Sonntag, 20. März 2016
meine astrologischen Erkenntnisse
Subject: Bon soir
Mein „armer" Krebs
Das „arm" stammt von dir, nicht von mir, meine liebe Marlena. Vergiss das nicht.
Wie du, so habe auch ich mich in die Literatur gestürzt und die Horoskope studiert und analysiert und interpretiert. Wie du so habe auch ich einige ganz phantastische Erkenntnisse ans Licht befördert. Wie du, so fange auch ich an, „wissenschaftlich" mit dir zu korrespondieren. Wir müssen die Sache auf den Punkt bringen. Es soll endlich Klarheit herrschen. Unsere Tagebücher und Gute-Nacht-Geschichten sollen allmählich substanziellen Gehalt und Wahrheit transportieren, nicht bloß subjektive Vermutungen und individuelle Ahnungen. Und dann wird alles gut werden.
Wie du, so habe auch ich festgestellt, dass wir ein wunderbares Team wären oder sind (was soll ich jetzt sagen?). Wir würden eine erfolgreiche Firma abgeben, meine Liebe, es ist wirklich ganz phantastisch. Krebs und Skorpion passen wirklich so gut zusammen, eine Idealpaarung geradezu, so dass man uns verbieten muss, dass wir zufälligerweise zur selben Zeit am selben Ort verkehren, beispielsweise im ST!!. wir würden uns gegenseitig in die Arme laufen. Kein Mensch auf dieser Welt könnte die Verantwortung für ein solches Ereignis übernehmen. Es ist, wie du immer wieder sagst, wir leben gefährlich, wir leben haarscharf am Abgrund und wir müssen unsere ganze Aufmerksamkeit darauf verwenden, nicht in einem Duett abzustürzen.
Unsere einzige Rettung ist eigentlich, dass du als Krebs ein ungeheuer treues und anhängliches Wesen bist. Du lässt dich keinesfalls auf Abenteuer ein. Du bist so häuslich und hängst sosehr an Vergangenheit und am Bisherigen, dass du dich nicht auf irgendwelche französische Eskapaden einlässt. Als Krebs, soviel ist mir klar geworden, bist du so solide und loyal, dass du dich niemals dahin reißen ließest, mit einem leeren Whiskyglas auf dem Tisch zu tanzen. Niemals. Never in life! Als Krebs bist du geradezu geschaffen für ein schönes und ruhiges bürgerliches Leben im trauten Heim mit deinen Lieben. Man soll dich da nicht provozieren und vertreiben wollen. Soviel ist mir klar, meine Liebe.
Es ist merkwürdig, fast alles, was ich über den Krebs gelesen habe, habe ich über dich schon irgendwie gewusst, oder geahnt, oder irgendwie fantasiert. (Nun ja, vielleicht überschätze ich mich ex post ein bisschen??) Ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass du sehr loyal bist, dass die Familie dein ein und alles ist, dass du sehr viel Wert auf Häuslichkeit legst (hast du selbst gesagt), dass du dich nicht auf Eskapaden erotischer oder anderer Natur einlässt (hast du selbst angedeutet), dass du eine elegante Zurückhaltung lebst (hast du oft gezeigt), die mit Diskretion (hast du selbst geschworen) einhergeht, dass du eine gute Erzählerin bis (wenn du Zeit hast; hast du mehr als bewiesen), dass du etwas von deinen Stimmungen abhängig bist (nun ja, wer ist das nicht?), dass du in deiner Liebe zur Natur Bescheidenheit, Heiterkeit und Mitgefühl beweist (hast du mir deutlich erzählt), dass du keine Gefühle vortäuschen willst oder kannst (habe ich festgestellt bei Pariser Fantasien), dass du keine männlichen Draufgänger magst, sondern eher rücksichtsvolle und behutsame Typen (hast du indirekt ziemlich klar gesagt), und dass du auf Komik hell und heftig lachen kannst (hast du mir bewiesen bei der Szene „Mann in Küche"). Also, ich habe wirklich wenig Neues gelesen über den Krebs, denn ich habe dich schon gekannt. Über den Skorpion habe ich vielleicht mehr neues gehört!
Natürlich bin ich sofort meine Bekannten und Freunde nach Krebsen durchgegangen. Ich habe echt im trüben Wasser nach Krebsen getaucht. Doch ich muss zugeben, bisher hatte ich in Horoskope so wenig Interesse gefunden, dass ich nicht weiß, ob ich noch andere Krebse kenne. Im Moment bist du mein einziger Krebs. Und ich bin fasziniert, wie gut wir zusammen passen. Ich passe besser zum Krebs als zum Stier, wie ich schwarz auf weiß festgestellt habe! Stell dir mal vor, Marlena. Wie soll ich dies meiner Frau nur beibringen? Es ist sensationell. Es könnte eine ganze Ehe durcheinanderbringen. Und wir könnten wirklich zusammen eine Internet-Firma gründen und Kinderbücher produzieren, schwedisch-deutsche Gutenachtgeschichten oder – weiß der Himmel – Rilke-Sonette oder Postkarten mit platonischen Liebesgrüssen unter die Leute vertreiben. Du müsstest einfach auf meine Leidenschaft (sprich Verrücktheit) achtgeben. Darfst mich nicht zu sehr zwicken oder verletzen, weil ich ja sonst offenbar Gift speie – wie schrecklich – über 3000km weit und in einem hohen Bogen, wie man sich leicht vorstellen kann. Und ich werde dich ganz behutsam an der Hand nehmen, wie du es gerne magst, und deine großen mütterlichen Fähigkeiten genießen. Und so wird unsere schwedisch-schweizerische Koproduktion ein Erfolg werden. Darauf kannst du zählen, meine Liebe.
Soweit meine astrologischen Erkenntnisse. Ich habe sie – gewollt oder ungewollt – etwas ironisch formuliert, weil ich nicht genau weiß, was ich dabei glauben soll. Mann muss ja nur genug daran glauben, dann wird es schon stimmen. Kennst du diese wunderbare Anekdote über Nils Bohr, den berühmten dänischen (so glaube ich) Atomphysiker? Er hat Leute in sein Landhaus eingeladen. Und die Gäste haben sich gewundert, warum er über dem Eingang ins Haus das Hufeisen eines Pferdes angebracht hat. Solche Hufe gelten bekanntlich als Glücksbringer. Und sie haben Bohr gefragt, ob es denn wirklich so sei, dass er als Naturwissenschafter an solche Dinge wie ein Hufeisen glaube?? Und Nils Bohr, weise wie er war, hat gesagt: „Nein, ich selbst glaube natürlich nicht daran. Aber es gibt Leute, die sagen, es helfe auch bei jenen, die nicht daran glauben!".
Intelligent gesehen, nicht wahr? Ist eine meiner Lieblingsanekdoten, ganz einfach, weil sie mehrdimensional und vielstöckig ist. Sie ist wirklich sehr weise und köstlich zugleich!
So steht es also in den Sternen, dass wir im ST aufeinander fallen mussten. Es gibt wohl wirklich keine Zufälle, und nun kleben wir hier im E-mail zusammen. Und du gräbst jeden Abend, unter Lebensgefahr, wie du sagst, nach Gold. Und ich sitze hier in Basel und hoffe, dass du es auch findest.
Kapitelwechsel
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