Mittwoch, 25. September 2013

Freitagabendumviertelvorsieben (18:33)


den 5 september  18:33
Freitagabendumviertelvorsieben

Liebe Marlena

Ja, ich bin froh, dass Du glücklich bist. Und wenn Du im Schuss bist, dann bist Du unwiderstehlich. Ich glaube nicht, dass ich in einem solchen Moment mich zurückhalten könnte. Du könntest von mir alles haben. ALLES, wenn Du weißt, was ich meine.

Manchmal hattest Du auch sehr unglückliche Momente. Aber ich glaube, sie sind seltener geworden. Das geht mich vielleicht auch nicht soviel an. Aber ich hatte mir ab und zu Sorgen gemacht.

Na ja, jeder hat seine ups and downs.

Was hast Du denn verstanden in meinem Mail, dass Du so misstrauisch geworden bist. Ich hatte den Eindruck, Du nimmst ein bisschen Abschied? Und ich hatte keine Ahnung, weshalb. Ich habe auch Deine Figur, anhand dreier Freunde zu sehen, wie das Leben auch noch hätte verlaufen können, sehr schön. Ich habe mich bestimmt nicht darüber lustig gemacht. Habe ich mich so ungeschickt ausgedrückt?

Na ja, never mind, Missverständnisse gibt es überall. Erst wenn sie endlos wiederkommen, werden sie gefährlich.

Siehst Du, wir bauen einen neuen Stock. Und zum Beispiel auf meine Bemerkung, ich hätte eine CD von Barbara gekauft, hast Du im neuen Stock reagiert. Du hast versprochen, ein paar Neuigkeiten zu zeigen und mir ein paar Anregungen zu machen. Nicht wahr? So ungefähr stelle ich mir den neuen Stock vor. In diese Richtung irgendwie! Das wäre cool.

Ich habe jetzt gerade meine erste Woche überstanden. Und ich schreibe ü immer noch als ue. Weiter bin ich noch nicht. Aber es wird sich schon geben. Die hübsche kleine Fremdenführerin aus Isfahan hat mir heute Bilder ihrer Stadt geschickt. Sie sind ganz gut. Wenn es klappt, schicke ich Dir eins oder zwei. Ich brauche sie für meinen Vortrag im Club. Ich werde versuchen, einen Projektor zu verwenden. Das macht einen guten Eindruck für ein Dritt-Welt-Land ;--). Ich weiss noch gar nicht genau, was ich ihnen erzählen soll. Ich bin ja bei weitem kein Spezialist für Persien. Manchmal reut es mich, dass ich die Sprache nicht verstehe. Wenn ich das täte, könnte ich mich tiefer damit beschäftigen, und auch die Mentalität besser erfassen. Sie haben eine starke Tendenz zu Formalismen, habe ich den Eindruck. Es gibt viele Redensweisen, die man so sagt. Es sind Nettigkeiten, Schmeicheleien, die man irgendwie glauben kann oder auch nicht. Es sind sozusagen sprachliche Angebote. Es ist ja durchaus möglich, dass dir jemand in Persien ein Angebot macht. Er sagt, er gehe jetzt heim essen und du kannst auch mitkommen und mitessen. Das heisst aber nicht, dass er wirklich erwartet, dass du ein solches Angebot annimmst. Aber du könntest, im extremen Fall, das Angebot schon annehmen. Aber das wäre dann wirklich ein extremer Fall. Im allgemeinen ist es eher ein sprachliches Angebot. Und du kannst irgendwie darauf eingehen, halb eingehen oder es völlig in den Wind schlagen. Es ist eine Nettigkeit. Und die meisten Nettigkeiten gehen nicht über die Sprache hinaus.

Ich erinnere mich, wie ein Bruder Ss damals ein Hemd von der Reinigung gebracht hatte. Ich machte ihm ein Kompliment dafür, und er meinte, ich könne das Hemd haben, wenn ich es wollte. Als nüchterner Schweizer war ich damals weit davon entfernt, irgend einen Wunsch nach diesem Hemd zu haben. Und ich hatte schon den Eindruck, mit meinem Kompliment zu weit gegangen zu sein. B. gab aber nicht auf und hat mir das Hemd förmlich aufgeredet. Es war wirklich ein hübsches blaues Hemd mit feinen weissen Streifen und einem relativ hohen Kragen. Es war mir aber von Anfang ziemlich eng. Aber B. ist ein bisschen muskulöser als ich. Und vielleicht war es ihm noch enger als mir. Doch die Geste hat mich noch lange beeindruckt. Und ich habe immer wieder gesehen, wie Leute, denen ein Kompliment gemacht wurde, die Sache der betreffenden Person angeboten hatte.

Im Norden, am Kaspischen Meer, haben wir mal mit M. meinem Patenkind um ein Schachspiel aus Holz gefeilscht. M. war ziemlich knauserig und wollte wirklich nicht zu viel bezahlen. Zum Schluss meinte er Verkäufer, er solle das Spiel ohne Bezahlung mitnehmen. M. war natürlich sehr erstaunt weil er das Angebot, wie wenn es ein Schweizer gesagt hätte, ernst genommen hat. Für den Verkäufer war es bloss eine freundliche Geste. Er wäre wahrscheinlich sehr unglücklich gewesen, ohne Bezahlung. Und er hätte seine elegante Geste bestimmt sofort irgendwie gedreht und verändert. Sie sind so glänzend und beweglich wie Seidenstoffe, die Perser.

*

Ich bin bereit, im neuen Stock herumzutoben. Du auch?

Mit einem liebsten Gruss

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