"Nachempfindung von Rubens' Höllensturz"
den 10 september 08:23
Frühmorgens
Liebe Marlena
Du bist doch ein Mensch von praktischem Format. Du bist zufrieden, wenn Du Gras gemäht und Pflaumenkuchen bereit hast. Du stützest Dich auf handfeste Dinge, auf sichtbare Resultate. Du wärst glücklich und zufrieden, Dich im RL einzurichten. Ich glaube, Du lebst vor allem von der sinnlichen Welt: Natur, Menschen, Blumen. Nicht wahr? Na ja, das geht uns allen wohl mehr oder weniger ähnlich.
Aber ich habe gemeint, Ronda sei eher für das VL, weil man dort oben kaum 14 Tage - nachdem man die Frau entführt hat - wirklich froh und zufrieden leben könnte. Ronda ist ein abstrakter Traum, und Hemingway hat es auch ein bisschen so gemeint. Na ja, vielleicht war er selbst ein bisschen ein abstrakter Typ, der irgendwo auf dieser Welt sich in Handgemenge einlassen konnte. Abstrakt würde dabei heisse, dass es keine Rolle spielt, wo und wofür.
Nein, ich spiele kein Golf. Ich habe mich damals mit dem starken Gedanken getragen, anzufangen. Und es hätte nicht viel gefehlt, dass ich wirklich in einen Club eingetreten wäre. Das war die Zeit, als ich noch mit dem Bon von 10 Schnupperstunden herumgegangen bin. Aber heute bin ich ein abgeklärter After-Golfer. Ich habe überigens eine gute - psychoanalytische - Definition, was Golf sei, wenn es denn jemand unbedingt wissen wollte: Golf ist der sublimierte libidinöse Triebwunsch, den Ball ins Loch zu bringen. Na ja, vielleicht ist das wirklich nur für einen Psychoanalytiker lustig. Sofern ein solcher überhaupt zum Lachen zu bringen wäre.
Du hast also Städtewünsche? Und wenn die Reisebüros heute jede Menge Städtereisen auf den Markt werfen, liegen sie bei Dir richtig. Und den grössten Wunsch hast Du Dir immer noch nicht erfüllt. Ich kann mir schon denken, in welche Richtung er geht. Und ich wünsche Dir, dass er sich erfüllen möge. Du weisst doch, Marlena, dass Wünsche, wenn man sie sich wirklich und von tiefstem Herzen wünscht, auch erfüllt werden. Wenn das nicht geschieht, dann ist man vielleicht ambivalent. Man will und gleichzeitig will man auch nicht. Wir sind ja solche Wundergeschöpfe, die sowas können. Solches sind Operationen, die man in der Mathematik mit +/- bezeichnen würde. Aber das trifft auch nicht zu. Dort heisst es entweder oder, hier bei uns heisst es zugleich + und - . Sowas Kompliziertes kann wahrscheinlich nur unser Kopf. Wenn man wirklich das Herz fragen würde, wäre es immer entweder eindeutig ja oder eindeutig nein.
Ich glaube, ich habe auch Städtewünsche. Aber es sind für mich nicht so grosse Wünsche, dass sie sozusagen lebensentscheidend wären. Ich würde auch gerne Madrid sehen. Ich würde- wie ich schon gesagt habe - gerne 2 Jahre in Isfahan leben. Auch in Rom wollte ich eine längere Zeit sein. Und mit Wien könnte ich mich sofort auch einverstanden erklären. Ich glaube nicht, dass Rom so gross ist, dass man es sich für die Ewigkeit aufheben sollte. Das Zentrum Roms ist klein. Es gibt zwar eine Unmenge zu sehen. Aber es ist nicht wirklich gross. Und das finde ich schön. In 14 Tagen kennt man sich schon gut aus.
Ich würde am liebsten meine Existenz verwandeln. Du weisst, mein Traum ist irgendwie eine Kombination von Porträtist und psychologischem Berater. Leute kommen, weil sie irgendwie mit irgendwelchen Problemen oder Lebensfragen nicht zurande kommen. Und ich diagnostiziere sie sozusagen in einem Porträt. Und die Dauer des Porträtierens ist gleichzeitig die Beratung. Sie ist keine so gezielte Sache, sondern ein produktiver Prozess, der sich einfach aus dieser Situation ergibt. Ich will niemandem etwas aus- oder einreden. Ich will - so könnte man es vielleicht sagen - jemanden erkennen, wie er wirklich im tiefen Inneren ist. Und das wird ihm gleichzeitig helfen, seinen Weg im fraglichen Problem zu finden. Natürlich stelle ich mir vor der Staffelei nicht kleine Penner und Nichtsnutze vor, sondern durchaus respektable Leute mit respektablen Problemen. Na ja, entweder muss die Person, oder es muss das Problem respektabel sein. Es gibt ja Menschen, die glauben, sich mit Hilfe eines respektablen Problems zu einem respektablen Menschen hinaufarbeiten zu können. Sie wollen am Problem in die Höhe klettern. Aber sowas lasse ich auch gelten.
Du siehst, mein Traum geht in die Richtung von Magie. Wenn ich das könnte, würde ich vielleicht auch Hypnosen anbieten. Aber das kann ich nicht wirklich. Und vielleicht wäre es auch ein bisschen zu zauberisch.
Überigens würde ich auch gerne noch einmal Moskau sehen. Wir waren mal dort während eines Tages. Aber damals war man als Tourist nicht frei. Und alles schien mehr oder weniger kontrolliert und verschlossen. Ich würde auch gerne in die russische Provinz reisen, dh. in Dörfer, die noch so sind wie im 18. Jahrhundert. Dort könnte man in der Tat in die Vergangenheit reisen.
Aber ich glaube, Städte sind für mich kleine Träumereien, nicht wirklich Träume. Mein Traum: Ich würde gerne ein Buch schreiben oder einige Bilder machen, mit denen ich zufrieden wäre. Ich glaube , dass es wunderbar ist, wenn man später solche Dinge wieder hervornehmen und geniessen kann. Ich merke das bei den Bildern, die ich vor etwa 20 Jahren gemalt habe. Ich schaue sie anders an als damals. Damals hatte ich sie zu kritisch betrachtet, hatte überall Dinge und Stellen gesehen, die man hätte besser malen können. Aber heute nehme ich sie einfach so, wie sie sind. Und sie sind durchaus geniessbar. Und sie zeigen mir eine Welt, die mir damals wichtig gewesen ist. Im Vergleich zu jener Zeit vor 20 Jahren würde ich heute mehr das VL betonen. Ich meine, in diesen alten Bildern war mir wichtig gewesen, die Dinge so zu malen, wie sie sind. Ich habe zum Beispiel einige kleine Bilder, die Situationen im Wallis zeigen. Es sind Stimmungsbilder. Sie erinnern mich an den Sommer im Wallis. Heute würde ich vielleicht eher meine Fantasien, meine Ideen, meine Innenwelt darstellen, und mich dabei weniger nach der äusseren, sichtbaren Realität richten.
Habe ich Dir erzählt von meinem grossen Bild 'Höllensturz'? Na ja, es ist eine Nachempfindung - so würden die Leute heute sagen - eine Nachempfindung von Rubens' Höllensturz. Auf dem Bild stürzen Hunderte von nackten Menschen und unglücklichen, wohl irgendwie schuldigen Kreaturen durch graue Wolkengebilde und blaue Wolkenfenster hindurch in die Tiefe. Es ist eine bodenlose Situation. Man weiss wirklich nicht, wo sie schliesslich landen werden. Und dabei versuchen einige dieser Sünder, sich an sehr weltlichen Dingen festzuklammern, an einem Lampenschirm, an Tüchtern, an Papieren usw. Sie schaffen neben soviel Fleisch einige Farbtupfer im Bild. Und durch das ganze Bild weht ein steifer Wind. Man sieht das an den Körpern, deren Dynamik sich als grosse Bewegung durchs Gewölk zieht. Die menschlichen Leiber wirken wie abgefallene Blätter im Herbstwind.
Die Komposition hat mir damals sehr gefallen. Und ich habe tagelang an der Komposition der Wolken gearbeitet. Das war vielleicht das schwierigste. Es sieht auf dem Bild eher wie zufällig aus, aber es ist sehr viel Kalkulation dahinter.
Solche oder ähnliche Bilder würde ich gerne malen. Aber es fehlt mir ein bisschen die Zeit. Man muss da wochenlang dahinter sein, damit es vorwärts geht und damit man den Anschluss nicht verpasst. Denn wenn das Zeug mal trocken ist, ist es sehr schwer, wieder anzufangen. Die Farbpalette stimmt nicht mehr, und auch die Striche im Bild wirken plötzlich wie Fremdkörper. Es ist, wie wenn man eine alte Liebe wieder aufwärmen wollte.Das geht selten gut.
Das wäre ein Traum: selbstvergessen in irgend einem atelier-ähnlichen Raum tagelang zu werken, bei Musik, bei ab und zu einem Espresso. Früher hätte ich gesagt, bei einer Gauloise ab und an. Aber heute würde ich den Tabak mit einem kleinen Besuch einer Person eintauschen. Aber es wäre schön, wenn die Situation offen wäre, wenn also Leute zufällig oder gewollt vorbeikommen zu einem kleinen Schwatz oder zu einer längeren Unterhaltung. Das wäre schön.
Walter hat überigens ähnliche Fantasien. Er ist ja ein passionierter Bastler und kann alle möglichen elektrischen oder elektronischen Dinge flicken. Er spricht davon, eine offene Werkstatt zu führen, wohin Leute ihre kaputten Staubsauger, defekten Bügeleisen oder pfeiffenden Radios bringen können, damit er sie ihnen flicke. So wie ich ihn kenne, würde er es den Leuten überlassen, wieviel sie für die Reparatur bezahlten.
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Elefanten mag ich auch. Ich liebe besonders Filme mit Menschenaffen. Ach, sowas mag ich sehr. Ich bin - da bin ich Dir ein Antipode - ein begeisterter Anhänger des Darwinismus. Und ich weiss, dass sich Euer Papst dazu überwunden hat, hinter mich in meine Reihe zu stehen. Na ja, er ist kein glühender Verehrer von Darwin. Aber er meint, respektive der Vatikan meint, es wäre eine ernst zu nehmende Hypothese. Ich finde, der Darwinismus ist eine gute Theorie, die mich immer wieder schwindeln lässt. Der Schwindel ist vielleicht ähnlich, wie in jenem rubens-ähnlichen Bild. Ach, Marlena, wie gerne würde ich Dir mal meine Dinge zeigen, an denen ich hänge: Bilder, Bücher, Ideen, Zeichnungen, Projekte, kleine und grössere Träumchen. Weshalb können wir das nie in jener sinnlichen und RL Form, in der es so schön und einsichtig wäre?
Wir bewegen uns - notgedrungen - immer auf dem abstrakten VL-Niveau von Ronda.
Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag.
Mit lieben Grüssen
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