Donnerstag, 3. März 2016

Mea culpa



Subject: Mea culpa

Liebe Marlena
Ach, wenn Du wüsstest, wie hübsch Du schreiben kannst, Du würdest
bestimmt viel mehr schreiben. Aber ich weiss, es ist zur Zeit ein
wenig mein Problem. Nun ja, da waren die Feiertage, an denen ich die
meiste Zeit zuhause herumlag und viel viel gelesen habe. Und dann war
da noch das Wochenende, wo du nicht erreichbar bist.

Du darfst nicht sagen, dass die Wellenlänge nicht mehr da sei. Nein,
das ist es nicht. Sobald ich ein Mail von Dir lese, bin ich sofort
wieder da. Doch sonst bin ich mit meinen Gedanken ziemlich
unkonzentriert und vagabundierend. Das will ich schon zugeben. Ich bin
auch bei meiner Arbeit noch nicht sehr konzentriert. Ich habe mich
seit meiner Krankheitsabwesenheit noch nicht wirklich eingelebt. Aber
es wird wieder kommen. Es muss kommen.
Mindestens habe ich kein Problem, dich energisch und elegant bügeln zu
sehen. Absolut kein Problem. Und wie Du mit Chamre schreibst über
Deine Schwiegermutter, deren Werk sich in der Vegetation des Gartens
und dem blauen Himmel spiegelt. Das ist doch sehr fein gemacht.
Offenbar hast Du alte Mails nachgelesen. So nehme ich an. Wie man es
tut, wenn man ein Glas Chardonnay in der Nähe hat. Das ist doch wohl
die Absicht, den Faden wieder aufzunehmen. Es wird schon wieder
kommen. Verlier nicht die Geduld mit mir, liebe Marlena. Es ist auch
nicht so, dass es mir schlecht ginge. Meine Nase fühlt sich zwar noch
ziemlich wund an. Und wenn ich mich hinlege, habe ich den Eindruck,
sie hänge auf eine Seite hinunter. Und wenn die Luft kühl ist,
schmerzt es. Und gelegentlich wirkt alles so trocken und verhärtet,
dass ich nicht wage, die Nase zu rümpfen, weil ich Angst hätte, sie
würde glattweg zerbrechen und zersplittern. Aber dazu ist es noch
nicht gekommen. Morgen muss ich wieder zur Kontrolle.

Ach, Marlena, Du hast Dich bestimmt niemals ganz ausgeliefert. Das
tust Du nie und das solltest Du wohl auch nie. Nein, Du behälst immer
Deine Reserven. Und ich habe es mittlerweile auch akzeptiert.
(---)

Und jetzt muss ich rasch wieder an die Arbeit. Wir haben morgen einen
Apero, um unsere neuen Räume einweihen zu können. Und ich habe mich
bereit erklärt, einige Bilder aufzumachen. Ich bin ziemlich im
Rückstand, kann ich Dir sagen. Ich habe die Bilder selbst gemalt, mit
der linken Hand, damit sie wie Kinderzeichnungen ausschauen. Das
spricht die Kleinen besser an. Aber sie sind nicht so nach meinem
Geschmack. Ich hätte sie lieber farbenfroher. Doch weil ich bloss
graues Papier gefunden habe, sind die alle etwas gedämpft. Schade. Wir
werden später mal einen Wettbewerb ausschreiben müssen, damit wir
bessere Werke an die Wand kriegen.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit. Und bitte, drehe nicht an der
Wellenlänge. Du weißt wie es am Radio ist. Wenn man ihn verstellt, ist
schwer, wieder den Sender zu finden. Mindestens früher war das so.
Ich grüsse und küsse dich
 ...

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