Mittwoch, 13. Juni 2012

Romanfiguren

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Liebe Marlena

Stockdunkel ist es draussen, und doch erst ungefähr 18.00h am Sonntag Abend. Das erinnert mich an das Mail, das Du mir kürzlich geschrieben hast. Aber das macht es doch auch sehr gemütlich zuhause. Ich bin zwar noch im Büro. A ist gekommen, um einige Dinge zu kopieren und aus dem Netz herunter zu laden. Wir haben ein bisschen geplaudert. Ich glaube, sie hat es ziemlich streng im Moment. Ungefähr so wie Anna, scheint mir. Aber das ist gut so. Man ist in diesem Alter so sehr lernfähig, dass man die Zeit nicht verstreichen lassen sollte.

Hingegen sollten wir es doch ein bisschen gemütlicher nehmen können. Immerhin ist unser Wissen angereichert mit viel Lebenserfahrung. Und das macht es zu purem Gold. Die Welt sollte doch endlich erkennen, dass wir reinstes Gold anzubieten haben.

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Ich glaube ich habe Dir erzählt von der CD, die mir meine Mutter zum Geburtstag geschenkt hat. Ich höre sie oft, wenn ich hier am PC sitze. Sie ist so romantisch und hübsch, dass man sich geradezu an Mrs Dalloway erinnert. Es ist eine anrührende Hymne an die Freundschaft. Die Autorin, Helene Hanff an der 14 East 95th Street N.Y., ist eine junge Jüdin, die beim Buchantiquariat Marks &Co in London, Charing Cross Road 84 seltene Gedichte, Erstausgaben und so nebenbei das Rezept für Yorkshire Pudding bestellt. Der Ton ist sehr anregend. Die New Yorkerin gebärdet sich ein bisschen ‚rempelig’, dh. jugendlich burschikos, aber mit viel Ironie. Und die Engländer, auf der anderen Seite des Ozeans, sind überaus korrekt und höflich und formulieren ihre Antworten mit dieser stoischen Korrektheit, die mich immer wieder berührt. Es wird deutlich, dass sie noch unter dem Krieg zu leiden haben. Offenbar ist im England der 50er Jahre Fleisch Mangelware. Einmal schickt die Amerikanerin sogar einen Schinken und Eier, und die Briten sind darüber begeistert. Mittlerweile nimmt der gesamte Buchladen an dieser Korrespondenz teil. Das Buch heisst „84, Charing Cross Road“ (1970 herausgekommen) und ist offenbar mit Anthony Hopkins und Anne Bancroft verfilmt worden. Du kennst Hopkins? Er hat genau diese Melancholie im Gesicht, die es für einen älteren Antiquar braucht. Ich nehme doch sehr wohl an, dass er diese Rolle innehat.

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Wenn ich von dieser CD erzähle, erinnere ich mich, dass ich mich einmal in eine Romanfigur ziemlich handfest verliebt habe. Ist Dir das auch schon passiert? Und ich war nicht zu jung dabei. Die Figur war ein Mädchen, vielleicht 14 oder 16 Jahre, eine Londonerin, die mit Blazer und tadellosen Manieren noch zur Schule ging. Ich schrieb eine Rezension über das Buch und ich bemerkte, wie sehr ich diese Figur mochte. Na ja, es war nicht wirklich Liebe, sondern viel mehr eine väterliche Fürsorge vielleicht. Aber eins ist sicher, ich war sehr schwach geworden. Ich hätte sie umarmen können. Ich muss mal sehen, ob ich das Buch wieder finde unter den vielen Jugendbüchern, die bei mir herumliegen. Ich weiss auch nicht mehr, wie sie hiess. Aber irgendwie hatte ich ziemlich klare Vorstellungen, wie sie ausgesehen haben musste. Und sie spielte eine tapfere und sehr aufrechte Rolle in diesem Roman. Das hat mir überaus gut gefallen. Ach, vielleicht treffe ich sie wieder einmal und per Zufall in meinem riesigen Chaos von Büchern.

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Gestern Abend hat man am deutschen Fernsehen...

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