Ämne: Re: SJ
Datum: den 20 juni 07:33
Liebe Marlena
Ja, es ist erstaunlich, was und wieviel Du über Deine Erinnerungen und Erlebnisse im Zusammenhang mit der SJ zu erzählen weißt. Es ist wunderschön, so tief in das eigene Leben und die Vergangenheit einzutauchen und zu sehen, dass alles noch hier ist. Es ist Dein Urgrund. Es macht Deine vielfältige und tiefgründige Persönlichkeit aus.
Ich meinerseits kann nicht soviel über die Jesuiten erzählen. Die Schule, die ich besucht habe, war zwar eine ehemalige Jesuitenschule. Aber zur neueren Zeit war sie das nicht mehr. In der Schweiz nach 1848 waren die Jesuiten sogar eine zeit lang verboten, weil die Progressiven befürchteten, die Jesuiten würden die Errungenschaften der Französischen Revolution zunichte machen.
Zwar waren viele meiner Lehrer Priester, aber sie waren nicht Jesuiten. Sie trugen Soutane. Aber sie waren alle aus dem Oberwallis. Und ich glaube, dass einige von ihnen sonntags im einen oder anderen Dorf die Messe lasen.
Die Schule hatte einige Gepflogenheiten, die vielleicht auf die Jesuiten zurückgingen. Das Studententheater könne eine solche Institution gewesen sein. Das Jesuitentheater war ein wichtiges Instrument der Kommunikation für die Jesuiten, und sie haben die Schauspielerei zu einer gewissen Perfektion entwickelt. Zu meiner Zeit wurde am Kollegium Spiritus Sanctus jährlich ein Theater aufgeführt. Ein Lehrer stellte sich zur Verfügung, es mit Vertretern der Studentenverbindung einzuüben.
Doch weil ich selbst nie Mitglied dieser Verbindung war, deren Hauptziel darin bestand, beim Stamm oder anderen Anlässen recht viel Bier hinter die Binde zu giessen, so kam ich auch nie in Verdacht, bei einem solchen Theater eine Rolle zu spielen. Nun ja, ich wäre wohl auch nicht ein besonders guter Schauspieler gewesen. Dazu war ich zu ruhig und zu sachlich. Zu scheu, alles in allem.
Ich kann Dir nicht genau sagen, welche Gewohnheiten bis auf die Jesuiten zurückgingen. Dazu müsste ich in der Chronik nachlesen, die zum 500 jährigen Jubiläum der Schule geschaffen wurde. Vielleicht würde ich dort einiges nachlesen können. Wenn ich mal Zeit habe, werde ich das versuchen.
Eine ganz merkwürdige Institution damals war beispielsweise die Instructio communis. Das war eine Vollversammlung aller Studenten an einem Samstag Nachmittag jeweils einmal im Semester. Der Rektor stand dann vorne im Theatersaal und las aus der Schulordnung vor. Das war absolut langweilig und komisch. Er verbot das Tragen von Waffen und solch ferne Dinge. Man kann sich vorstellen, was in einem Theatersaal mit ca. 400 Studenten in allen Altersklassen alles geschehen kann. Ich glaube nicht, dass irgendjemand etwas aus diesem Vortrag mitgenommen hat, unser Nikolaus vielleicht ausgenommen. Nikolaus war unser Musterschüler. Er hatte immer Note 6, höchstens vielleicht mal eine 5-6, war aber sonst ein armes Kücken, das lange auf den Stimmbruch warten musste und rot anlief, wenn es aufgerufen wurde. Im Turnen sind seine Noten wohl nie über 3 hinausgegangen. Nun ja, ich beschreibe hier ein Klischee, und ich glaube, im grossen und ganzen waren wir alle ziemlich fair mit ihm. Wir liessen ihn in Ruhe und seine 6er machen. Aber man konnte ihn für echte Männerunternehmungen natürlich nicht wirklich gebrauchen.
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Zufällig habe ich gestern im Fernsehen gesehen, dass Eurer Königspaar ihre 25 jährige Hochzeit zelebriert. Dabei hatte man den Eindruck, dass Silvia noch fast beliebter ist als der König. - Offen sprach man darüber, dass die Königin viel für die schwedische Monarchie geleistet hat, indem sie dem jungen und unsicheren Monarchen den Rücken gestärkt habe. Diese Mischung aus offiziellen und höchst privaten, wenn nicht intimen Gedanken, fand ich einigermassen merkwürdig. Und dann sah man sie verkleidet in Renaissance-Kleidern und bewundert von der niederländischen Königin und ein paar anderen.
Frag mich nicht, liebe Marlena, was ich dazu zu sagen hätte. Eine hochbezahlte Familie in Renaissance-Kleidern in einem luxuriösen Schlosspark herumstehen zu sehen, die denken, sie erfüllten damit eine staatspolitisch wichtige Funktion, das fasst mein republikanisches Herz eigentlich nicht so leicht. Nun ja, ich hoffe, die königliche Familie mache noch ein paar Dinge, die sinnvoller sind als so etwas. Es sah irgendwie läppisch aus, diese offenbar wichtigen Leute wie eine Schauspieltruppe und steif herumgehen zu sehen. Ist das nicht irgendwie lächerlich? Und ich habe dabei an Dich gedacht und mich gefragt, was Du denken magst. Aber sicherlich urteilst Du in dieser Frage nicht so hart wie ich.
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Und dann meine Ameisen. Sie sind wirklich ein gutes Bild für die Armada, welche die Männer, vor allem die sogenannt Intellektuellen, zur Verfügung haben, ihre Männlichkeit zu beweisen. Es kommen mir dabei viele Passagen aus Schwanitz's Buch in den Sinn. Ich glaube, wir stehen hier mit Deiner Grundthese, Männer und Frauen seien im Grunde gänzlich verschieden, auf seinem Boden. Das ist sein Ausgangspunkt. Und daran mag ja durchaus etwas sein. Auf jeden Fall sehe ich bei der Lektüre vor meinem geistigen Auge ständig Kollegen, ehemalige Mitarbeiter, Vorgesetzte und andere männliche Exemplare unserer Spezies. Und das heisst ja doch, dass das Buch einen gewissen Realitätsgehalt hat.
Ich kann Dir also nur vorschlagen, das Buch für Deine Tage im hohen schwedischen Norden zu organisieren. Es ist genau die richtige Lektüre für dich. Es ist eine Illustration Deiner eigenen Theorie. Du wirst entzückt sein, dass es einen zweiten Menschen auf dieser grossen Welt gibt, der es auch sieht. Du wirst ständig Passagen lesen ähnlich jener, die ich mal über die Männer als Hobbyköche geschrieben habe. Und du wirst entzückt sein.
Einziges Problem bleibt, der Umwelt zu erklären, weshalb und wie Marlena dazu kommt, ein Buch mit dem Titel "Männer" in die Ferien mitzunehmen, um es dann auch noch zu lesen. Wie könntest Du dabei argumentieren? Natürliches Interesse für Männer? Hilfeschrei wegen völligem Unverständnis? Erwerb neuer Strategie im Umgang mit der Männerwelt? Berufliche Vorteile? Wissenschaftliche gar?
Ich sehe, es ist nicht so leicht, ohne Verlegenheit darauf eine gute Antwort zu finden. Deshalb besorgst Du Dir das Buch vielleicht doch besser erst nach den Ferien, um es in aller Stille und Diskretion zuhause im stillen Kämmerchen zu lesen. Das wäre auch für mich gut, wenn wir im Herbst all diese splendiden Gedanken nochmals durchgehen und darüber schmunzeln können.
Geniesse die Zeit. Wie heisst das so schön: Carpe diem. Das gilt ja besonders für die Ferien.
Mit einem lieben Gruss
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