Sonntag, 29. September 2013

ernst zu nehmende Konkurrenz (17:59)


den 9 september 17:59
Vorabendprogramm

Liebe Marlena

Ausnahmsweise sitze ich wieder einmal zuhause am PC. Meine Kaffeetasse scheppert etwas, wenn ich auf die Tasten hacke. Weißt Du eigentlich, dass ich ziemlich rasch schreibe, ungefähr so wie eine mittelgeschickte Sekretärin. Das habe ich damals im Gymnasium gelernt, als mich der Klassenlehrer beauftragte, seine Lektionen zuhause nachzu-schreiben und ihm abzuliefern. Das habe ich dann auch regelmässig gemacht und mir Mühe gegeben, wenig Fehler zu machen. Und ich bin ihm noch heute dankbar, dass er uns einen Schreibmaschinenkurs organisiert hatte. Wir waren die einzige Klasse, die in einen solchen Genuss gekommen war. Und schliesslich habe ich dann ja auch meine Doktorarbeit selbst geschrieben, mit dem Effekt, eine kleine Entzündung im Handgelenk zu haben. Ich hatte damals erstmals auf einer elektrischen Maschine geschrieben. S. hatte sie aus dem Büro heimge-bracht. Und man musste höllisch aufpassen, dass man nicht unwillentlich eine Taste berührte, denn dabei ging sie schon los, ganz im Gegensatz zu einer in einer mechanischen Maschine, die man noch richtig traktieren musste, bis sie zu schreiben geruhte. Und diese Steifigkeit, die das bedingte, führte dann wohl zur Entzündung.

*

Ich hoffe, Du lachst mich nicht aus, wenn ich Dir beichte, dass ich ein bisschen Sehnsucht nach NY habe. Natürlich ist es nicht nur die Stadt, sondern auch die freie Zeit, die Möglichkeit des Vagabundierens, jeden Moment tun Könnens, was man will. Aber es ist auch die Stadt. Ich habe den Eindruck, NY sei eine sympathische Stadt. Und – Du erinnerst Dich – das hatte ich vorher nie im Leben geglaubt. Ich habe mich wohl ein bisschen verliebt. Nicht, dass ich jetzt Paris oder Rom gering schätzen würde. Das nun sicher nicht. Aber NY ist eine ernst zu nehmende Konkurrenz zu diesen bejahrten, eleganten Damen des alten Europa. Ist das nicht merkwürdig. Ich habe mich schon lange nicht mehr so sehr überraschen lassen. Meine Sympathie geht sogar so weit, dass ich denke, man müsste den armen Amis wirklich im Irak etwas unter die Arme greifen. Stell Dir vor!

*

Und jetzt muss ich hinüber, um einige kleine Dinge in Ordnung zu bringen. Es wird langsam kühl dort drüben. Und bald werde ich es nicht mehr aushalten, ohne zu heizen. Deshalb noch heute!


Ich wünsche Dir einen wunderschönen Abend nach einem erfreulichen Tag.

Mit Liebe
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