.... du wirst schon sehen ...
Liebe Marlena
Diese Ausstellung war sehr schön gestern. Der Maler heisst Varlin. Er war ganz bekannt, als ich in Zürich angefangen habe zu studieren. Damals hatte er gerade den Kulturpreis der Stadt Zürich erhalten und Dürrenmatt hielt seine Laudatio. Er hat die Schweiz einmal an der Biennale in Venedig vertreten. Sonst blieb er aber bloss innerhalb der Schweizergrenzen bekannt, im Ausland wohl kaum. Obwohl er während Jahren in Paris gelebt hatte.
Als ich zu malen begann, habe ich narürlich viel bei ihm abgeschaut. Varlin ist ein blendender Portraitist. Er malte ein bisschen spontant, mit momentanen Eingebungen. Das ist gut für Porträts, dann wirken sie lebendiger. Er hat wirklich schöne Porträts gemacht, damals von den grossen Intellektuellen: Frisch, Dürrenmatt, Gasser, Loetscher usw. Und sie waren ja von der schreibenden Zunft, sie haben später beschrieben, wie sie diese Sitzungen bei Varlin im Atelier erlebt hatten. Bei Dürrenmatt hatte ich so etwas wie einen Machtkampf herausgehört. Man muss sich vorstellen, Dürrenmatt war international bekannt, und Varlin wollte ihn porträtieren. Ich habe daraus gelernt, dass man als Porträtist immer die richtige Distanz zu seinem Objekt, also dem Menschen finden muss. Du darfst ihn nicht zu sehr bewundern, sonst bist du als Maler gehemmt. Du darfst ihn auch nicht verachten, sonst bist du zu sarkastisch und überheblich. Du darfst ihm nicht zu nahe stehen, sonst bist du zu romantisch und gefühlsbezogen. Du darfst ihm aber auch nicht zu weit weg stehen, sonst interessiert er dich nicht, und das Porträt wird nichtssagend. Und diese Position zu finden, ist das allerschwerste. Es dünkt mich ein bisschen wie beim Backgammon Spiel, wie ich es dir beschrieben habe. Die Hauptsache geht im Kopf ab, nicht auf der Leinwand. Wenn es im Kopf stimmt, dann wird es auf dem Bild auch einigermassen stimmen, falls du ein bisschen Maltechnik hast.
Und in diesem Text von Dürrenmatt konnte man lesen, wie die beiden gekämpft haben. Varlin musste zusehen, dass er sich diesem kolossalen Monolithen Dürrenmatt, der ja auch körperlich gross und dick war, dass er sich diesem Brocken gewachsen fühlte. Und dazu verwendete er - so scheint es - etliche Finten. Er hat mehrmals neu angefangen bei der Bildskizze. Oder er hat schnell wieder abgebrochen, um mit ihm zum Essen zu gehen. Er hat die Leinwand nicht auf die Staffelei gestellt, sondern irgendwo im Atelier an eine Wand gelehnt, so dass das Bild immer wieder umzufallen drohte.
Zum Schluss hat Varlin diesen grossen Dürrenmatt auf dem Bett liegend gemalt, auf einer jämmerlichen Matratze, die richtig durchgearbeitet und gepflügt (erinnerst du dich an dieses Wort?) wirkte. Und ich glaube im Arm hielt er einen Hund oder sowas, weiss ich nicht mehr so genau. Das Bild ist dunkel, aber von dort drüben leuchtet dieses Mondgesicht Dürrenmatts mit dem kleinen Mund. Eigentlich wirkt es wie das Gesicht eines Babys. Ich glaube, es ist nicht sein bestes Porträt. Aber immerhin ist es Dürrenmatt.
Dürrenmatt hat Varlin sehr geschätzt. Und in seinem Arbeitszimmer in Neuenburg hatte er ein riesiges Gemälde mit ein Paar Gestalten der Heilsarmee (salvation army). Seine Figuren auf den Bildern haben wirklich eine gute Präsenz. Gestern habe ich auch mein Lieblingsporträt gesehen.

Es zeigt Hugo Loetscher, den Schriftsteller. Er sitzt in einem hochformatigen Bild in der unteren Hälfte ziemlich lässig auf einem Fauteuil und raucht (damals hat er noch andauernd geraucht, heute nicht mehr) und schaut mit seinen Schweinsäuglein und den grossen Ohren zum Bild heraus auf den Betrachter. Er hat ihn wirklich erwischt. Es ist wirklich Hugo Loetscher. Kein anderer könnte so dasitzen, mit einer Mischung aus Nonchalence und leichter Arroganz. Er ist ja sehr schwatzhaft, dieser Hugo Loetscher. Und morgens kannst du ihn im Grancafé am Limmatquai in Zürich bei der Zeitungslektüre sehen. Er ist jetzt dick geworden. Wahrscheinlich weil er nicht mehr raucht. Er wirkt nicht sehr stilvoll, sondern ein bisschen burschikos. Und er schwatzt drauflos, wenn man ihn lässt. Das mag ich auch nicht besonders, aber er ist heute, neben Bichsel, der bekannteste Schweizer
*
Ach, Marlena, ich erzähle dir soviel von diesem Varlin, den du noch nie gesehen hast. Vielleicht langweilt dich das eher. Wenn du mal in die Schweiz kommst, werde ich dir Bilder zeigen.
Nach der Ausstellung sind wir essen gegangen und haben noch geplaudert. Es war ein milder und schöner Sommerabend. Und viele Leute waren unterwegs. Und als ich heimkam, habe ich noch ein bisschen gelesen:
Rom lag am Anfang des 15. Jahrhunderts, also vor der Zeit der
Renaissance, darnieder. Die Tempel eingestürzt, die Häuser baufällig,
ganze Stadtteile verlassen, überall Schlammlöcher, Hunger, es
mangelte an allem. ...
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen