Ämne: Re: gole-golab 2
Datum: den 26 maj 2002 14:01
Liebe Marlena
Und jetzt bin ich einigermassen soweit für die morgige Sitzung. Ich habe natürlich nicht alles gelesen und hoffe, meine Leute können mich dann über die Details informieren. Wenn nicht, müssen wir die entsprechenden Fragen vertagen.
Ich glaube, das geht so. Es ist erstaunlich, wie rasch einem das Büro wieder über den Kopf hereinbricht: wie ein Sommergewitter.
Am Samstag gab es überigens in Teheran erhebliche Winde, die sturmähnliche Stärke annahmen. Wir waren gerade im 14. Stock beim Essen, als es losgeblasen hat. Die Storen peitschten an die Fenster und durch alle Ritzen drang der Wind ein. Wir sassen in dem Moment an der Patisserie, die wir selbst mitgebracht hatten. S's Mama hatte am Vorabend eine grosse Party gegeben, und dabei war einiges übrig geblieben. Und weil diese Kebabis meist bloss feines Essen, aber kein Dessert führen, haben wir einfach leere Teller bestellt und dazu einen Tee getrunken.
Im Iran ist fast alles möglich. Die Leute sind sehr flexibel und zu allem bereit, wenn man zum Schluss ein kleines Trinkgeld springen lässt. Und er Rest tut S, die dabei richtig aufgeblüht ist. Meine Kollegen waren begeistert von ihrer Organisation und der Art, wie sie diese Reise dirigiert hat. Dabei muss man wissen, dass Organisation im mittleren Osten eine echte Sisyphus-Arbeit darstellt, die starke Nerven voraussetzt. Die Perser neigen wie die Italiener zum Chaotismo, wie uns ein ehemaliger Radiomitarbeiter und Kultursoziologe vor einiger Zeit im Club erzählt hat. Er hat zwar von Italien gesprochen, aber das Konzept lässt sich ziemlich tel-quel auf den Iran übertragen. Er meinte, dass das ubiquitäre Chaos gewisse Vorteile habe gegenüber der starren Ordnung, wie wir sie hier in Mitteleuropa pflegen. Chaos ist die Bedingung der Möglichkeit von Heroismus und von echter und rettender Hilfsbereitschaft, also von Menschlichkeit. Nur wenn alles rundum in die Hose geht, brauchst du einen Heroen, der dir heraushilft, der die Situation rettet, oder der mit seiner Intervention das nächste, aber doch wieder neuartige Chaos auslöst, und damit das vorangehende in die Schranken weist. Unsere modernen Sozialstaaten mit ihrem optimalen Versicherungsschutz nehmen uns die Möglichkeiten, wirklich menschlich zu handeln und - wo nötig - übermenschliche heroische Akrobatik zu treiben. Alles ist in Mitteleuropa berechenbar und geht seinen geregelten, voraussehbaren Weg. Wem ein Unglück geschieht, der ist selber schuld. Aber die Dramatik des Lebens ist dahin. Dieses läuft geradeaus wie ein schwarzgrauer Bleistiftstrich und ist ebenso langweilig.
Was soll ich Dir erzählen von unserer Reise: etwa vom nasskalten, regnerischen Wetter in den Provinzen Gilan und Mazandaran, wo die Frauen tagelang gebückt in den Reisfeldern arbeiten, vom Terassendorf Masuleh, diesem von der Unesco geschützten Dorf in den Bergen; oder von Teheran mit seinem nie endenden Verkehr und der Tatsache, dass im Moharram, dem Trauermonat, alles mehr oder weniger geschlossen bleibt; vielleicht doch lieber von Shiraz, dem hübschen Ort im tiefen Süden voller persischer Poesie und sufischer Mystik; oder aber von der jungen, hübschen Reiseleiterin in Isfahan, die uns mit ihren grossen schwarzen Augen verzaubert hat? Heshti-Behescht, der Palast der 8 Paradiese, ein wahres Freudenhaus!
Wir haben insgesamt einige Reisegruppen gesehen und ich glaube, der Tourismus in Persien läuft langsam an. Sie behaupten zwar, dass er zu 90% seit dem 11. September eingebrochen sei, aber man weiss ja, dass sie gerne etwas dramatsieren. In Shiraz hatten wir mal ein Mittagessen, während am Nachbarstisch eine Gruppe aus der französischen Schweiz ihr Essen genoss. Ich musste unsere Leute richtiggehend auffordern, mit unseren französischsprechenden Conpatriotes einige Worte zu wechseln, sonst wären wir wieder hinausgegangen, ohne sie wirklich zur Kenntnis zu nehmen. So komisch können Schweizer sein!!
Überigens bin ich nicht im Zentrum gestanden. Ich habe mich im Gegenteil sehr zurückgehalten, um S diese Rolle zu belassen. Sie hat sie denn auch mit viel Charme und wo nötig Entschiedenheit erfüllt.
Ich glaube, jetzt muss ich mal heim uns sehen, was mein Töchterchen tut.
Mit lieben Grüssen
...
Ämne: Willkommen zurück!!!!
Datum: den 26 maj 2002 14:34
Lieber ...,
Herzlich willkommen zurück!!! Ach, wie sehr ich mich freue dich wieder zu sehen. Ich glaube ich muss mich etwas beherrschen damit sich die Familie nicht zu sehr wundert warum ich plötzlich so froh bin.
Habe noch nicht fertiggelesen aber sende dir schnell diese Zeilen falls du noch im Büro sein solltest.
Mit einem lieben Gruss und einer ebenso lieben U
Marlena
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