Sonntag, 2. Mai 2010

Gedanken über Religion

Date: 16 Nov 2007 09:08
Subject: Re: FREIMO


Liebe Malou

Findest du diese grosse grüne Schrift nicht schön. Sie strahlt doch in
der Tat Hoffnung aus. Und richtig, sie kommt der Tatsache entgegen,
dass meine Brille nicht richtig angepasst ist. Auf die Distanz, die
ich zum PC-Bildschirm habe, kann ich nicht klare Buchstaben sehen.
Aber bei dieser grossen Schrift kann ich doch mindestens den
Wortlaut erraten. Das ist gut so.

Wir werden also Dispute für und wider die Religion haben? Ich weiss,
dass es schwierig ist. Religion ist wie eine liebe alte Heimat. Niemand
lässt sich gerne daraus vertreiben. Man hat viele warme und angenehme Erinnerungen aus der Kindheit und der Jugend. Bei wichtigen Lebensereignissen, Geburt, Erwachsenwerden, Weihnachten, Tod ist die Kirche mit dabei. Natürlich kann man Religion als Privatsache durchaus tolerieren. Aber viele wirklich gläubige Menschen können sie nicht nur als Privatsache belassen. Sie wollen andere überzeugen, dass sie selbst den richtigen Gott hätten. Ich habe das noch am Gymnasium erlebt. Ich glaube, in den ersten Jahren gab es schon noch Lehrer und Schüler, die bedauerten, dass wir Protestanten, im Speziellen ich als Schüler oder als Kollege, dereinst zur Hölle fahren müssten. Und weisst du, wie ich darauf reagierte? Ich hatte mit ihnen Mitleid, weil sie sich solche Sorgen um mich machten. Lustig nicht? Sorgen auf zwei Seiten um eigentlich gar nichts. Und gerade dies ist typisch für die Religion. Sie schafft überall Sorgen um nichts. Na ja "nichts" ist vielleicht ungenau formuliert. Sorgen ändern natürlich schon etwas an dieser Welt. Insofern sind sie nicht nichts.

Der Gedanke an die ewige Wiedergeburt ist doch schön. Kannst du dich nicht bereit erklären Malou, die Wiedergeburt in die katholische Kirche einzuführen. Es gibt doch in den Walliser Sagen dieses häufige Motiv, dass die armen Seelen, die irgendwo im Leben gesündigt hatten, dort wieder auftauchen müssen, um ihre Schuld abzutragen. Und das können sie nicht. Das heisst, sie kommen immer wieder und leiden unter den Unruhen ewiger Sünden. Es gibt unzählige solcher Sagen. Und ich glaube, Nietzsche hat seine Idee vielleicht sogar aus dem Katholischen. Sie kennen die armen Seelen, die immer wieder an den Ort des Unrechts zurückkehren müssen. Manchmal gibt es einen Schlüssel, wie sie davon loskommen, ähnlich wie in den Märchen. Ein Mensch muss vielleicht das Kreuzzeichen machen, muss ein Ave beten oder so etwas. Es ist ein magischer Mechanismus, der den Weg zur Erlösung frei macht.

Ja, das Grab von Astrid gefällt mir. Dieser einfache Stein! Ist fast
so einfach wie bei Rilke. Und die hübsche Handschrift auf dem rohen
Stein. Das wirkt zusammen sehr schön und menschlich. ...

Gestern habe ich meine Bilder durchgeschaut. Es sind mit den Jahren
soviele geworden. Ich werde dir heute eins auswählen und schicken.

Ich wünsche dir ein gutes Wochenende
Liebe Gs und Ks

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