Re: Soweitsogut
Liebe MarlenaEntfernt kann ich mich erinnern, dass ich mich im letzten Brief ziemlich erhzitzt habe wegen deiner Bemerkung, dein Leben sei gelegentlich langweilig. Und dann träumst du, es von Grund auf zu ändern. Zu dieser Frage habe ich mich ein bisschen erwärmt. Und das ist natürlich nicht zufällig, dass mich diese Frage packt. Ich bin nämlich ziemlich ähnlich, wenn ich manchmal glaube, das inertessante Leben sei anderswo, nur nicht hier, wo ich mich hier und jetzt gerade befinde.
Aber mit den Jahren habe ich doch herausgefunden, dass das nicht stimmt. Das Leben ist hier und jetzt und sonst gar nicht. Damit müssen wir leben. Natürlich können wir mittels Fernsehen den Eindruck bekommen, wir seien auf der ganzen Welt mehr oder weniger präsent. Das ist aber eine sehr entrückte Welt. Und wenn wir auf den Knopf drücken, ist sie auch schon wieder auf und davon.
Also hier und jetzt, hic et nunc, wie die Lateiner schön sagen.
Ich kann dich verstehen, dass du zögerst, dein Pensum auf 80% zu reduzieren. Ich habe einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die inTeilzeitpensen arbeiten. Und ich kann dir sagen, es braucht sehr viel Disziplin, beim vertraglichen Pensum zu bleiben und nicht Überstunden zu machen. Manchmal hat man ja den Eindrück, man könnte ewig weiterarbeiten und es würde nie ein Ende haben. Ich glaube das ist in unserer Sparte besonders deutlich. Du kannst es natürlich auch so machen, anstatt 80% Lohn zu beziehen und 100% zu arbeiten, umgekehrt, 100% Lohn und nur 80% arbeiten. Wäre doch auch eine Variante, eine lukrative!
Dein Verhalten in der Konferenz war ein bisschen spitzbübisch, das willst du sagen, wenn du meinst, ich hätte das nicht von dir gedacht. Ich bin genau so. Wenn ich an einem langweiligen Vortrag sitze, dann fange ich an zu zeichnen, dann zeichne ich Köpfe mit tollen Nasen und riesigen Warzen, ich zeichne manchmal auch die Leute direkt ab, so dass sie nachher zu mir kommen, und eine Kopie davon wünschen. Wenn ich konzentriert zuhören will, dann muss ich mir Notizen machen. Ohne Notizen höre ich meist auch nur halb zu. Ich muss die Sache sehen. Meist mache ich meine Notizen als Mind-Map. Kennst du die Methode. Die ist sehr gut und sehr oekonomisch. Ich bein geradezu begeistert davon. Wenn du sie nicht kennst, dann musst du sie unbedingt kennenlernen und deinen Schülern beibringen. Ich denke, es gibt nichts besseres, das in den letzten Jahren erfunden worden ist. Es ist sehr gut für vernetztes Denken. Es ist sehr gut, um als Grundlage für eine Rede, einen Vortrag, eine Unterrichtsstunde zu dienen. Man hat seine Stichwort, aber man ist dennoch völlig flexibel und kann hin und herspringen, wie es gerade erforderlich ist oder wie einen die Schüler steuern. Es ist wirklich das Ei des Kolumbus.
Heute ist Montag, und das ist mein schwacher Tag. Mein Mail ist kurz. Aber vielleicht bist du ja immer noch mit dem Text über die Entwicklung des Romans beschäftigt. Den fand ich sehr interessant und als Übersicht nützlich. Ich habe ihn einem Freund geschickt und dabei gedacht, vielleicht würde er dich auch interessieren. Aber die Lektüre ist nicht obligatorisch, denn dein Hauptfach ist ja Französisch und nicht Deutsch.
Mit einem lieben Grusse lasse ich dich
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