Sonntag, 6. März 2016

Turnschuhe und ähnliche Dinge - in Visp


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date:     6 March 2008  09:32
subject: Turnschuhe und ähnliche Dinge


Liebe Malou

(....)
Ich gratuliere zu den neuen Joggingschuhen. Klar, gute Schuhe sind
wichtig. Und heute gibt es soviele Modelle zur Wahl, alle mit diesen
modernen Textilien. Man kann sich kaum mehr vorstellen, wie schwer und
unbequem Schuhe einmal gewesen waren. Hallo, und da kommt mir gerade
eine uralte Erinnerung hoch. In der Sekundarschule in Visp pflegten
wir in der alten Turnhalle der Gemeinde zu turnen. Sie war uralt und
stand auf der anderen Seite des Dorfes. Um sie zu erreichen, musste
man durch die alten Gassen gehen. Ich erinnere mich gut an dieses
befremdliche Gefühl, das ich immer wieder hatte, wenn ich durch diese
ärmliche Gegend ging. Beidseitig des Weges standen Steinmauern. Sie
schützten die Gärtchen der Visper. Die Gassen selbst waren eng und ein
bisschen düster. Man ging beim Schuhmacher vorbei. Dessen geistig
behinderter kleiner Sohn sass vor dem Laden auf dem Mäuerchen in der
Sonne und lallte vor sich hin. Gleich ein paar Schritte weiter der
Schreiner, der eine alte Scheune zur Werkstatt umgebaut hatte.
Dazwischen und daneben kleine Ställe. Darin hörte man das unbestimmte
Geräusch von Schafen, oder vielleicht da und dort ein Kühlein.
Verschiedenste Gerüche lagerten in diesen Gassen. Auf dem Asphalt
Kuhdreck. Ein bisschen Unordnung, aber nicht zuviel. Frauen mit
hochgekrempelten Ärmeln, Kopftuch und Schürze kamen einem entgegen.
Sie machten offensichtlich die Arbeit im Stall, während ihre Männer in
der Lonza arbeiteten. Oben dann bei der 'Müüra' der Brunnen, wo sie
die Tiere zu tränken pflegten. Und dahinter der Platz, der heute ein
Autoparkplatz ist. Damals war er nicht asphaltiert gewesen. Und
irgendeinmal an einem Markttag im Herbst, vielleicht ist es Martini? -
fand dort der grosse Schafmarkt statt. Die Walliser sind grosse
Schafliebhaber. Und sie haben eine eigene Rasse, die Walliser
Schwarznase.
Nun aber, dort oben, bei der Müüra stand diese alte Turnhalle gleich
neben dem Pausenplatz der katholischen Schule. Sie wirkte verwittert
und düster, eine Mischung aus Theatersaal und Kaserne. Und gleich im
Eingangsraum, also im Gang gab es links und rechts ein Bänklein und
Haken, wo man sich umziehen musste. Dort war es kalt im Winter, denn
jedesmal, wenn sich die schwere Eingangstüre öffnete, ging ein
frischer Luftzug durch den Raum. Die Bänke waren kalt. Der Boden war
kalt. Und eben, meine sperrigen Turnschuhe waren ebenso kalt. Ich
hasste diese Situation und dieses Gefühl der kurzen Turnhose und des
kühlen Lüftleins rund um die nackten Beine. Es war mir alles so fremd
und ärmlich und eckig und düster. Ich hatte auch  dort den Eindruck,
in einen falschen Schwarzweiss-Film geraten zu sein. Siehst du Malou,
all diese Erinnrungen und Gefühle hängen mit einem dünnen Faden an
meinen damaligen Turnschuhen. Die waren ein bisschen zäh, passten nur
so ungefähr an die Füsse und sahen bei allen genau gleich aus. Es
hatte damals vielleicht zwei Modelle gegeben. Und eines davon war
völlig unmöglich. Schuhe kaufte man in Visp beim Zerzuben, gleich vor
dem Bahnhof. Er hatte alles, was Füsse sich wünschten. Aber damals
waren Füsse eben noch fast wunschlos. Ich betrachtete lieber die
Schaufenster von Zerzuben. Dort sah man diese schönen glänzenden
Eishockey-Schlittschuhe. Daneben ganze Ausrüstungen in den besten
Farben: Schienbein-Schoner, Tiefschutz, Brustschutz, Handschuhe. Und
natürlich jede Menge Eishockey-Stöcke. Das waren unsere Wünsche. Aber
die Stöcke, die waren nun mal das allerwichtigste und kamen vor all
den Ausrüstungssachen, die waren teuer. Ich glaube, ich habe bei
Zerzuben nie einen Stock gekauft. Ich habe sie immer von Kollegen
bekommen. Und sie hatten sie von den Spielern der ersten Mannschaft.
Es gab Stöcke für Links- und solche für Rechtshänder. Ich war als
Rechtshänder, wie Richard Truffer von der damaligen ersten Mannschaft,
ein Exot. Richard Truffer - nebenbei gesagt - war ein einfaches Gemüt.
Er kam mit seinen Brüdern, alle in der 1. Mannschaft, aus einem
kleinen Nachbardorf und wurde schliesslich Polizist. Das war schon
eine beachtliche Karriere. Es kursierte der Witz, dass Richard bei der
Aufnahmeprüfung in Sitten hätte rechnen müssen. Er sei dann vom
Unterwallis zurückgekehrt und habe gross angegeben, weil er die
Prüfung bestanden habe. Sie sei nicht allzu schwer gewesen. In
Mathematik hätte man ihm die Aufgabe 4 + 3= ? gestellt. Sofort hätte
er natürlich 8 gesagt. Die Kollegen lachten und meinten, 4+3 mache
doch niemals 8. Richard brüstete sich noch eine Spanne mehr und
meinte, das möge schon sein, aber er sei mit seinem Resultat dem
richtigen Ergebnis am nächsten gekommen.
Soweit der Rechtshänder Richard Truffer, Mittelstürmer der ersten
Mannschaft des EHC Visp, die damals sogar Schweizermeister geworden
waren. Insider behaupteten zwar, Richard hätte kaum das
Schlittschuhlaufen beherrscht. Und das ist richtig. Oft ist er auf dem
Eis wie ein Handballer herumgelaufen, mehr gerannt als wirklich
gegleitet. Ach ja Malou, schau mal die alten Zeiten.  Es kommt mir
alles hoch.
Und weisst du, was ich sehe. Auf dem Dach gegenüber ein Taubenpaar.
Sie tänzeln in der Sonne, drehen sich um die eigene Achse. Das muss
das Vorspiel sein. Stelle dir vor Malou, auf dieser Höhe über der
Strasse, in luftiger Höhe, Liebe zu machen. Na ja, sie machen
eigentlich nur Quickies, wie man so sagt!
Nun sind meine Gedanken völlig vom Weg abgekommen. Ich muss
an die Arbeit.
Wünsche dir einen schönen Tag.
Liebe Gs und Ks
...

 (R)

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