Dienstag, 28. Januar 2025

Fortsetzung: In einem Wüstendorf


Liebe Marlena
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Das ist auch persisch, dieses Spiel. Sie bieten dir was an, und du geniesst die Geste, aber du denkst nie im Leben daran, es auch zu akzeptieren. Du könntest es annehmen. Aber du denkst nicht daran. Und der andere, der es dir anbietet, denkt eigentlich auch eher, dass du es nicht nehmen wirst. Er meint es eher als freundschaftliche Geste. Aber wenn du es nimmst, ist er auch glücklich, dass er dir etwas offerieren konnte. Wir haben in diesen Dörfern immer privat gegessen. Meist haben sie Brot und Käse serviert, vielleicht noch Früchte. Zum Schluss Tee. Exklusiv war ein Ei. Da haben sie aber immer angedeutet, dass sie nicht viele Eier hätten. Und nach dem Essen hatte der Dolmetscher den Auftrag, zu fragen, wieviel wir für dieses Essen schuldeten. Niemals wollten sie Geld. Sie haben sich standhaft gewehrt. Und so haben wir das Geld stets nach dem Essen unter die grosse Metallplatte gesteckt, auf der sie serviert haben. Wir haben ja immer auf dem Boden gesessen. Und ich bin überzeugt, sie waren sehr froh, wenn sie später das Geld dort entdeckten. Sie sind wirklich sehr arm und genügsam, und dabei so höflich und bescheiden, dass wir Europäer das fast nicht begreifen. Doch man darf das nicht als persönliche Qualität verstehen, es ist nicht die Persönlichkeit des einzelnen, es ist die Ordnung in der Gesellschaft. Und sie ist auch sehr hart, wie du aus dem Buch von Mamoody entnehmen wirst. Jeder, der diese Regeln nicht akzeptiert und mitmacht, wird spüren, wie stark die Konvention ist. Es ist wie ein grosses Räderwerk, das dich auch erdrücken kann.
In einem Dorf kann eine Frau, die ihrem Mann untreu wird, gesteinigt werden. Das ist sehr brutal. Aber dass sie überhaupt untreu werden kann, ist schon ein sozialer Defekt. Ich meine, alles in der Gruppe ist so eingerichtet, dass sie nicht untreu werden soll. Und trotzdem wird sie es. Ich glaube, dass man sie steinigen kann, weil ohnehin alle denken, sie sei krank und nicht normal. In unserer Gesellschaft wäre das Aanaloge, sie für den Rest des Lebens in eine Psychiatrische Klinik zu sperren. Ich glaube, das wäre ungefähr der Vergleichsfall. In einem persischen Wüstendorf würde man sie steinigen (das vermute ich, ich bin mir nicht ganz sicher, aber es wird ja auch kaum vorkommen). Ich habe mal die Lebenserinnerung einer Kurdin gelesen, die später in Deutschland als Frau eines Arztes gelebt hat. Das war sehr eindrücklich. Und sie erzählte, wie sie als Mädchen eine solche Steinigung erlebt hat. Sie ging nicht auf Details ein. Und sie hatte auch schon ein bisschen einen Europäischen Blick. Das heisst, sie sah die Ungeheuerlichkeit. Aber in der Erinnerung als Mädchen hatte sie es damals akzeptiert wie eine Tradition, wie ein Fest, das man eben so feiert und nicht anders. Ein trauriges Fest eben, wie eine Beerdigung. Diese geschlossenen Gesellschften sind so hart wie Darwins Gesetz des Stärkeren in der Natur, so kommt es mir vor.
Und wenn du sagst, Marlena, Iran sei gefährlich, so ist es dies. Ich glaube, man muss sehr sensibel sein und versuchen, diese vielen ungeschriebenen Gesetze nicht zu verletzen. Sonst regt man die Ordnungskräfte, die erbarmungslos sind. Und machmal weiss man eben nicht, dass man sich daneben benimmt. Und dann kann es gefährlich sein. Aber ich glaube, das ist vor allem in den Dörfern oder in den einfachen Schichten so. Es gibt ja viele sehr gebildete und sehr tolerante Perser. An die werde ich mich halten.

Es ist schön, mit Dir so in aller Ruhe zu plaudern, ohne die Hektik, die wir manchmal hatten, und ohne die Störung durch die Tagesgeschäfte. Du hast dich oft gesehnt nach einer schönen und ruhigen Liebe. Im Moment haben wir sie, nicht wahr? Und ich stelle mir vor, irgend einmal nach einer Woche kommst du nach Kalix, bestellst den PC und findest dann dieses Mail. Und du freust dich ein bisschen und kannst es in aller Ruhe lesen in dieser stillen und hellen Bibliothek dort oben im Norden. Und dann wird dein Herz wieder voll sein - so hoffe ich doch - für eine weitere Woche. Eben so wie ein Kamel-Reservoir.
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Jetzt, wo du so weit weg bist, höre ich deinen Namen wie Musik in meinem Ohr. Ich habe nie jemanden gekannt, der Marlena geheissen hat. Und der Name ist ja auch eher selten hier. Und darüber bin ich froh. Du bist für mich wirklich die einzige Marlena, die es auf dieser Welt gibt. Und das ist schön. Jede zweite oder dritte wäre zuviel. Eine genügt mir.
Ach, Marlena, du merkst es, ich könnte Elegien schreiben, Ach-Elegien.
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Ist es bei euch auch so kalt. Hier ist es vielleicht 15°, und nach der Hitze der letzten Tage ist das wie ein Einbruch der Eiszeit. Und es regnet so, als ob die Sonne endgültig aufgegeben hätte. Und ich sitze hier allein im Büro. Alle anderen sind im Moment in den Ferien. Ich geniesse das allerdings. Und später muss ich mich an den Artikel machen. Habe ich dir erzählt, dass ich am Samstag während 5 Stunden mit dem Redaktor zusammengesessen bin. Er ist wirklich ein lieber Kerl, und er hat noch fast mehr daran gearbeitet als ich. Und er ist gutmütig, und er ist tolerant. Komisch, das Schriftliche von ihm wirkt so definitiv. Und am Telefon war er immer so kurz, ich hatte den Eindruck, er sei so ein herausgeputzter und überkontrollierter Typ. Nein, er ist eigentlich so wie ich, also ein Spitzenprodukt, vielseitig, diskussionsfreudig. Nur mit den Details versteht er sich besser als ich. Er ist mit dem Velo zu mir ins Büro gefahren, und es hatte sehr viel Wind und Regen. Schon darin kannst du sehen, welch ein Typ er ist. Und er trinkt nicht Kaffee, sondern Früchtetee. Ich glaube, er ist ein bisschen Alternativ. Aber so, dass man es noch akzeptieren kann. Ich habe dann halt meinen Kaffee allein geschlürft (und an Marlena gedacht). Wir sind eigentlich sehr schlau, wir zwei. Wir trinken doch, während der Schulzeit, immer Kaffee zusammen. Und jetzt, wenn ich Kaffee trinke, irgendwo oder irgendwann, denke ich an Marlena. Und man trinkt ja soviel und sooft Kaffee pro Tag. Du weißt, was ich meine, meine Liebste? Du bist mir wie dieses kleine Stücklein Schokolade, das sie manchmal zum Kaffee servieren. Die Franzosen würden vielleicht sagen, ein amuse-bouche. Aber damit meinen sie eine Vor-Vorspeise, also nichts Süsses eigentlich. Trotzdem bist du mein amuse-bouche.
Ich hoffe, dass ihr dort oben gut ankommen werdet und dass ihr es schön habt.
Mit "ziemlich" intensiver Liebe

mein Schatz, dieses "ziemlich" muss ich mal erklären. Ich glaube, du hast es manchmal ein bisschen ironisch zitiert. Und eigentlich bedeutet ziemlich ja eben nicht "sehr" viel, nicht "absolut" viel, sondern bloss "ziemlich" viel. Aber wenn man es als Understatement formuliert, dann bedeutet es wieder maximal viel. Dann heisst es so viel wie "über alle Massen", soviel, dass dafür die Worte fehlen, so dass man dann dieses vieldeutige und unscheinbare "ziemlich" nimmt).
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