Sonntag, 26. November 2017
... nach Frankreich orientiert
Liebe Marlena
(---)
Es ist ja wirklich schön, dass du neben dem Deutsch auch noch Französisch gibst. Ich selbst bin ein grosser Liebhaber des französischen Chansons. Ich mag die Sängerinnen und Sänger wie Barbara, Marie Laforèt, Jacques Brel, Serge Gainsbourg, Georges Moustaki, Joe Dassin, Yves Montand, Françoise Hardy und wie sie alle heissen. Ich kann einen ganzen Abend lang nur diese Musik hören und nicht genug davon kriegen. Das klingt natürlich etwas altmodisch. Aber das war die erste Musik, die wir als junge Leute gehört haben. Wir haben anfangs nicht englische, sondern französische Sender gehört, als wir uns in der Zeit des Gymnasiums die ersten Transistorradios gekauft hatten. Später erst kamen die Beatles, die Rolling Stones und diese englische Musik. Für uns war das erste Ausland Frankreich und die Franzosen. Und natürlich hatten wir eine gewisse Affinität, weil wir kaum eine halbe Grenze von der Sprachgrenze entfernt waren.
Den ersten Song, den ich von damals noch im Gedächtnis habe, einer der ersten, den ich bewusst gehört habe, was Françoise Hardys „Tous les garçons et les filles de mon age ...". Das war für mich ein kleiner Schock. Ich dachte, ist es wirklich wahr, dass alle andern in meinem Alter Hand in Hand (les mains dans les mains) mit Mädchen herumgehen und sich in die Augen (les yeux dans les yeux) schauen, kurzum, dass sie verliebt sind. Ich fühlte mich etwas ausgeschlossen, in meinem damaligen Alter. Das war doch irgendwie der Anfang der Jugendliebe, der Jugendmode, der Jugendgruppen, des Jugendslangs. Das waren die berühmten 68er Jahre. .. Kurz und gut: ich mag diese französichen Chansons, die ich eben gar nicht süsslich finde, und in denen – wie du auch feststellst – alles sagbar ist, was man im Deutschen absolut nicht sagen kann. Und ich kann sie stundenlang hören und dazu – sagen wir – ein Glas Pastis trinken. Ich habe damals dann auch angefangen Gauloises zu rauchen. Das war die Zeit der Existenzialisten, die Zeit Sartres mit seiner Freundin (Castor hat er sie genannt, und sie sein Leben lang nicht geduzt; meine Schwester hat sie verehrt als Befreierin der Frauen und fast wie die eigene Mutter, verehrt sie wohl noch heute). Camus hat damals noch gelebt und wir haben „Die Pest" und seinen Mythos des Sisyphos gelesen. Und Paris, eigentlich das Quartier Latin, war das Zentrum der Welt. (sicherlich hast du dort auch deine schönen Erinnerungen, wo du – Marlena – kurz an der Sorbonne studiert hast) Anfangs waren wir jungen Leute ganz nach Frankreich orientiert. Noch während meiner Studienzeit an der Universität hab ich am Radio meist französische Sender gehört. Sie haben viel Musik gesendet, aber natürlich auch viel gequatscht (gesprochen), wie das die Franzosen eben gerne tun, meist zu mehreren gleichzeitig.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen