Liebe Marlena
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Es gibt ja auch diese Psychologie des Porträtierens. Ich habe Dir sicher
schon davon erzählt. Ich bin ihr mehr oder weniger im Zusammenhang mit
unserem Varlin und den Porträts, die er von Prominenten der 60er und 70er
Jahre gemacht hatte, auf die Schliche gekommen. Ich will es hier nicht noch
einmal wiederholen. Doch auf den zentralen einen Punkt gebracht: man darf
mit den Porträtierten nicht zu lieb sein! Man darf ihnen nicht einen Dienst
tun wollen, und nicht sie schön, vorteilhaft, sypmathisch oder wie immer
darstellen wollen. Man müsste als Maler ziemlich hart, fast brutal und
absolut nicht käuflich sein. Das ist die Kunst. Das geht natürlich am
leichtesten, wenn man einfache, unbekannte Leute portätiert, wie es ja Freud
in der Regel getan hat. Und damit fange ich ja mit -- an ;) (bitte nicht
weitererzählen!) Und wenn man dazu noch ältere Leute wählt, denen das
Leben ins Gesicht und in den Körper geschrieben ist, dann ist es umso
leichter.
Ach, das muss ich Dir rasch erzählen. Ich habe hier in L zwei alte Tanten.
Sie sind beide Single, obwohl sie sich natürlich nicht so nennen würden.
Sie sind Geschwister und haben ihr Leben lang gemeinsam in einer
dunkeln Wohnung in der Nähe der Kirche gelebt. Ich erinnere mich sehr gut,
wie ich mit meiner Grossmuter sie besucht habe. Das attraktivste in ihrer
dunkeln Wohnung war ein Harmonium. Du weißt was das ist, eine Art Hausorgel.
Darauf hatte ich als Kind ein wenig gespielt, während meine Grossmutter mit
den beiden Frauen geplaudert hat. Sonst war in dieser Wohnung absolut nichts
Interessantes zu finden. Nun, diese beiden Schwestern leben immer noch und
manchmal sehe ich die eine oder die andere in der Strasse. Sie schauen mich
nicht an, obwohl sie mich kennen. Ich habe den Eindruck, dass sie sehr scheu
sind. Auf jeden Fall habe ich mir immer gedacht, die beiden wären ideal für
ein Doppelporträt. Sie gleichen sich ein bisschen. Und sie würden im Bild
aussehen wie Virginia Woolfe I und II. Ich fürchte mich davor, sie zu
fragen, ob ich einige Porträtfotos von ihnen machen soll. Ich hätte Angst,
sie würden vor Scheu und vor Aufregung in Ohnmacht fallen.
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(den 10 oktober 2002)
Samstag, 16. Juni 2012
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