Liebe Marlena
...
Bei uns zuhause in X haben wir immer einen Samstagskaffee gehabt. Und da haben wir ein bisschen diskutiert und sind zusammengesessen. Es war praktisch der einzige Moment in der Woche. Und ich habe das sehr genossen. Wir waren sonst keine diskutierende Familie. Im technischen Denken gab es nicht sehr viel zu diskutieren. Und mein Vater wollte gern Recht haben und behalten. Für Zwischentöne gab es da wenig Raum. Und anschliessend bin ich zum Bahnhof gegangen und habe mir eine Zeitung gekauft und dazu manchmal die kleinen Cigarillos, die ich damals in meinem Übermut noch geraucht hatte. Und wenn ich nicht jemanden angetroffen habe, bin ich in mein Zimmer hinauf gestiegen, mit der schönen Aussicht in die Schneeberge, habe France Inter gehört und Zeitung gelesen und die Beine auf den Tisch hinaufgehievt, wie ich das bei den Amerikanern gesehen hatte. Und habe vom Leben eines Intellektuellen geträumt. An Arbeit habe ich nie im Leben gedacht, wirklich nie. Ich habe mir vorgestellt, ich würde mein Leben lang lesen, schreiben, wieder lesen, in einem Restaurant mein Essen einnehmen, am Stammplatz, versteht sich, als intellektueller Bohémien sozusagen. Eine Büroarbeit von 8 - 12 und von 14 - 17h, nein, das hätte ich mir im Leben nie geträumt. Dass man im Leben Geld brauchte, das war mir wirklich sehr lange entgangen. Ich war wohl ein grosser Träumer, nicht wahr?
Und heute sitze ich im Büro und träume weiter. Gut bezahlt. Das habe ich wohl nicht schlecht gemacht. Aber ich muss aufpassen. Mit diesem neuen New Public Management wollen sie überall Leistungen sehen. Es ist ein Greuel, sie wollen überall Effekte messen. Sie kommen mir wieder mit Technik, wo ich ihr doch noch nicht lange entflohen bin.
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Donnerstag, 15. April 2010
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