Ämne: Virtual realities
Datum: den 14 maj 2002 20:14
Lieber ...,
Wir hatten wieder einen strahlend schönen hochsommerwarmen Tag. Keine drückende Wärme sondern diese angenehme, die das Atmen leichter macht. Nur wenn ich mich nach der Arbeit ins Auto setze leide ich. Meistens ist es dann so rund 50 Grad in meinem Golf und ich habe leider keine gute Klimaanlage. Ich denke es langweilt dich schon, aber ich muss immer wieder davon sprechen. Es ist so unglaublich schön hier im Moment und wenn ich die 2 Kilometer nach Hause fahre habe ich links und rechts Gärten wo nun alles Bäume und Sträucher blühen in verschiedenen Farben. Gelb, lila, rosa weiss, dunkelrot und alle grünen Nuancen. Auch hier geht mein Blick immer wieder auf die Felder hinaus. Drüben am Waldrand leuchtet es jetzt ganz gelb. Dort haben sie Raps gepflanzt. Das wünschen wir uns jedes Jahr, weil es so schön ist.
Und dann habe ich wie immer hier nach dir geschaut. Mann kann ja nicht wissen. Vielleicht lässt dich irgendein Verwandter oder sonst ein prominenter Iranier an seinen PC ran. Aber dann bist du wahrscheinlich von vielen Leuten umgeben die sich wundern würden über diese Marlena die deine ganze Inbox erfüllt. So legt sich meine Enttäuschung über die Null ziemlich schnell und ich schau ein wenig auf die webcam nach L runter. Ein geringer Ersatz für deine Abwesenheit.
Immer noch hängen dort die roten Fahnen. Zum Glück ist es meistens ziemlich windig und sie stehen horizontal in der Luft. So studiere ich ein wenig das Strassenbild. Heute um 17.30 Uhr war es ziemlich belebt. Leute in verschiedenen Altern spazierten gemächlich durch das Gässlein. Ein paar junge Mädchen standen still und guckten herauf. Vielleicht waren sie sich bewusst dass man sie so von nah und fern bewundern kann. Es ist wie eine Theaterbühne nur dass sich eben hier mitten in einem Akt plötzlich der Vorhang senkt und da stehst du mit deiner Lust.. pardon, ich meine Neugier und pfluchst ein wenig über die dummen Leute die nicht verstehen dass sie ihr schönes Städchen mit diesen grossen roten Laken verdecken.
*
Jetzt haben Anna und ich gegessen. Es war so warm heute dass wir mehr Durst als Hunger hatten und darum wurde es nur eine kleine „glückbringende Suppe“ mit Brot dazu. Es ist ein schöner Gedanke dass man in einer solchen frugalen Suppe, wenn schon die Nahrung fehlt, jedenfalls eine Menge verschiedene glückbringende Kräuter finden kann. Das Leben ist nicht was es ist – es ist was man hineinsieht.
In dem neuen Lehrbuch das ich gerade verteilt habe steht das Wort "Cyberspace" erklärt mit: "virtuelle Realität, d.h. von Computern simulierte Wirklichkeit". Und so frage ich mich ob wir beide auch eine simulierte Wirklichkeit sind. ;-) Und wo geht die Grenze zwischen Wirklichkeit und simulierter Wirklichkeit? Bist du erst wirklich wenn ich dich mit den Augen betrachten und mit den Händen berühren kann? Und die Realität, die du mir so gut vermittelst mit Worten? Warum sollte das eine "simulierte Wirklichkeit" sein? Ich glaube man müsste neue Wörter erfinden für dieses "neue Leben", das Mausleben.
Aber während ich hier im Cyberspace herumirre stehst du mitten in einer neuen spannenden Realität. Ach wie gerne wäre ich dabei. Ich hoffe dass du einen schönen Tag gehabt hast. Morgen soll es 27 Grad werden bei dir....
Ich wünsche dir eine weiterhin gute Zeit.
Mit lieben Grüssen
Marlena

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