Montag, 21. März 2016
Kapitelwechsel - mein Büro
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Meinen Vortrag habe ich noch nicht gehalten. Er ist auch noch nicht ganz bereit. Im Moment haben wir noch Fasnachtsferien und alle Basler sind mehr oder weniger verrückt. Ich aber sitze in dieser Zeit am liebsten im Büro. Jetzt ist es schön ruhig. Und in den letzten Tagen konnte ich einige meiner „stinkenden Leichen" aufräumen und desinfizieren. Es sieht schon viel besser aus hier in meinem Büro, und ich kann wieder etwas atmen. Ich kann dir mal mein Büro beschreiben:
Wenn du von unserem Wartezimmer hereinkommst, schaust du direkt auf die Fensterfassade. Von hier aus sehe ich auf den Platz hinunter, der fast mitten im Städtchen ist. Hier gibt es immer etwas zu sehen, und wenn ich an irgend einer Frage herumdenke und überlege, dann stehe ich am Fenster und schaue hinunter. Und nicht selten sehe ich natürlich von meinem Hochsitz (2. Stock) Leute, die ich kenne. Ich kann dann nur hoffen, sie sehen mich nicht. Sonst denken sie nämlich, ich würde nichts arbeiten und bloss den halben Tag zum Fenster hinaus schauen. Wenn du also hereinkommst, siehst du direkt zu den Fenstern hinaus auf das alte Stadtzentrum mit einer frühgotischen Kirche und einem Stadtturm. Es ist ein ziemlich hübsches Städtchen, aber die Leute sind ziemlich kleinkariert. Wenn du jetzt also unter der Türe stehst, die etwas rechts von der Mitte der Wand hereinführt, dann siehst du in der rechten Ecke mein Pult und in der linken Ecke eine kleine Sitzgruppe mit rundem Tisch. Die Farbe oder Holzart des Pultes kannst du nicht – immer noch – nicht erkennen, denn das Pult ist schwer beladen mit Akten und Papieren und Blättern uns so weiter. Das Pult steht etwas schräg im Raum, damit es nicht so schwer wirkt. Und über dem Pult hängt ein riesiges Bild von Basel, ein Bild aus dem Jahre 1935, das aber ziemlich modern wirkt. Man sieht den Rhein und ein Dampfschiff und die Wellen und ein sehr aufgewühlter, wolkiger Himmel. Man denkt an Gewitter oder Regen. Es ist ein bisschen dramatisch gemalt. An der Wand in deinem Rücken steht mein Büchergestell. Hier sind meine privaten Bücher, die meisten sind noch von der Universitätszeit, aufgereiht. Das Büchergestell platzt aus allen Nähten, denn ich habe zu wenig Platz oder zu viele Bücher, wie man es auch drehen will. In der Ecke habe ich einen Schaukelstuhl, wie ihn einmal John F. Kennedy in seinem Büro gehabt hatte. Ich habe ihn mir organisiert, weil es heute so viele hypermotorische Kinder gibt, die nicht still sitzen können. Lieber laß ich sie schaukeln, als dass sie mir die Wände hochklettern, habe ich mir gesagt. Und seither steht dieser Stuhl hier in der Ecke. Manchmal lese ich dort und lehne mich weit zurück und packe meine Füße auf den kleinen runden Tisch. Das ist nicht unbequem. Entlang der linken Wand zum Fenster hin habe ich zwei Aktenschränke mit einem Aufbau. Diese Seite ist überbepackt mit Jugendbüchern, die ich hier zur Dekoration aufgestellt habe. Es sieht hier aus wie in einem Buchladen, und wenn Leute in mein Büro kommen und diese Wand sehen, dann fangen sie meist mit grossen Augen an zu strahlen. Am Fenster vorne links steht mein Computer. Hier schreibe ich meistens. Das Laptop mit dem Internetanschluss habe ich allerdings auf einem kleinen mobilen Boy direkt am Fenster. Hier sitze ich zum Beispiel wie im Moment nach dem kurzen Mittagessen, um die Mails durchzukabeln. In der Mitte vor dem Fenster steht eine grosse Pflanze, die mir meine Mitarbeiter vor ein paar Jahren geschenkt haben. Es sieht aus wie eine Palme, oder vielleicht doch eher wie Zuckerrohr?. Sie trennt den PC Sitzplatz vom Pult. Das wirkt nicht schlecht so. An den Wänden hängen 4 Bilder, die alle vom selben Maler sind. Sie sind nicht absolut meine Lieblinge, aber sie waren diejenigen, die ich im Archiv hatte finden können. Mindestens schaffen sie eine gewisse Einheit und sie sind von einem Maler, der mindestens hier in der Region bekannt war. Das Problem meines Büros liegt darin, dass ich viel Abstellfläche habe. Und das ist mein Fluch. Denn wo es Abstellflächen gibt, da stelle ich auch etwas ab. Ich kann die Arbeiten und Aufgaben, die noch nicht beendet sind, nicht in Schubladen oder Kasten versorgen. Ich würde sonst befürchten, sie zu vergessen. Ich muss sie immer wieder sehen. Ich muss mich durch sie mahnen lassen. Und so liegt einfach alles, was im Moment ob ist, liegt einfach herum. Meist finde ich es wieder. Manchmal nach längerem Suchen. Manchmal gar nicht mehr!!
So also sieht es bei mir aus. Und hier verbringe ich die 10 bis 12 Stunden pro Tag. Natürlich habe ich noch jede Menge privater Kleinigkeiten hier, Fotos, Cartoons, alte Pfeifen, eine Schale voller Bälle (vom Golfball bis zum Baseball Ball, inklusive Boule oder Petaingue (schreibt man das so?), ein Bild der Nofretete, jener ägyptischen Statue, die ich diesen Winter in Berlin gesehen hatte. Normalerweise habe ich auch ein Radio hier und kann in ruhigen Zeiten CDs hören. Aber zur Zeit habe ich meinen Apparat einem Onkel ausgelehnt, damit er mit seinen 92 Jahren noch etwas Beethoven-Symphonien hören kann. Es war sein wunsch. Aber wenn ich richtig ausgerüstet bin, kann ich hier meine französischen Chansons hören. Oder ich höre sehr gerne Chopins Klavierstücke oder Schubert. Nun ja, das ist Romantik, wie könnte ich das verleugnen?
Ich muss enden, meine liebe Marlena. Die Zeit ist rasch um und ich muss hier noch einiges tun. Ich hoffe, bald von dir zu hören. Mach es gut, mein „armer Krebs". Denn so arm bist du wirklich nicht.
Ich küsse dich
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