Samstag, 26. März 2016

Täglich zum zweiten



Hör mal meine Marlena
Mit deinen vielen Texten über die Liebe, von der Liebe, in Liebe, willst du meine Gefühle anstacheln? Du willst wohl Öl ins Feuer giessen? Du willst mich verführen mit Rilkes Liebeslyrik? Willst du vielleicht, dass ich mich in platonischer Sehnsucht verzehre? Und dann auch noch Kästners mehrdeutige Geschichte über die Liebe und die Gardinen! Wohin wird das noch führen, wo wird es enden? Ich bitte dich, soll ich mich hier denn an Schokolade zu Tode fressen??
Marlena, sei ein bisschen vorsichtiger und schicke doch mal einen Text über die Zwietracht oder über einen tüchtigen Streit, oder sonst eine wilde und ärgerliche Sache!
*
Den berühmten Peter von Roten habe ich nicht geliebt, doch verehrt habe ich in. Ich habe regelmässig seine Kolumnen gelesen, die er in der Zeitung hatte. Er war über Jahre auch Politiker in Bern gewesen. Ich habe ihn einmal an einer Kunstvernissage sprechen hören. Er hat eine gute halbe Stunde frei und anregend gesprochen ohne einen Text oder die kleinste Notiz. Er hatte ein ungeheurer reiches Wissen. Er war anders als sein Bruder, der Vater meiner Freundin, der als Bauingenieur doch eher nüchtern war. Letzterer ist letztes Jahr gestorben und war auch ein Skorpion, nebenbei gesagt. In den paar Gesprächen, die wir zusammen hatten, hatte ich immer den Eindruck, wir würden uns gut verstehen. Er hatte den gleichen Jahrgang wie mein Vater, und in der Tat hatten die beiden früher in derselben Firma gearbeitet, mein Vater als Elektro- und er als Bauingenieur.
Mein Vater ist eben auch ein sehr nüchterner Mensch, ein technischer Mensch. Ich danke Gott, dass damals im Wallis, als ich ans Gymnasium kam, an der Schule noch keine technische Abteilung bestanden hatte. Es gab nur Abitur mit Griechisch und Latein, oder mit Latein und Englisch. Wäre das anders gewesen, dann hätte mich mein Vater bestimmt in die mathematische Abteilung gesteckt, und heute wäre ich irgend ein Ingenieur oder Techniker oder ein anderer homo faber. Ich danke Gott, dass das nicht geschehen ist. Ich bin doch nun ein barocker Mensch: ich mag barocke Feste, barocke Menues mit barocken Weinen, barocke Bilder inklusive barocke Frauen. Vielleicht mag ich sogar ein barock überladenes Schreibpult im Büro? Ich bin eben im tiefsten Herzen wohl ein sehr katholischer Mensch, das meint doch nur sinnlich und den Dingen dieser Erde zugetan. Vielleicht war ich in einem früheren Leben ein dicker Landpriester in schmutziger Sutane in Portugal, oder meinetwegen in Sizilien. Kennst du Rilke im Stundenbuch:

Ich habe viele Brüder in Sutanen
Im Süden, wo in Klöstern Lorbeer steht.
Ich weiss, wie menschlich sie Madonnen planen,
und träumen oft von jungen Tizianen,
durch die der Gott in Gluten geht.

Ja, sie planen ihre Madonnen wirklich sehr menschlich und erotisch und begeistern sich an Tizians glühender Farbenpracht, und sie nehmen den jungen Frauen die Beichte ab und erregen sich daran. Ach, wie schön menschlich ist doch die Welt, und vor allem auch die katholische Kirche, wo es stinkt vor Geld, vor Gezänke und vor Homophilie! Daraus liesse sich ein feiner Fellini Film machen! Diese Italiener sind nicht weit von den Persern entfernt. Vielleicht hat mich das einmal angezogen? Beide sind sie, wenn sie reich und elegant sind, auch sehr smart und schick und wohl auch furchtbar arrogant. Sie sind wirklich als alte Kulturnationen letztlich miteinander verwandt und immer auch ein bisschen korrupt.
Das wollte ich dir noch rasch sagen, an diesem Freitag, deinem Konferenzentag, wo du doch sicherlich etwas von der täglichen Verantwortung des Unterrichtes entbunden bist.
Morgen ist Samstag, und ich wünsche dir einen schönen und frühlingshaften!

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