Meine liebe Marlena
Nun ja, ich habe auch nicht gedacht, dass du den Text über den europäischen Roman unbedingt lesen musst. Oder doch zumindest nicht so kurzfristig. Aber es betrifft eigentlich auch den französischen Roman, und ich fand diesen Teil des Buches ziemlich interessant. Eine solch kurze Zusammenfassung der Entwicklung des Romans findet man wohl nicht allzu oft.
Interessant finde ich, was er „die zweite Halbzeit" des Romans nennt, also jene Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert, seitdem das Wort des Autors hinter das Schreiben zurückgetreten ist. Das bringt ja dann diese dicken Schwarten und ungeheurer langen und ausgefeilten Romane des 19. Jahrhunderts zum Vorschein, die später so stark psychologisieren und „introspizieren". Meine Frau mag sie. Sie liest gerne Henry James. Für mich sind diese Werke an sich bewundernswürdig, aber ich habe weder Zeit noch Geduld, sie wirklich zu lesen. Zu einer Verfilmung würde ich mich vielleicht noch überreden lassen. Diese Romane sind zu einer Zeit entstanden, als die Leute wirklich noch Zeit zum Lesen hatten. Und der bürgerliche Roman hat ja dann auch die bürgerliche Ehe und die Liebesheirat propagiert. Vorher war – und bei den Adeligen ganz besonders – die Liebe keine Bedingung für eine Heirat. Das waren eher Vernunftehen zur Sicherung des Familienbesitzes und ihrer Privilegien. Kennen wir doch noch aus den Königshäusern!!
Kundera hat dann eine sehr musikalische Konzeption des Romans entwickelt, den sogenannten polyphonen Roman, den er der Symphonie abgeschaut hat (von seiner Ausbildung her war er Musiker, nicht Schriftsteller; er lebt heute in Frankreich). Es gibt in seinen Romanen verschiedene „Sätze", dh etwa Geschichten, die zusammengestellt sind. Sie kreisen um dasselbe Them, haben langsame oder schnellere Tempi, zeigen eine unterschiedliche Erzählstruktur, erzeugen also gemeinsam eine Polyphonie, eine Vielstimmigkeit, die ein Thema in verschiedenen Farben und Konstellationen aufleuchten lässt. Für mich selbst war erfrischend, dass er die Geschichten ziemlich äusserlich erzählt, als aussenstehender mitdenkender Beobachter, und dass er nicht primär das Innenleben und die Psychologie der Figuren in den Vordergrund stellt. Das fand ich – für mich – sensationell, eine echte Erholung, weil wir Psychologen doch immer an Innerlichkeiten, Gefühlen, Gedanken, Motiven und Hemmungen hängen. Das Individuum von aussen zu betrachten, sozusagen wie ein rationales Tier, ist für mich eine erfrischende Sicht.
Sonntag, 12. Dezember 2010
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