvorlieben haben. Allerdings arbeite ich ziemlich viel. Oft bin ich morgens um 0700h im Büro und bleibe bis abends 1900h. Wenn ich eine halbe Stunde Mittag abziehe, macht das 11,5 Stunden. Das ist zwar lange, aber es ist natürlich nicht durchgehend so intensiv wie eine Unterrichtsstunde vor einer ganzen Klasse quicklebendiger Schülerinnen und Schüler. Ich stelle mir also vor, dass du deine Zeit besser einteilen musst als ich. Und wenn deine Mails knapp und kurz sind, dann ist es vielleicht deswegen. ...

Und der zweite mildernde Umstand ist vielleicht auch ein egoistischer. Ich habe erwähnt, dass es wohl eine glückliche Fügung ist, dass du sozusagen am anderen Ende Europas wohnst. Stell dir vor, du würdest in Zürich wohnen und ich hier in Basel. Meine Zensur (dh. Selbstkontrolle) wäre viel strenger und höher. Ich würde mir stets überlegen, ob ich dir sowas erzählen kann oder nicht. Ich würde viel kritischer sein. Gerade weil du so weit weg bist, kann ich dir frisch von der Leber weg schreiben. Du bist für mich – habe ich das nicht schon gesagt, und du hast nicht darauf reagiert? – du bist eine Art Muse. Vielleicht ist das ein merkwürdiges, eine Art himmlisches Wesen. Man könnte auch sagen, du bist mein Dr. Freud. Ich liege hier auf deinem Sofa und erzähle nach der Regel der freien Assoziation, wie das die Psychoanalyse vorschreibt. Und je weniger Dr. Freud sagt und bloss „hmmmm" murmelt, desto mehr kommt der Patient ins Reden. Jeder echte Patient – so die Theorie – entwickelt mit der Zeit eine „Übertragungsneurose", dh. eine Art von Verliebtheit in den Analytiker und begibt sich so in eine kindliche Abhängigkeit. Du bist meine „Frau Dr. Sigmuse Freud", meine Liebe, nur damit du weißt, wo wir stehen! Mit anderen Worten will ich damit sagen: Dir zu schreiben ist auch ein Vergnügen an sich. Natürlich freut mich zu wissen, dass du meine Mails liest und dass du Freude daran hast und dass du auch antwortest und dich von ihnen anregen und stimulieren lässt. Ohne das würde es gar nicht funktionieren. Natürlich ist für mich auch wichtig zu wissen, dass du eine attraktive und intelligente Frau bist, die ich respektieren und hoch schätzen kann. Aber schlussendlich ist es – und der Begriff „Tagebuch" sagt es eigentlich – auch für mich selbst ein Vergnügen, zu schreiben, über mich und das Leben nachzudenken, gewisse Fragen in Worte zu fassen, gewisse Bilder oder Formulierungen zu finden, die ich in meiner Arbeit, in meinen Vorträgen oder in meinen Beratungen wieder brauchen kann. In diesem Sinne ist es ein bisschen mein Tagebuch. Das ist sehr nützlich einerseits und sehr angenehm andererseits. Ich habe schon erwähnt: für mich ist es, als ob ich mich eine halbe Stunde auf die Veranda an die Sonne lege (Ozon hin oder her!), warm emballiert (das süsse Wort hat mich amüsiert), und vor mich hin träume. Das ist sehr entspannend. Es ist ebenso weich und komfortabel wie auf der Coach der Psychoanalyse, und ich kann mich ein bisschen in die Frau Dr. Sigmuse Freud verlieben. Das wäre niemals möglich, wenn du in Zürich leben würdest. Stell dir vor, ich würde mir deinen Zürcherdialekt vorstellen. Schrecklich!!! Ich wüsste ungefähr, in welchem Quartier du wohnst. Undenkbar!!! Ich kennte vielleicht die Schule, wo du unterrichtest. Unmöglich!!! Kurz und gut, ich müsste in meinen Briefen jedes Wort zweimal drehen und überlegen. Es wäre absolut unmöglich. Ich könnte dir blosse Küchenrezepte und Wetterberichte und Fahrpläne schreiben, sonst gar nichts. Aber so fern wie du bist, in Stockholm, das ist unendlich weit, das ist doch fast nicht mehr auf dieser Welt, das ist so unbestimmt und ungenau wie eine helle Nebelwand. Und das eben ist Psychoanalyse. Die Frau Dr. Sigmuse Freud sitzt oben, zu Kopf des Patienten, damit er sie nicht sehen kann. Nur so funktioniert diese geheimnisvolle, jetzt 100 Jahre alte Psychoanalyse.

Mit anderen Worten, wenn wir ...

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