Dienstag, 18. Mai 2010

Sonntagsapéro ganz locker

Subject: Sonntagsapéro ganz locker

Liebe Marlena

Scharfsinnig wie Du bist, hast Du bemerkt, dass ich gelegentlich asketische Vorstellungen pflege, etwa die der Wüste, wo es Melonen braucht, oder die der Strasse zwischen den beiden Paradiesen, dem vergangenen und dem zukünftigen. Nun ja, die Askese, in der kynischen Lebenskunst die Selbstgenügsamkeit, da habe ich schon viel Sympathien für. Stell dir mich vor als Diogenes im Fass, der nach den Leuten spuckt und sogar mit den Huren kopuliert. Und dies in der Oeffentlichkeit und bei Sonnenschein, den Diogenes mehr schätzt als Alexanders Wunscherfüllung. Oder dann die Stoa mit ihrem Gebot der Selbstaneignung und Selbstkontrolle, wo es zum Ziel wird, gegenüber Entbehrungen gelassen zu sein. Freisein vor Unruhe als Ataraxia und Gelassenheit. Das sind Qualitäten, die wir im modernen Leben gut gebrauchen können. Was soll ich dazu sagen. Seneca, als Stoiker, habe ich immer geschätzt. Und er ist soweit gegangen, dass er sich, immer stoisch und die Ruhe in Person, sich selbst im Bad umgebracht hat. Man muss sich dabei allerdings ein römisches Bad vorstellen, grosszügig gebaut, und keinesfalls so ein Minibad, wie wir es heute in den Wohnungen haben, wo die Badewanne direkt neben dem Lavabo und dem Föhn, dem After Shave und der Zahnseide. Nein, das wäre nichts für einen stilvollen Selbstmord. Ich würde den auch nur in einem echt römischen Bad zelebrieren.

Doch daneben mag ich das Dionysische, die Lebenslust und die Sinnlichkeit. Ich liebe die Stilepoche des Barock sehr. Vielleicht bin ich sogar ein barocker Mensch. Jedenfalls gibt es Leute, die sagen, was ich schreibe, wirke barock. Und das ist natürlich auch sehr katholisch. Daran ist kaum etwas Protestantisches. Vielleicht habe ich Dir das noch nicht erzählt, Marlena. Wenn ich Zeit habe, ...

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