Mittwoch, 2. März 2016

In Chardonnay veritas



Subject: In Chardonnay veritas

Liebster Mausfreund,
Glaub nicht dass ich dir schon wieder ein Mail schreiben werde - in
deine Stille hinein - (ein bisschen Stolz möchte ich doch schliesslich
bewahren).. aber nun ist es eben dieser verdammte Chardonnay. K hat
schon die kulinarischen Vorbereitungen für den Abend gemacht und dazu
verwendet er immer bessere Weine (zum Kochen sogar). Nun, man kann ja
nicht irgendetwas trinken, nicht einmal während des Kochens. Und so
habe ich diesen guten Chardonnay im Kühlschrank entdeckt.. Alles ist
schon bestens vorbereitet. Der Tisch gedeckt und geschmückt, die
Nachspeise fast fertiggemacht.. und das Haus repräsentabel.. Es hat
schon einige Zeit gebraucht, denn immer noch lagen meine beruflichen
Papiere herum. Und dann auch noch die Wäsche zum Bügeln.. sie verfolgt
uns arme Frauen.. Ich versuche dabei so munter und energisch
auszusehen wie auf deinem Bild.. und glaube mir.. es hilft.. ;-)
Und bald kommen die Gäste. Ich freue mich auf sie. Es sind ein paar
gute Freunde in deren Gesellschaft man das Leben richtig geniessen
kann, gebildete spirituelle Leute wie du.  (---)

Also werden wir an dem Tisch sitzen, den du schon kennst. Heute Abend
ist er grösser und hat keine Tischdecke. Es sieht ein wenig japanisch
aus. Nach dem Essen gehen wir in die Sitzecke. Sie liegt am
entgegengesetzen Ende des Zimmers (das Zimmer ist winkelförmig) und
besteht aus einer Gruppe von Sofas und Fauteuils in wunderschönen
Farben, die von hohen grünen Pflanzen eingerahmt sind.. In der einen
Ecke unser zweiter Fernsehapparat an dem K meistens seinen Sport
sieht.. In der Mitte ein Tisch mit Glasplatte und Messing drum. Er ist
mit Obst und Süssigkeiten versehen. Die Aschenbecher konnte ich
wegräumen da bei uns kaum jemand mehr raucht. Unter dem Tisch ein
grosser weisser Teppich und an den Wänden Kunst von schwedischen
Künstlern ausser dem Bild von R. Rousseau, das mir sehr gefällt. Es
ist nur eine Reproduktion. Über dem Sofa gegenüber der Fensterwand
hängt ein schreckliches Bild. Es ist sehr gross und ein Erbstück aus
K.s Heim. Eine Handarbeit von seiner Mutter, die künstlerisch begabt
war und vor allem wegen ihrer schönen Textilien bekannt war. Zum
Glück ist es hinter Glas und so spiegelt sich die üppige Vegetation im
Garten und ein blauer Himmel darin.. sodass man es nicht sehen
muss ;-)
Ach nein, nun bin ich böse. Ich bewundere sie sehr, meine
Schwiegermutter, die ich leider nie getroffen habe weil sie schon
gestorben war als ich K traf. (Ein Grund dazu warum ich nur immer
meinen Schwiegervater erwähnt habe). Sie hat mehrere Preise gewonnen
als Textilkünstlerin und alle Farben hat sie selbst aus der Natur
geholt. In unserem Sommerhaus hängen noch ihre schönen Draperien und
wir bespritzen sie immer mit Mottenmittel damit sie in den elf Monaten
wo das Haus leer steht nicht zerfressen werden. :-)
Ach, ich schreibe so dahin und im Hinterkopf taucht immer der Gedanken
auf dass es dir nicht gut geht. Du hattest nochmals einen Termin beim
Arzt hast du gesagt und danach warst du ganz still. Bitte lass mich
wissen wie es dir geht..
(---)
Eines musst du wissen, ..., auch ich bin nicht "schwerhörig" obwohl
ich in letzter Zeit oft getan habe als ob.. Ich würde mich sehr gerne
mit dir über verschiedenes unterhalten. Aber es ist möglich, dass wir
nicht mehr auf derselben Wellenlänge senden und dann wäre es ja
umsonst geschehen. Ich meine, wenn meine Gedanken nicht zu dir
dringen.

Bitte lass mich wissen wie es dir geht. Und sag mir ob du immer noch
an das Kinderbuch denkst. Kennst du die schwedische Autorin Maria
Gripe? Ihre Bücher haben Anna und mir ganz besonders gefallen. So in
der Richtung dachte ich könntest du schreiben.

Et voilà, chéri, je te laisse pour acceuillir nos invités.. Je te
souhaite une bonne soirée à toi aussi..
Marlena


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