Dienstag, 28. Januar 2025

In einem Wüstendorf

 


Liebe Marlena
Sind Kamele Wiederkäuer? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, sie könnten es schon sein. Ich habe sie in Erinnerung, wie sie daliegen und kauen. Sie haben also nicht bloss den Vorteil, dass sie Reserven speichern können, sie können sich auch noch mit sich selbst beschäftigen, sie können daliegen und vor sich hinkauen wie ein amerikanischer Base-Ball-Spieler, der seine Mannschaft soeben in Führung gebracht hat. Sie sehen ja so zufrieden aus, die Kamele. Es gibt in Persien auch Kamele, aber sie sind eigentlich nicht heimisch. Wenn es sie hat, kommen sie aus dem arabischen Raum.

Ich habe einmal ein paar Tage in einem persischen Wüstendorf gelebt. Das war mit dem deutschen UNO-Experten und dem persischen Übersetzer. Wir konnten bei einer Familie, ich glaube, es war die Familie des Dorfvorstehers, wohnen. Die Frauen und Töchter haben uns das Essen bereitet. Das war sehr einfach. Aber während des Essens sind die Frauen in der Küche verschwunden. Du hast sie immer nur im Türrahmen gesehen. Und es hat mich manchmal merkwürdig berührt, wenn sich die Blicke ab und zu kurz begegnet sind. Man merkte, es ist eine intelligente Person, aber sie wird hier nicht als Person zugelassen. Und dann kann man sich überlegen, was eine solche Person wohl denken mag, ob sie sich ihrer Situation bewusst ist. Es gab nicht soviele solche Blicke. Bei den meisten konntest du sehen, dass sie sich in ihre Situation geschickt haben. Sie wissen nichts anderes und nehmen es, wie es kommt. Aber manche Blicke waren ein bisschen anders. Und da hatte ich manchmal das Gefühl: sie weiss es, dass es ungerecht ist! Aber wenn man es sich wirklich überlegt, wussten auch diese es nicht. Sie wussten vielleicht ein bisschen mehr. Aber wirklich wussten sie es nicht. Denn es ist nicht primär eine Sache des Wissens, sondern eher der Lebenspraxis. Und die war ja wohl eindeutig. Doch ich wollte Dir von diesem Wüstendorf erzählen, das mir durch die Kamele in den Sinn gekommen ist. Wir waren dann abends oben auf dem Dach. Sie haben uns Tee gereicht in diesen kleinen Gläsern mit einer Untertasse, die sehr tief ist. Der Tee ist ja immer brandheiss. Und wenn man so sehr Durst hat, dass man sofort trinken möchte, dann schüttet man ein bisschen Tee in die Untertasse und schwenkt sie kurz, damit er abkühlt und gerade trinkwarm wird. Aber noch so schlürft man den Tee in kleinen Zügen. Es sind nicht die grossen Schlücke, die wir hier nehmen. Und dazu halten sie dir eine Dose mit Zuckerstücken hin. Die stammen von gebrochenen Zuckerstöcken und sind sehr hart. Die legst du auf die Zunge und lässt jetzt den Tee darüberrieseln. Das schmeckt sehr fein, weil nicht jeder Schluck gleich schmeckt. Manchmal erwischt man eine Welle der Süsse, und manchmal wieder dringt mehr der leicht bittere Geschmack des Schwarztees durch. Das ist also ein richtiges Zeremoniell. Wenn man so zusammensitzt und redet und Tee trinkt, dann holen sie immer wieder. Man trinkt ja dann ganz langsam. Und dieses kleine Teeglas mit der Untertasse, das du in Händen hälst, bietet dir jede Menge Möglichkeiten, mit Gesten zu spielen, auch die Wertschätzung dem Gastgeber gegenüber zu zeigen. Du stellst das leere Glas ja nicht einfach wieder so zurück auf den Boden, sondern du tust das, als ob es das Wertvollste Ding auf der Welt sei, als ob der kleinste Kratzer die grösste Katastrophe der Welt wäre. Ich glaube, es ist ein ganzer Kanon, der hier spielt, ein Zusammen- spiel von Regeln. Und erst jetzt, da ich Dir davon erzähle, wird es mir mehr bewusst, wie ich auch mitmache, ohne die Regeln so bewusst zu kennen, einfach, weil ich die umgebenden Menschen imitiere.
Als wir in diesem Dorf eingetroffen waren, sind wir im Wohnraum zusammengesessen. Und sie haben für jeden von uns eine kleine Flasche Pepsi Cola hingestellt. Ich hatte einen riesigen Durst, und ich hatte das Gefühl, ich brauchte mindestens eine Literflasche Pepsi. Aber das Fläschchen war nicht gekühlt, denn sie haben dort keine Kühlschränke (wenn ich mich richtig erinnere). Doch ich habe alle meine Willensstärke zusammengenommen und dieses Pepsi, das ich mit einem Zug hätte austrinken mögen, ich habe es stehen lassen. Diese Menschen haben praktisch kein Geld. Und ein Pepsi ist für sie der absolute Luxus. Es ist eigentlich viel zu teuer, dieses braune Zuckerwasser. Es ist schon bei uns viel zu teuer. Aber für diese Menschen ist es vielleicht so, wie für uns eine gute Flasche Bordeaux. Sie haben auch selbst keines getrunken. Es war nur für die Gäste, weil es so exklusiv war. So habe ich es stehen gelassen, und habe mit Sehnsucht auf den Tee gewartet, den sie später serviert haben.

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