Donnerstag, 26. September 2013
Na ja klar - (6 sept 13:11)
den 6 september 13:11
Re: na ja klar
Liebe Marlena
Puh, heute habe ich bis 11.00h geschlafen. Das ist lange nicht mehr passiert in meinem Leben. Es scheint, ich schwimme immer noch in diesem Time Lag zwischen den zwei Kontinenten. Das Wetter ist hier ein bisschen bewölkt, nicht unfreundlich, aber in der Tat herbstlich.Man hat den Eindruck, man müsse bald Kastanien sammeln wie in Kinderjahren. Aber ich sollte wohl jetzt meine Sitzung vom Montag vorbereiten. Und es gibt soviele Papiere, die ich neu zu lesen habe.
Unser Roger Federer hat in Flushing Meadows nicht reussiert. Er hat gegen seinen Angstgegner Nadal ein bisschen zu rasch verloren. Tennis ist wirklich ein merkwürdiger Sport. Man kann den Matchball im Sack haben und den ganzen Match dennoch verlieren. Na ja, so weit ist es bei Federer nicht gegangen. Aber immerhin. Hast Du ihn gesehen? Er ist nicht besonders hübsch, wie mir die Türkin in NY betont hat. Aber er hat einen schönen und ausgeglichenen Spielstil. Er sei technisch einer der perfektesten Spieler heute. Das ist doch Balsam auf die armen Seelen der Schweizer. Davon leben wir doch, wenn die Wirtschaft nicht wachsen will und wenn uns niemand auf dieser grossen Welt mehr liebt! Deshalb habe ich mir die vielen Toblerones auf dem Buffet des Metropolitan Museums in NY so gerne angeschaut, deshalb bin ich - was ich sonst nie tun würde - in der 5. Avenue in einen dieser teuren Lindt-Läden getreten und habe mir pure braune Schweizer Schokolade angeschaut, und deshalb habe ich auch im Hyatt am Fernseher so lange gewartet, bis sie vielleicht von unserem Roger Federer ein paar Szenen zeigen würden. Es ist nicht leicht, wenn man durch die Welt reist und aus einem kleinen und ein bisschen bedeutungslosen Land kommt. Na ja, man sagt, die Schweiz sei wirtschaftlich eine Grossmacht. Aber sie ist eben doch eine Winzigkeit auf diesem grossen runden Planeten. Und sie fällt langsam zurück auf der Leiter der wichtigsten Industrienationen.
Seit 5 Tagen wünsche ich mir, nach Basel zu gehen, um die Stadt einem Vergleich mit der noch lebendigen Erinnerung NYs zu unterziehen. Aber ich habe es noch nicht geschfft. Und wenn ich jetzt - noch am fruehen Samstag Mittag - gehe, was am schönsten wäre, dann bin ich müde, wenn ich um 4 oder 5 zurück bin. Und dann erst die Sitzung an die Hand zu nehmen, wäre eine Qual. Nun ja, vielleicht kommt es doch noch so heraus. Ich bin in meinen Entscheidungen manchmal sehr impulsiv. Und die Sitzung vom Montag ist heute noch weit weg. Die Luft hier im Büro ist nicht besonders ;--))
Gerade schickt mir Gunsu aus NY ein Mail mit der Information, dass im Herbst ein Kongress der Hypnosetherapeuten in New Hampshire stattfinden wird. Sie erwarten mich dort. Das ist lustig. Die Amis reissen wirklich alles an sich. Ich habe nicht im Sinn, unter die Hypnotisten zu gehen, auch wenn ich hier ein bisschen mit dieser Bezeichnung spiele. Und wenn ich nach New Hampshire reise, dann tue ich es wegen dem Indian Summer, und nicht wegen der Hypnotisten. Aber ich muss sagen, die Reise nach NY hat mich ein bisschen auf den Geschmack gebracht. Ich habe S geraten, dass wir mehr reisen sollten. In den Herbst Ferien fliegen wir wahrscheinlich nach Teheran. Im November werde ich mit einigen Mitgliedern unseres Clubs in Prag sein. Wir werden eine Patenschaft mit einem tschechischen Club aufbauen. Darauf bin ich gespannt. Die Tschechen möchten gerne Jugendaustausch und Gedankenaustausch mit unserem Club in der Schweiz. Und wir? Was können die Teschechen uns bieten? Vielleicht könnten sie uns jede Woche eine Ladung feines Bier schicken? Ich habe mir gedacht, sie könnten in Prag einen Arbeitsplatz für einen Forscher einrichten, der in deutscher Literatur rund um Rilke und Kafka arbeitet. Das wäre doch schön. Aber ich weiss nicht, wieviel Material die tschechischen Archive über die beiden Schriftsteller enthalten, die nicht bearbeitet sind. Vielleicht findet sich der Nachlass in Wien oder anderswo?
Wann fährst Du nach Wien? Hast Du schon konkrete Schritte unternommen? Sicher werden sie dich dort mit offenen Armen aufnehmen. Und ist es - so ungefähr könnte man es sagen - eine Art Heimkehr für Dich. Ich rätsle immer noch darüber, wie der Zentralfriedhof sein muss, von dem Walter immer schwärmt. Und die Berggasse habe ich noch in Erinnerung, diese enge und ein bisschen schwere, dunkle bürgerliche Gasse, wo Freud gehaust hat. Seine ganze Umgebung hatte etwas von ernstem Bürgerstolz.
Ach, ich bin schon jetzt müde. Ich fahre rasch nach Basel. Und ich wünsche Dir einen schönen Sonntag.
Mit lieben Gruessen und Kuessen
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