Freitag, 10. Januar 2025

Studentenleben, Strohwitwe und Literatur

 

Lieber ...,
Freitag Abend. Ein ungewöhnlicher, denn ich habe ihn ganz für mich selbst. Das ist ein bisschen ein Luxus. Wenn K nicht in der Nähe ist, können meine Gedanken frei laufen - und man braucht sich nicht zu fragen wohin.

Wenn ich das etwas früher gewusst hätte, wäre ich wahrscheinlich irgendwohin gegangen oder hätte mir Gäste eingeladen. Aber so ist es auch gut. Ich kann tun was ich will und nichts ist vorausbestimmt.
Ein bisschen bewache ich Annas Vorhaben heute. Nicht dass sie mich brauchen würde. Es ist mehr aus Neugier. Anna ist vor vielen Jahren mal in einer Chatcommunity mit einem Jungen bekannt geworden, der schon damals wie eine Art Guru für alle kleinen Script kiddies war. Aber nicht nur für die, denn er ist  einer der besten "Hackers" die wir in diesem Land haben. Er hat sich für das kleine Mädchen interessiert, weil es ungewöhnlich war, dass sich ein Mädchen in ihrem Alter so gut auskennt auf diesem Gebiet. So haben sie sich schon seit so 5 Jahren ab und zu mails geschickt und ich glaube, dass er es eigentlich war, der sie am meisten zu ihrem jetzigen Studium inspiriert hat. Sie nennt ihn ihren "Mentor" und sieht ihn als einen guten Freund ohne die geringste Spur von Romantik. Neulich hat er einen Auftrag an der Uni bekommen und vorige Woche haben sie sich zum ersten mal "live" gesehen. Ich war etwas erstaunt über ihre Aussage nach dem Treffen, er sei "der netteste und smarteste Mensch, den sie in dem letzten Jahr begegnet ist". Das ist stark, wenn es von Anna kommt. Sie ist normalerweise sehr restriktiv mit solchem Lob.

Nun, jedenfalls hatte sie schon seit langem geplant heute Abend zu einem grossen Synthfest zu gehen und dann hat sie gedacht, wenn sie diesmal das "Vorfest" bei sich macht, könnte sie gleichzeitig ihren Geburtstag feiern.. (das wissen die anderen zwar nicht). Vorfeste, so nehme ich an, sind eigentlich dazu da um sich vor dem richtigen Fest etwas Mut anzutrinken. Natürlich können es auch (mit unseren Augen gesehen) ganz anständige Veranstaltungen sein. Und da es sich herumgesprochen hat, dass B kommt, haben sich etwas mehr Gäste angemeldet, als sie ursprünglich gedacht hatte. Alle sehen zu ihm auf.. Und ich denke, sein Ego wird gigantische Proportionen annehmen, bevor der Abend zu Ende ist.. ;-))

Und nun hat das arme Kind einen ganzen Dinner für die Leute gemacht (16 Personen). Ein orientalisches Gericht mit Crevetten und Curry. Dazu Reis, Salat, Painriche und nachher Kuchen mit Eis. Getränke bringen alle selbst mit. Coca-cola, Alko-läsk (läsk=Limonade) oder Vodka.. Ja, ich habe auch gelacht, als ich das hörte. Und später irgendwann nach 22.00 Uhr werden sich alle zu dem Synthfest begeben.
Ich hoffe dieser kleine Einblick in schwedisches Studentenleben hat dich nicht allzusehr gelangweilt.

Jetzt werde ich ein bisschen lesen. Ich habe so 3 - 4 Bücher, zwischen denen ich hin und her pendle, je nach Laune. Das eine ist ein schreckliches Buch über das "dritte Alter". Ich wollte es für K kaufen und dann habe ich wahrscheinlich ein falsches erwischt mit einem ähnlichen Titel. Jedenfalls ist es nicht was ich mir vorgestellt hatte. Es enthält viel Wahres über Dinge, die man am liebsten verdrängen würde. Na ja, ich habe erst angefangen darin zu lesen.
Das andere ist ein Roman, den ich vor sehr vielen Jahren schon mal gelesen habe. Damals habe ich Trost darin gefunden und mich und auch andere Leute in meiner Umgebung in den Personen wiedererkannt. Und jetzt bin ich neugierig, was es war, was mich so fasziniert hat und ob ich heute das ganze mit denselben Augen betrachte wie damals.

Das dritte ist ein Buch von François Mauriac. Eine ältere Kollegin, die im Herbst in Rente gegangen ist, studiert nun Französisch an der Uni und jetzt soll sie einen Schriftsteller wählen, über den und dessen Werk sie schreiben will. Neulich  war sie zu Besuch in der Schule und hat mich gefragt ob ich ihr jemanden empfehlen könnte. Und ich glaube Mauriac könnte interessant sein für sie. Sie ist die Witwe des früheren Oberpfarrers hier und ich glaube es kann ihr nicht schaden sich ein wenig mit diesem katholischen Schriftsteller auseinanderzusetzen. Und nun habe ich meine alten Mauriacbücher herausgesucht (sie haben schon etwas Patina bekommen) und konnte es nicht seinlassen ein bisschen darin nachzulesen. So bin ich wieder einmal bei Mauriac hängengeblieben. ;-) Hast du schon mal was von ihm gelesen?



Der elende, briefschreibende Ehemann, von dem du sprichst, könnte Rilke sein. Ich will es nicht, kann es aber auch nicht ausschliessen. Aber wie ich sagte, ein Künstler und sein Werk sind zwei verschiedene Sachen.

So, nun mache ich eine Pause. Ich habe schon zu Abend gegessen. Ratatouille von gestern mit Fleisch von heute.. :-) Hat ausgezeichnet geschmeckt. Und dazu Vodka... nein ich mache nur Spass. Bin ja schliesslich kein schwedischer Student.

Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, meine liebe Wand.
Mit Gs und Ks,
Malou


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