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Liebe Marlena
Stockdunkel
ist es draussen, und doch erst ungefähr 18.00h am Sonntag Abend. Das
erinnert mich an das Mail, das Du mir kürzlich geschrieben hast. Aber
das macht es doch auch sehr gemütlich zuhause. Ich bin zwar noch im
Büro. A ist gekommen, um einige Dinge zu kopieren und aus dem Netz
herunter zu laden. Wir haben ein bisschen geplaudert. Ich glaube, sie
hat es ziemlich streng im Moment. Ungefähr so wie Anna, scheint mir.
Aber das ist gut so. Man ist in diesem Alter so sehr lernfähig, dass man
die Zeit nicht verstreichen lassen sollte.
Hingegen
sollten wir es doch ein bisschen gemütlicher nehmen können. Immerhin
ist unser Wissen angereichert mit viel Lebenserfahrung. Und das macht
es zu purem Gold. Die Welt sollte doch endlich erkennen, dass wir
reinstes Gold anzubieten haben.
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Ich
glaube ich habe Dir erzählt von der CD, die mir meine Mutter zum
Geburtstag geschenkt hat. Ich höre sie oft, wenn ich hier am PC sitze.
Sie ist so romantisch und hübsch, dass man sich geradezu an Mrs Dalloway
erinnert. Es ist eine anrührende Hymne an die Freundschaft. Die
Autorin, Helene Hanff an der 14 East 95th Street N.Y., ist eine junge
Jüdin, die beim Buchantiquariat Marks &Co in London, Charing
Cross Road 84 seltene Gedichte, Erstausgaben und so nebenbei das Rezept
für Yorkshire Pudding bestellt. Der Ton ist sehr anregend. Die New
Yorkerin gebärdet sich ein bisschen ‚rempelig’, dh. jugendlich
burschikos, aber mit viel Ironie. Und die Engländer, auf der anderen
Seite des Ozeans, sind überaus korrekt und höflich und formulieren ihre
Antworten mit dieser stoischen Korrektheit, die mich immer wieder
berührt. Es wird deutlich, dass sie noch unter dem Krieg zu leiden
haben. Offenbar ist im England der 50er Jahre Fleisch Mangelware.
Einmal schickt die Amerikanerin sogar einen Schinken und Eier, und die
Briten sind darüber begeistert. Mittlerweile nimmt der gesamte
Buchladen an dieser Korrespondenz teil. Das Buch heisst „84, Charing
Cross Road“ (1970 herausgekommen) und ist offenbar mit Anthony Hopkins
und Anne Bancroft verfilmt worden. Du kennst Hopkins? Er hat genau
diese Melancholie im Gesicht, die es für einen älteren Antiquar
braucht. Ich nehme doch sehr wohl an, dass er diese Rolle innehat.
*
Wenn
ich von dieser CD erzähle, erinnere ich mich, dass ich mich einmal in
eine Romanfigur ziemlich handfest verliebt habe. Ist Dir das auch schon
passiert? Und ich war nicht zu jung dabei. Die Figur war ein Mädchen,
vielleicht 14 oder 16 Jahre, eine Londonerin, die mit Blazer und
tadellosen Manieren noch zur Schule ging. Ich schrieb eine Rezension
über das Buch und ich bemerkte, wie sehr ich diese Figur mochte. Na ja,
es war nicht wirklich Liebe, sondern viel mehr eine väterliche Fürsorge
vielleicht. Aber eins ist sicher, ich war sehr schwach geworden. Ich
hätte sie umarmen können. Ich muss mal sehen, ob ich das Buch wieder
finde unter den vielen Jugendbüchern, die bei mir herumliegen. Ich weiss
auch nicht mehr, wie sie hiess. Aber irgendwie hatte ich ziemlich
klare Vorstellungen, wie sie ausgesehen haben musste. Und sie spielte
eine tapfere und sehr aufrechte Rolle in diesem Roman. Das hat mir
überaus gut gefallen. Ach, vielleicht treffe ich sie wieder einmal und
per Zufall in meinem riesigen Chaos von Büchern.
*
Gestern Abend hat man am deutschen Fernsehen...
Mittwoch, 13. Juni 2012
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