Dienstag, 20. April 2010

Happy end

den 7 april 2000 01:15
Fortsetzung : happy end


Liebe Marlena

Weißt du, wie wunderbar es ist, von dir einen schönen langen Mail zu bekommen? Du bist ein Schatz, wie könnte ich es anders sagen. Du scheinst eine sehr grosse Naturliebhaberin zu sein. Und es ist schön, wie du das erzählen kannst. Ich weiss jetzt allerdings noch nicht so genau, wie ich meinen Baum hätte schneiden sollen. Aber das macht nichts, er ist geschnitten. Ich habe es ein bisschen nach dem gesunden Menschenverstand gemacht. Doch der reicht ja bekanntlich nicht immer aus.
Weißt du, meine liebe Mausfreundin, die Fragen, die ich dir zu meiner Person gestellt hatte, waren irgendwie meine letzte Karte, die ich - leicht übernächtigt - spielen konnte. Ich wollte dich endlich dazu bringen, dass du mir mehr schreibst als die lieben Grüsse. Die Grüsse sind lieb von dir, vor allem wenn ich denke, dass du sie manchmal sogar morgens vor der Arbeit schreibst. Ich könnte dich umarmen dafür. Ich mag deine lieben Grüsse wirklich sehr, aber es genügt mir oft nicht. Und jetzt hast du mir wirklich die vérité und nichts als die vérité erzählt. Ich kann dir verraten, Marlena, die vérités, die wir uns in unserer Jugend an den Kopf geschmissen haben, waren um einiges härter. Deine Wahrnehmung ist ziemlich zutreffend, würde ich sagen, ist natürlich leicht zu sagen, bei den vielen positiven Aspekten, die du erwähnst. Nur einen Punkt muss ich doch etwas verschieben und ins rechte Licht rücken. Wenn ich hier in Basel vor meinen Bekannten behaupten würde, ich wäre ein Latino, dann würden sie lachen und wiehern wie die Pferde. Ein Latino bin ich nun bei weitem nicht. Stell dir meinen Beruf, mein Alter und die Mentalität der Schweizer vor. Nein, Latino, ach Simine wäre vielleicht stolz darauf und begeistert. Ich kann mich zwar sehr gut erinnern, dass ich eine solche Bemerkung gemacht habe. Aber wenn man den Kontext berücksichtigt, meint das dort vielleicht eher einen Gefühlsüberschwang auf einem kühlen Hintergrund. Das klingt jetzt etwas kompliziert, ist es aber eigentlich nicht. Ich glaube, einen grossen Teil des Eindruckes macht das Medium, dh. die Tatsache, dass man sich nicht in die Augen sieht.
Das Bild mit dem Turm, den ich baue, und wo du nur vorsichtig einige Steine beisteuerst, hätte ich ähnlich verstanden, wie du es mir jetzt erklärt hast. Dazu gäbe es natürlich vieles zu sagen. Aber ich habe mir vorgenommen, mich etwas kürzer zu fassen. Weißt du, Marlena, ich bin nun ja vom Beruf her und vom Alter her und von der Lebenserfahrung her auch nicht mehr ganz ein gutgläubiger draufgängerischer Jüngling. Ich habe irgendwo angedeutet, dass ich schon weiss, dass für mich deine Schönheit mit der Distanz zwischen uns zusammenhängt. Es ist Flirt dabei und Nettigkeit. Ich weiss das schon, dass es zum Teil Wahrheit ist und zur anderen Teil Imagination. Doch die ganze Literatur, die wir beide mögen, ist so. Ich bin auch ein Typ, der sich für gewisse Sachen oder Personen sehr begeistern kann. Ich könnte mich leicht, ja, habe ich gesagt, in Saint-Ex vertiefen, einfach weil wir darüber gesprochen haben und weil ich ihn schlecht kenne und weil ich denke, ich könnte über dich etwas darin lernen. Ich kann mich aber auch fürs Modellieren begeistern, für den spanischen Stierkampf oder für ein neues psychologisches Buch. Wenn es denn sein müsste, könnte ich mich sogar für Mathematik oder Physik begeistern. Ich bin wirklich ziemlich vielseitig. Mit dieser sehr intuitiven und gefühlsmässigen Begeisterungsfähigkeit habe ich viel gelernt in meinem Leben, und ich glaube, darin bin ich noch ein bisschen wie die jungen Menschen. Vielleicht muss ich sagen, ich habe sogar noch mehr davon als manche Junge, denn die sind heute gelegentlich schwer zu begeistern.
Ich habe bemerkt, dass du umso zurückhaltender wirst, je mehr ich schreibe. Eigentlich wollte ich dich mit meinen langen Mails auch dafür begeistern, dass du zu erzählen beginnst. Ich glaube, wenn man von schönen Erfahrungen erzählt, ist es so, als ob man sie nochmals erleben würde. Was sage ich? Es ist nicht bloss als ob, es ist WIRKLICH so, für den Körper und für die Seele, es kann noch intensiver sein als damals. Stell dir dein Zirkuserlebnis mit deinem Vater vor. Ist doch schön, das wach zu behalten, und es gibt dir einen Teil jenes behüteten Glückes wieder, das man nur in der Kindheit so haben kann und das nie mehr so kommen wird. So nicht, aber in der Erinnerung. Solche Erfahrungen und Erinnerungen vermehren die positive Substanz, sie machen glücklich, zufrieden und sind - nebenbei - auch sehr gut für die Gesundheit. Da bin ich mir sicher. Und dies ist alles doch irgendwie ein Teil der Serenität, die wir im Leben und durch das Mausleben erreichen wollen. Irgend einmal habe ich gedacht, es sei falsch, dir so viel und so ohne Zensur zu schreiben. Du stehst atemlos und mit dem Rücken zur Wand und siehst diese Fluten vorbeifliessen. Du sagst selbst, es macht dich stumm. Es ist einfach eine Überschwemmung für dich. Du hast zwar immer Begeisterung gezeigt, aber vielleicht war darin auch sehr viel Höflichkeit. Wenn wir diesen Punkt und dessen Erkenntnis in einen § giessen wollen, dann müssten wir irgendwie sagen, wir machen einen Dialog, und nicht einen Monolog. Monologe führen zu nichts Neuem, sie sind repetitiv. Dialoge aber sind inspirativ, oder zumindest können sie es sein.
Also, ich bitte dich Marlena, sprich mit mir, zeige dich, erzähle mir so wie heute. Fang bei dir an. Du musst nicht unbedingt meine Fragen beantworten. Wenn sie wichtig sind, kommen sie wieder. Ich weiss sehr genau, dass es nicht rundum so ist, wie ich es mir vorstelle. Aber ich höre gern, wie es wirklich ist. Und ich glaube nicht, dass ich enttäuscht bin, wenn ich meine Illusionen erkenne. Es sind ja auch viele verbale Gesten im Spiel. Ein oder zwei mal hatte ich den Eindruck, du hälst mich für sehr narzisstisch. Das heisst, du denkst, ich sei sehr schnell beleidigt und ziehe mich zurück. Ich glaube nicht, dass ich so sehr empfindlich bin. Natürlich ist es immer schwierig, sich selbst zu beurteilen. Aber das gehört nun ja auch zu meinem Beruf, dass man nicht überempfindlich sein soll.
Und bei all dem Gesagten möchte ich dir ehrlich sagen: ich bewundere dich, weil ich weiss, dass du eine schöne und eine intelligente Frau bist. Die heutigen (dh. gestrigen) Mails sind so natürlich und gerade und klar und ungekünstelt, das mag ich sehr an dir. Zu deinem ersten Foto, das du mir geschickt hast, habe ich immer wieder gedacht: alle Eltern müssten sich eine solche Schwiegertochter wünschen. Sie zeigt alle wunderbaren Möglichkeiten einer Frau. Und dazu hast du soviel Kenntnisse und Gespür für Rilke. Ich habe nie im Leben jemanden getroffen, der sosehr meine stille Begeisterung für diesen guten Rilke geteilt hat. Und es ist unglaublich, dass du das in einer Fremdsprache erreichen konntest. So bist du meine Schwester im Geiste. Und es ist schön, deine Zitate zu lesen. Wenn es Liebesgedichte sind, dann ist es noch schöner und es kitzelt ein bisschen in der Bauchgegend. Aber es macht natürlich so etwas wie Liebe. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und das weißt du als Frau noch besser als ich. Für mich ist das kein Problem. Ich habe deswegen keine Schuldgefühle gegenüber S. oder meiner Familie. Ich kann mit meiner Familie schliesslich auch nicht über Rilke diskutieren.
Doch weißt du, Marlena, angenommen, du würdest nächstes Wochenende auf dem Flughafen Kloten in Zürich landen (was ja nun - weiss Gott - nicht gerade anliegt), und ich würde dich abholen, um dich im Wallis auf Rilkes Spuren herumzuführen (ist doch ein schönes Beispiel gewählt?), ich wäre ein bisschen scheu dir gegenüber, ich wüsste nicht, ob wir uns jetzt sehr förmlich die Hand drücken sollen und ob vielleicht eine französische Begrüssung nicht doch etwas zu gewagt sei. Wir könnten uns zum Anfang vielleicht nicht einmal allzu lange in die Augen schauen. Schliesslich sollte man höflich bleiben. Schreiben kann man vieles, tun ist was anderes.
So nimm denn alle meine Worte zum §5 mit deinem Herzen entgegen. Es sind Worte, klar, aber es ist doch etwas mehr als blosse Worte.
Ich danke dir für die zwei schönen Mails. Sie haben meine Woche gerettet. Und hoffentlich bist du zeitlich dennoch über die Runden gekommen.
Mit einem feinen Küsschen
...

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