Mittwoch, 6. Juni 2012

royal lawn

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 Ämne: royal lawn
Datum: den 6 juni 2002 13:50

Liebe Marlena
Klar, vergeben, das habe ich mir auch gedacht, dass Du im Moment doch andere
wichtige Dinge zu tun hast. Ich sehe Dich um 4 im Schneidersitz auf dem
Küchentisch. Das sind Höhepunkte im Leben. Sowas vergisst man nie mehr. Und
es rührt mich immer wieder zu sehen und zu hören, wie sehr sich Mütter für
ihre Kinder aufopfern. Das ist der Ursprung der Liebe auf dieser Welt.
Männer sind zu sowas viel weniger fähig oder begabt. Ich will nicht
behaupten, Männer täten nichts in dieser Beziehung. Aber die Aufopferung
fällt ihnen doch bedeutend schwerer.
Es ist schön zu hören, wie der grosse Moment näher kommt. Und es wird
natürlich ein Moment der Freude aber auch der Wehmut sein. Das ist es dann,
was Kinder dabei wundert, dass Eltern bei aller grossen Freude Tränen in den
Augen verbergen. Ich habe das früher nie kapiert, und heute könnte ich in
solchen Momenten gleich losheulen. Na ja, so ähnlich.
Einen Apfelbaum zu pflanzen finde ich wunderschön. Dazu ist nicht viel zu
sagen. Dazu kann man bloss zustimmend nicken.
Ich habe in den letzten Tagen ja auch um dieses Gymnasium und die Matura
(resp. Abitur) nachgedacht. Es ist schon ein grosser Tag, diese Schule
bestanden zu haben. Natürlich ist das Gymnasium eine Konfitüre von
verschiedenen Erfahrungen, Freuden und Leiden, die sich überall dick
aufstreichen lassen. Nicht zuletzt ist diese Intensität auch abhängig vom
Alter, von diesen vielzitierten Pubertätsjahren, während deren man alles so
intensiv und grossformatig erlebt.
*
Die Geschichte mit Cabballé Montserrat sind - ich bitte Dich - the truth and
nothing but the truth, also keine blühende Fantasie oder so. Sie war lustig,
diese Dame, und von meinem hohen Sitz ist sie erschienen wie eine Puppe,
overdressed und overloud. Es schien mir, sie ist eine Person mit viel
Energie und Temperament. Manchmal hat sie losgeprustet vor Lachen. Und
natürlich hatte das Publikum sein Vergnügen.
*
Und dann Deine Bilder. Ja, ich bin gehetzt, und jetzt, als ich Dein Mail
geöffnet habe, ist mir wieder in den Sinn gekommen, dass Du Bilder
hineingelegt hast. Noch dazu das Code-Wort hast Du geliefert. Ich weiss ich
weiss, manchmal brauche ich schwer Nachhilfestunden. Aber ich schwöre, ich
werde sie mir ansehen, sobald ich Zeit habe. NEUN volle Bilder. Für so viele
hatte ich noch nie die Ehre!!
Und doch habe ich sie jetzt rasch angeschaut. Ach, die Visper Bilder, wie
kommst Du denn zu ihnen? Wenn ich Dir schildern könnte, wie Visp damals
ausgesehen hat, als ich als Bube durch diese Gassen strich! Damals war alles
ein wenig zerfallen und alt und heruntergekommen. Speziell die Orte, die die
drei Bilder zeigen, sie stehen im alten Teil und dort waren die Mauern
niemals so weiss, wie sie jetzt zu sein scheinen. Das schöne Haus mit den
Balkonen links und dem kleinen Türmchen, das Burgener-Haus, was schon
damals hübsch, aber noch nicht renoviert und herausgeputzt. Ich habe es in
jenen Tagen mal abgezeichnet. In seiner Altertümlichkeit war es damals schön.
Und es steht am Platz vor der Kirche, also dort, wo die katholischen Bürger es
jeden Sonntag sehen konnten.
Deine Naturbilder sind ebenso hübsch. Besonders gut gefällt mir der Flieder.
Natürlich macht das senfgelbe Feld im Hintergrund den Pfiff aus. Es gibt dem
Foto das gewisse Etwas, findest Du auch?
Ich bin immer wieder erstaunt über Euren gepflegten, frisch geschnittenen
Rasen. Wenn S sowas sehen würde, käme ich schwer unter Druck und müsste
neue Ausreden finden, weshalb ich nicht wenigstens wöchentlich mähe. Aber
ich behaupte immer standfest und hart, dass wir hier noch nicht britische
Verhältnisse hätten. Bekanntlich gehen sie drüben auf den Inseln mit dem
Mäher so oft über den Rasen nicht um zu schneiden, sondern vielmehr um ihm
zu drohen! Klar, dass sich das arme Grün dann duckt.
Im Garten meines Elternhauses habe ich oft gemäht. Allerdings genügte im
warmen Walliser-Klima ein Schnitt alle 2 Monate ungefähr. Und wir hatten
damals einen Mäher, der mit blosser Handkraft schnitt. Ich bin - Du
verstehst meine Worte - ein alter Profi in Sachen Rasen und Mähen und
solchen Dingen! Aber ich habe das alles etwas auf Eis gelegt. Wenn ich mal
in Pension bin, lasse ich wieder mit mir reden über Rasen und Rosen und
solche Dinge.
*
So hoffe ich, dass Ihr im hohen Norden wirklich eine schöne Feier habt und
dass Anna ihren Tag voll geniesst. Ein Champagner-Frühstück bei Sommerwärme
hat es in sich. Wer sowas überlebt, ist auf alles gefeiht.

Ich wünsche Euch eine gute Zeit.
Mit lieben Grüssen

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