...
Du siehst, meine liebe Marlena, ich bin sehr grosszügig. Ich gebe dir
die Möglichkeit, kurze Mails zu schreiben, aber ebenso die Möglichkeit,
lange Mails zu hacken. Aber – unter uns – ich mag die längeren lieber.
Und wenn du siehst, wie ich mich heute, nach deinen drei Mails, ins Zeug
lege und abrackere und schreibe und schreibe und schreibe, so merkst
du, dass für jedes deiner Worte etwa 10 zurückkommen. Jedes Wort bezahlt
sich zehnmal aus. Ist das nicht eine stattliche Rendite? Davon können
die modernen share holder nur träumen, von 1000% Gewinn. Das muss doch
einfach jede schwedische Muse umwerfen! -- ;-)), wie du zu tippen
pflegst --.
Was war unsere Kapitelüberschrift? Richtig,
ich bin gerade dabei, dich für unschuldig zu erkläre, auch wenn du
gelegentlich sündhaft kurze Mails hintippst, mehr gechattet als wirklich
geschrieben, mehr Andeutungen als wirkliche Mitteilungen, eigentlich
Gesten statt tatsächliche Handlungen. Überigens ist Chatten keine
Schwäche von mir. Ich habe es eine zeitlang (neue deutsche
Rechtschreibung: „eine Zeit lang") versucht, um – sozusagen beruflich -
herauszufinden, was junge Leute daran finden. Ich kannte es vorher
absolut nicht. Und welche Erfahrungen habe ich gemacht? Nun ja, was soll
ich sagen? Es gibt den Sonntag-Nachmittag Chat. Ich nenne das,
ironischerweise, den Babystrich. Da sind junge Mädchen am Werk, die sind
manchmal süss und manchmal sehr beschränkt. Meist chatten sie über
Banalitäten, mindestens soweit ich das mitbekommen habe. Dann gibt es
den Montag-Abend-Chat. Der ist überbelegt, weil alle frustriert sind
Montag abends und sich gegenseitig etwas streicheln und küssen möchten.
Ich habe festgestellt, dass Büroleute im Vorteil sind beim Chatten. Sie
sind schneller im Schreiben und wirken damit etwas cleverer und
intelligenter, als sie vielleicht wirklich sind. Es gibt dann die
Jungen, die in Schweizerdialekt chatten. Das ist modern, meine Töchter
schreiben ihre Mails auch in Dialekt. Aber sie chatten nicht im ST,
soweit ich weiss. Zwischendurch gibt es einige wenige Personen, die sehr
witzig und rasch und clever chatten. Da macht es dann sogar ein
bisschen Spass. Aber schnell wollen sich die Leute schliesslich
persönlich kennenlernen. Sie schicken Fotos und so weiter. Ich finde,
das verdirbt den Reiz. Der Chat ist bloss deswegen reizvoll, weil man
sich nicht kennt. Die Fantasien spielen eine grosse Rolle. Das Ganze
lebt eigentlich von Fantasien, von frustrierten und von übersteigerten.
Es ist ja doch die absolute Verstellung. Männer geben vor, Frauen zu
sein, Alte als Junge, Verheiratete als Ledige und alles auch umgekehrt.
Man darf und kann fast nichts glauben, denke ich. Und das ist es dann
auch. Du wenigstens, liebe Marlena, kannst behaupten, du chattest um
Deutsch zu üben. Obwohl das Deutsch-Niveau im ST nicht sonderlich hoch
ist, unter uns gesagt. Aber damit hast du zumindest eine gute
Begründung. Ich habe absolut keine. Ich darf eigentlich gar nicht
chatten. Mailen ok, aber nicht chatten!
Kapitelwechsel
Ich
werde also die Krebs-Skorpion Variante in allen Aspekten studieren.
Allerdings kann ich nicht auf deine schwedischen Quellen zurückgreifen.
Das ist mir dann schon etwas zu umständlich in deiner Muttersprache. In
alten Zeiten hat mir eine Freundin einmal ein Buch über die Sternzeichen
geschenkt. Das werde ich hervorsuchen, wenn ich es noch finde. Und ich
werde dir dann haargenau mitteilen, welches unsere Chancen und unsere
Risiken sind, Marlena, welches die erogenen Zonen und die geheimen
Träume und die Lieblingssteine und was auch immer, sieh dich also vor!
Damit werden wir die Architektur unseres Maus-Freundschft auf ein
solides Fundament stellen. Wenn man üblicherweise sagt: „Der Berg hat
eine Maus geboren", so werden wir hier sagen „Die Maus wird einen Berg
gebähren". Ich sag es dir, Marlena, du wirst noch staunen!
Ich
muss jetzt aufhören, meine Liebe, sonst bringe ich Dich arg unter
Leistungsdruck. Doch lass dich nicht beeindrucken, Marlena!
Ich umarme dich auch bei kurzen Mails, bei langen drücke ich dich - pardon madame
Freitag, 18. März 2016
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