Freitag, 15. Oktober 2010

Aus der Asche zurück ..

Ämne: Aus der Asche zurück ...........

Ich danke Dir, liebe Marlena, für Deine schönen Mails. Heute bin ich erstmals wieder aus dem Haus gegangen, inoffiziell, und rasch im Büro vorbei. Ja, die Mails stauen sich hier geradezu.
Also, diese Woche Krankheit, was soll ich dazu sagen? Anfangs war es wie im 9. Kreis der Hölle. Oder vielleicht im 8. Dort verkehren bekanntlich die korrupten Ratgeber. Ohrenschmerzen sind ziemlich schlimm. Sie sind ungefähr so wie Zahnschmerzen. Einfach Zahnschmerzen an den Ohren, so kannst Du dir das vorstellen. Man kann sich davon nicht distanzieren. Normalerweise, bei Schmerzen an irgend einem Körperteil oder Glied kann ich mich gut distanzieren. Und dann spüre ich nicht mehr allzuviel. Aber bei Schmerzen am Kopf, da lässt sich schwer distanzieren. Ich meine wenn ich mich von meinem Kopf distanziere, bleibt einfach nichts mehr. Dann distanziere ich mich kopflos durch fiebrige Räume und Träume. So habe ich viel geschlafen und das Bett aufgewühlt. Und morgens war es jeweils tropfnass alles. Die zweite Hälfte der Woche war dann viel besser. Die Schmerzen haben nachgelassen. Ich konnte lesen, neben Teetrinken und Schlafen. Das war herrlich. Ich habe ein Buch gelesen über Renaissance-Malerei von Michael Baxandall, einem Spezialisten am Warburg Institute der Universität von London. Ein exzellentes Buch. Ich werde Dir die Hauptgedanken bei Gelegenheit zusammenfassen. Es ist sehr informativ und luzide, und es bringt einem die Malerei von Masaccio, Frau Angeloco, Filippo Lippi, Castagno etc. wirklich näher. Und man sieht, was daran neu ist gegenüber dem Mittelalter. Ich glaube dieses Buch war meine beste Medizin. Ich hatte es früher schon einmal gelesen, aber viel flüchtiger als diesmal.
Und daneben habe ich andere Dinge gelesen. Zeitung, John Updike über Golf (ist ein wenig wässerig, würdest Du sagen, bloss lose Unterhaltung), einige Sozialstudien aus der Schweiz und so fort.
Ach, es ist wirklich köstlich, krank zu sein. Mein Arzt hat mir verboten, nächsten Montag schon zu arbeiten. Ich muss ihm vorher mein Ohr nochmals zeigen. Manchmal kommen noch Schmerzen. Das tut so wie wenn man mit einem Korkenzieher durch den Gehörgang drehen würde. Im Moment ist der Schmerz steckend scharf. Aber dann ist er wieder vorbei. Und es geht aufwärts. Ich meine, der Korken muss bald - plups - draussen sein. So werde ich frühestens am Dienstag im Büro erscheinen. Und das muss gut sein so.
Nein, ich habe mein Labtop nicht zuhause. Ich habe mich bloss in Gedanken immer wieder meinem INBOX genähert und hineingeguckt wie ein Kind vorzeitig in die Stube mit dem Weihnachtsbaum. Und in Gedanken habe ich mir vorgestellt, wie die Mails hier in hohen Stapeln vor sich hin und her wanken, die Baumhöhe bereits übersteigen, richtige Mailgebirge rundum wie Schneeberge in den Schweizer Alpen.
Ich weiss gar nicht mehr, was ich Dir geschrieben habe über meine Krankheit. War es wirklich lustig? Proustianisch, sozusagen? Das wäre ja schon was. So artifiziell und pommadig wie Proust. Er ist echt ein Knüller, dieser Proust. Es ist schön, dass Du Dich noch damit beschäftigst. Für mich ist er schon wieder weit weg.
Und schliesslich die Schweizerinnen als Ehefrauen. Das ist ein Thema. Vielleicht auch nicht gerade das richtige für einen Rekonvaleszenten. Was soll ich Dir dazu sagen? Ich habe sie nie aus der Nähe gekannt. Ausser meine beiden Schwestern. Ich glaube, die Schweizerinnen sind ziemlich sorgfältige und loyale Ehefrauen. Sie sind fleissig und schauen rundum zum Rechten. Sie versuchen, zuhause eine schöne Atmosphäre zu machen. Sie sind vernünftig, und in der Regel eher sparsam. Zu 50% arbeiten sie heute, meist in Teilzeitverhältnissen. Aber sie sind in dieser Tendenz langsamer als die übrigen Europäerinnen. Lange herrschte hier die Ideologie vor, Mütter hätten zuhause zu sein, solange die Kinder klein sind. Und klein hiess praktisch bis zur Pubertät. Das hat sich in den letzten 20 Jahren geändert.
Ich habe eigentlich nie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, eine Schweizerin zu heiraten. Und wenn, dann hätte sie aus der Romandie oder aus dem Tessin stammen sollen. Ich glaube, ich habe immer etwas leicht Fremdes, Zauberhaftes gesucht. In den jüngsten Jahren war ich ganz angetan von den Engländerinnen. Wenn ich sie nur schon sprechen hörte, war ich hin. Dieser Sprachrhythmus aus der Kehle einer jungen Schönheit, mit dieser etwas exaltierten Tonführung, das war für mich einfach erotisch. Ich war immer wieder hingerissen. Und noch heute, wenn ich Englisch aus England höre, bin ich irgendwie hingerissen und ich finde es immer noch erotisch, aus dem Mund einer Frau zumindest. Ist echt komisch, nicht wahr?
Früher hatte ich meine gewissen Gefühle für F. ...
Ich denke sie wäre als Ehefrau sehr lebendig, nicht allzu ordentlich. Sie hätte gerne viel Kontakt, Besuche emfpangen und auf Besuch gehen, Feste feiern, laut lachen, Sport etc.. Und das Wochenende mit ihrer Familie im Wallis, am liebsten in der Natur. Ach, das wäre für mich ziemlich anstrengend gewesen. Immer Betrief, meist unterwegs.
Ich glaube, die welschen sind einfach noch ein wenig lebenslustiger und offener als die Deutschweizer Frauen. Das ist bei den Männern dasselbe.
So, genaueres kann ich Dir über die Schweizerinnen nicht sagen. Ich könnte Dir einige zeigen, wenn Du mal vorbeikommst. Das wäre kein Problem. Aber ich glaube, sie sind nicht sosehr verschieden von den Schwedinnen. Na ja, die Schwedinnen kenne ich nun ganz und gar nicht. Ich nehme nicht an, dass Du, Marlena, einfach eine gewöhnliche Nummer bist. Ich glaube, Du bist schon etwas speziell. Aber ich denke im konservativen Sinn, in der Art, dass Du sehr konzentriert und loyal und zuverlässig bist. Nicht sosehr auf dem modernen Egoismus-Trip. Aber dann habe ich wieder den Eindruck, dass Du viele andere Seiten hast und plötzlich werden sie wieder sichtbar. Du bist echt ein sehr "geräumiges Frauenzimmer", Marlena.
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Heute Abend haben wir Besuch. Ich höre zwar auf einem Ohr noch nicht ganz. Es wird wohl ziemlich anstrengend werden. ...Ich werde mir den Wein verkneifen. Mal schauen, wie das geht. Es wird sicherlich sehr hart sein. Aber ich tue mein bestes.
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So meine liebe Marlena. Mindestens weißt Du, dass ich noch lebe. Ich habe gewusst, dass Du an mich denkst. Und unter der warmen Decke habe ich Dich oft gesehen. Ich glaube, Du hast auch zu meiner Heilung beigetragen. Das glaube ich wirklich. Diese Liebe und das Wohlwollen, welches Du ausstrahlst, das heilt wirklich. Ich danke Dir dafür, mein Schatz.

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