Liebe Marlena
Aber ich wünsche mir die Tage gleich golden, nicht bloss
goldumrandet. Richtig überflutet mit Gold.
*
Ich habe Dich geschlagen. Echt, Du bist auf den zweiten Platz
verwiesen! Darin hast Du die Nase nicht vorne! ;--))
Du wirst es auch kaum erraten, was ich hier meine. Es ist vielleicht
auch nicht so wichtig, wie ich es jetzt mache. Aber ich habe gestern
abend, kurzentschlossen und aus dem Bauch heraus, den Film
The Hours gesehen. Und ich bin in der Tat begeistert. Die
Verknüpfung dreier Frauenschicksale - alle sind sie Frauen von
diesem hellen, anglosächsischen Typ - ist wirklich gut gemacht,
sehr abwechslungsreich und höchst komplex. Am meisten liebte
ich Meryl Streep (so heisst sie doch?) als Mrs Dalloway 'im besten
Alter'. Sie ist herrlich, wenn sie mit ihren grünen Handschuhen in
Küche und Stube herumfuchtelt. Und ist bis zu den Ohren voller
Gefühle, Hoffnungen ebenso wie Enttäuschungen. Virginia Woolf
im 19. Jahrhundert, die mit ihrem Mann in Richmond England lebt,
ist wirklich so eckig und ein bisschen fremd wie eine schizoide Person.
Man hat Mitleid mit ihrem Mann, der sich einsam für sie aufopfert.
Aber die Situationen im Haus, auf dem alten Bahnhof, in den
Strassen oder bloss im Garten sind hinreissend schön. Das scheint
wirklich altes englisches Pflaster zu sein! Und die dritte Frau lebt
einen langweiligen American Way of Life, liest Woolfs Roman und
ist ein bisschen verloren in dieser künstlichen Vorstadtwelt der
kleinen Einfamilienhäuschen im Süden Amerikas. Später stellt sich
heraus, dass ihr kleiner Sohn, dem sie auch etwas hilflos und linkisch
begegnet, der grosse preisgekrönte und aidskranke Schriftsteller war.
Mit anderen Worten, die drei Frauen leben zu verschiedenen Zeiten.
Doch ihre Schicksale berühren sich immer wieder.
Ich bin noch ganz begeistert von den schönen Bildern und der
Komplexität, die zum Denken anregt. Ich werde auch S. empfehlen,
hinzugehen. Ich habe mir ja den Montagabend ausgesicht. Das Kino
war bloss zu einem Viertel besetzt, aber zumeist mit jungen, Popcorn
knackenden und kichernden jungen Mädchen. Offenbar ist der Film
jugendfrei. Und das ist er ja wirklich. Ich glaube, dass Du ihn rasch
auch sehen solltest. Wenn Du mir dann erzählst, was Du gesehen hast,
dann kann ich ihn ein zweites Mal durchgehen. Vielleicht kannst Du
auch herausfinden, woher der Titel stammt. Hours, was ist damit
gemeint? Einmal liegt Meryll Streep mit ihrer Tochter auf dem Bett
und siniert über ihre Vergangenheit. Sie redet über das Glück im
Leben und stellt fest, dass es ein Moment war. Es war ein Moment,
wo man meint, jetzt ist das Glück da und es werde immer mehr. Aber
das Glück war nur dieser eine Moment. Ich glaube, das ist sehr gut
beobachtet. Ist nicht der ganze Film eine Frage nach dem Lebensglück
und was wir uns gegenseitig dafür bedeuten können? Wir leben für
den anderen, damit der andere nicht stirbt. Na ja, Du musst es Dir
selbst anschauen.
---
Ich wünsche Dir einen goldüberlaufenen Tag
Mit einem lieben Gruss
...
(Date: Tue, 1 Apr 2003 08:49:14 +0200)
Samstag, 15. Mai 2010
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