Liebe Marlena
Du schreibst wundervolle Briefe, wenn du Zeit hast, Marlena. Ich habe dein Schreiben vom Samstag sehr genossen. So bekommst du in meiner Vorstellung Blut und Leben. So wirst du schön, meine Liebe.
Mit Begeisterung habe ich von deiner Jugend gehört in einem Haus, wo viele Leute ein und ausgingen. Das muss ja etwas ganz Besonderes gewesen sein. Ich kann mir die zwei Mädchen vorstellen, wie sie durch den Türspalt die Gesellschaft erforschen mit den extravaganten und originellen Figuren. Das muss ein wirklich weltläufiges Haus gewesen sein, wo du aufgewachsen bist.
Meine Frau ist auch in einem grossen Haus aufgewachsen. Ihr Vater hat immer gerne Gäste gehabt und hat sie sehr grosszügig bewirtet. Seine Hochzeit soll eine ganze Woche gedauert haben, erzählt man sich noch heute. Und da gab es ein besonderes Fest jedes Jahr, wozu er eigentlich verpflichtet war. Das kam so: Als die Eltern meines Schwiegervaters sich ein Kind erhofften, konnte seine Mutter nicht schwanger werden. Und so gab sie das Gelübde ab, dass sie, falls sie eine erfolgreiche Geburt erleben könnte, jährlich ein Essen für die armen Leute geben würde. Und schliesslich wurde der Vater meiner Frau geboren und ab diesem Zeitpunkt sollte jedes Jahr dieses gelobte Fest stattfinden. Man hatte spezielles Geschirr, womit die Armen und Verwandten, die davon wussten, womit sie die Mahlzeit zu sich heimnehmen konnten. Und als S's Vater als ältester Oberhaupt der Familie geworden war und gleichzeitig auch Vorsteher der Stadt wurde, da musste er selbst dieses jährliche Festessen organisieren. Ich habe es einmal erlebt während eines Sommers, da ich in Teheran war. Man hatte speziell einen Koch und eine Köchin angestellt, und den ganzen Tag waren sie damit beschäftigt, das Schaffleisch zuzubereiten, das Gemüse zu rüsten und eine Art Gulasch kochen zu lassen. Dazu gab es kiloweise Reis, wirklich eine riesige Menge, in in diesen modernen Kantinen. Und jeder konnte kommen und wurde bedient. Es war eine Grosszügigkeit, wie man sie in Europa nicht mehr finden kann. Aber es ist natürlich auch die Familienehre, um die es geht, und der Respekt der Leute, die von einer solchen Wohltätigkeit profitieren, ist der Familie sicher. Heute ist S's Vater tot, und ihre Mutter führt diese Tradition weiter. Und später wird es ihr ältester Bruder tun müssen.
Damit will ich sagen, dass es ausserordentlich ist, in einer solchen Familie zu leben, so wie du sie auch gehabt hast. Daraus solltest du das Gefühl gewinnen, eine ganz spezielle und und einmalige Jugend gehabt zu haben. Und daher kommt auch das Gefühl, ein einzigartiger Mensch zu sein.
Du darfst nicht sagen, dein Leben sei zeitweise nicht interessant. Das ist ein Vergehen gegen das Leben, meine Liebe. Also, ich weiss natürlich, wie du das meinst, und gelegentlich sage ich von mir dasselbe. Aber...
Ich glaube, das ist es, was das Leben voll macht. Vor allem müssen wir es selbst machen. Das Leben an sich ist noch gar nichts, ist bloss eine biologische Tatsache, monoton wie der Herzschlag, eingleisig wie der Gang der Ernährung, unspektakulär wie ein Hickauf, voller unangenehmer und langweiliger Pflichten, voller Sorgen und Unannehmlichkeiten. Man könnte gut und gerne darauf verzichten.
Also, meine liebe Marlena, der langen Rede kurzer Sinn: wenn man in einer solchen Familie aufgewachsen ist, wie du sie mir - allerdings nur sehr kurz und skizzenhaft, erzähl mir mehr davon, ich bitte dich - wie du sie schilderst, da KANN man kein zeitweise langweiliges Leben führen. Das ist ganz und gar unmöglich, oder anders gesagt VERBOTEN. Du bist ein aussergewöhnlicher Mensch. Das widerspricht doch der Langeweile um 180°. Es ist das pure Gegenteil. Es ist wie Wasser und Feuer, meine Liebe.
Ich muss aufpassen, ich werde zu pädagogisch, dh. lehrerhaft. Das ist immer schlecht, nicht wahr, meine sympathische Frau Studienrätin.
Ich behaupte also steif und fest, ob ein Leben interessant und aufregend und wundervoll und spannend und auch schmerzvoll vielleicht ist, das entscheidet sich in erster Linie im Kopf, und nicht sosehr im Leben selbst. Natürlich ist der Kopf auch ein Teil des Lebens, nicht ganz unabhängig davon. Er kann nicht völlig autonom entscheiden. Aber er kann entscheiden.
Ach meine liebe Marlena, was erzähle ich dir hier so lange und so kompliziert und so umständlich. Ich finde mein Leben gelegentlich totlangweilig, einfach öde und die Monotonie in Reinkultur, kurz und gut das ALLERLETZTE.
*
Aber von Dir ...
Freitag, 10. Dezember 2010
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen