Samstag, 28. September 2013

momo - (Montagmorgen)


den 8 september  08:41
Re:momo


Liebe Marlena

Nein, ich spiele kein Intrument. Aber die Frage ist raffiniert, weil sie bei mir eine ganze Menge Antworten auslöst. Als Kind habe ich mal Flöte gespielt, wie Du Dir vorstellen kannst, diese kleine Blockflöte. Mit meinem Bruder zusammen und zwei Mädchen von Visp hatten wir wöchtentlich unsere Flötenstunde. Ich glaube, mein Bruder war etwas geschickter in der Fingerfertigkeit. Auf jeden Fall konnte er gewisse Stücke so schnell, dass ich kaum nachkam. Und als älterer sollte ich diese dinge doch besser beherrschen.

Unser Lehrer in Visp war sehr musikalisch. Und er machte sich eine Ehre daraus, ein kleines Blasorchester zu dirigieren. Damals gab es noch keine Fotokopierer. So kopierte er die Noten von Hand, und man bekam sie dann für eine Woche, um sie zu lernen. Ich hatte wenig Interesse an dieser Zusatzarbeit und übte kaum. Es war eine sehr unangenehme Sache, zu den Proben zu gehen, ohne auch nur irgend eine Ahnung von der Musik zu haben. Ich weiss nicht, wie lange die Qual dauerte, aber ich mochte sie überhaupt nicht. Und als ich diesem Lehrer vor ein paar Jahren erzählt hatte, dass ich diesen Musikdrill überhaupt nicht geschätzt, ja eher gehasst habe, tat er sehr erstaunt. Er konnte es kaum begreifen, dass jemand auf seine gutgemeinte Intitiative so reagieren würde.

Im Gymnasium wählte mich der Singlehrer, wegen meiner Stimme offenbar, in den grossen Chor. Er hatte damals die Idee, eine Art Chor zu pflegen wie jener der Wiener Sängerknaben. Immer wieder wurden uns diese Buben aus Wien, oder auch die Regensburger Domspatzen als Vorbild hingestellt. Auch hier schätzte ich nicht besonders, dass man neben der Schule noch zusätzlich in diese Singproben gehen musste. Aber es war erträglicher, weil dahinter nicht wirklich ein Leistungsstress lag. Wir hatten ab und zu Konzerte mit diesem Chor, etwa anlässlich des Studententheaters, oder sonst an speziellen Gelegenheiten. Und die Bevölkerung liebte uns sehr. Ich erinnere mich, wie wir den Wiener Walzer "Gold und Silber" sangen. Das Publikum war so begeistert, dass unser Lehrer, den wir nach der hübschen Brigitte Bardot 'BB' nannten, nicht umhin kam, zwei Zugaben zu machen. Auf unsere Kosten natürlich!

Der Chor war das Ende meiner musikalischen Karriere. Ich habe dann wieder mit meinen kleinen Töchtern Flöte gespielt, anfangs, als sie bald in die Schule gingen. Na ja, kleine Weihnachtsstücke oder sonst bei familiären Gelegenheiten. Aber Regula war bald viel gewandter und schneller, so dass ich meine Bemühungen bald aufgeben konnte. Und so bin ich allmählich zu einem passiven Musikhörer geworden. Ich hatte zwar vor einigen Jahren etwas Lust gehabt, Klarinette spielen zu lernen. Ich mag den Klang dieses Instrumentes. Man kann damit wirklich melancholische Weisen spielen. Aber die Zeit hätte nicht gereicht, genügend zu üben. Und so habe ich es gelassen.

Kurz und gut, meine Antwort ist NEIN: In Visp gab es damals einen Orchesterverein. Und diese Leute haben für das Winterhalbjahr oft Konzerte eingeübt und dann vor Publikum gespielt. Und eine zeitlang bin ich da jeweils sonntags abend hingegangen. Aber ich muss gestehen, es war weniger wegen der blossen Musik als wegen des Publikums. Einer meiner Freunde war regelmässig da. Und auch einige Mädchen, deren Anblick ich nicht vermissen wollte, waren zu sehen und trugen meist etwas elegantere Sonntagskleider, als man sonst zu sehen gewohnt war. Es war ein sublimes und sauberes Sonntagabendgefühl, das ich dort suchte. Und sonst gab es kaum Unterhaltung: kein Fernsehen, wenig Bücher, kaum ein guter Kinofilm. Ich glaube, das war es, der Wunsch nach einer besonders feinen und erhabenen Stimmung, um den Sonntag abzuschliessen.

Ich habe immer bedauert, dass ich nichts spiele, vor allem, als unsere Kinder dann Klavier und Querflöte zu spielen begannen. Es ist schwer, die Jungmannschaft zum Ueben anzuhalten, und ich habe gedacht, es wäre schöner, zuhause ein kleines Hausorchester zu haben, wo alle mitspielen können. S. hat eine zeitlang in einem Chor mit gesungen, um unsere europäische Musik kennenzulernen. In Persien klingt das ja ganz anders. Die traditionelle Musik erscheint uns so, als ob die Sänger weinen würden.

*

Eigentlich habe ich ein gutes Gefühl dafür, wo meine Mails Fragen und Fragezeichen hinterlassen könnten und würden. Wenn ich sage, wirklich ALLES, was Du von mir haben könntest, dann ist das eine solche Stelle. Ich hatte mir, noch während ich schrieb, gedacht, dass Marlena näher danach fragen würde. Es ist ja auch ziemlich unklar. Alles ist eben alles, das ist nicht näher definiert. Und um die Unklarheit noch unklarer, dh. eigentlich scheinbar klarer zu machen, habe ich beigefügt 'wenn du weisst, was ich meine'. Kurz und gut, ich muss Dich fragen, was wäre denn für Dich "Alles". Vielleicht allen Besitz, allen Reichtum, alle Gefühle? Oder bloss alles, was in der Situation da ist? Vielleicht den Rest des Dôle, der noch in der Flasche ist? Ja klar, und dann müsstest Du dazu ja noch richtig 'im Schuss sein'. Was meint denn das nun wieder? Wann bist Du im Schuss, und wann würde ich das als 'im Schuss sein' bezeichnen? Ich glaube, wir sollten dieses Gegengeschäft "alles gegen Schuss" mal ausprobieren. Aber was meint er nun damit wieder?

Nein, ich meine auch nicht, dass ich dasselbe mögen sollte, wie Du es magst. Aber manchmal lernt man neue Dinge kennen, wie man sie sonst niemals antreffen würde. Und das ist doch schön. Musik ist vielleicht nicht gerade meine grosse Leidenschaft. Aber ich glaube nicht, dass ich unmusikalisch bin. In den letzten Jahren höre ich gelegentlich Opernarien. Sie sind ja nun nicht besonders hohe Kunst, aber ich mag einige davon. Sie sind etwas süss, und manchmal etwas gewichtig. Aber ich höre Musik meist mit dem linken Ohr. Das heisst, ich tue was daneben. Ich kann kaum bloss dasitzen und zuhören. Das geht nicht.

Ich bin also gespannt auf unser neues Stockwerk. Ich kann Dir nicht sagen, wie es gebaut ist. Wir bauen es doch zusammen. Und du kannst sofort einziehen. Es gibt zwar noch kein DAch, noch keine Wände. Das tut aber nichts. Es ist da zum einziehen. Vielleicht ziehst Du Dich besser warm an dabei ;--)

Mit schönen und lieben Gruessen
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