Freitag, 3. November 2017

auf dem Dach gegenüber

 


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Bei mir hier sitzen die Tauben gelangweilt oben auf dem
hohen Dach gegenüber und feilen an den Fingernägeln.
Manchmal geht eine Bewegung durch die Reihe, die nur
mit Erotik oder vielleicht Eifersucht zu tun haben kann.
Dann fliegt eine weg, steuert irgend einen hohen Punkt an,
den ich nicht mehr übersehen kann, wo sie sich schmollend
niederlässt und lässt so in der wohlkalkulierten Reihe eine
Lücke zurück. Aber ich bin überzeugt, Tauben sind ziemlich
monogam und beobachten eifersüchtig, was in ihrer 
Gruppe da oben geschieht. Wahrscheinlich sprechen sie
miteinander mit den Augen, schauen nachsichtig oder
scharf in die Welt und versuchen sich so, es ihren Nächsten
verständlich zu machen. Manche sind auch ziemlich eitel.
Sie putzen und scheuern sich stundenlang.  Aber gelegent-
lich stehen sie auch bloss dort oben, krallen sich an die
Dachziegel und schauen auf die kleinen Menschlein
hinunter.
Ich weiss nicht, was sie tun. Vielleicht zählen sie die Autos?
Vielleicht suchen sie eine spezielle Marke heraus, etwa
Volkswagen oder Merzedes, und verfolgen sie bis an
den Horizont. Oder vielleicht ist es schieres Mitleid,
das sie für Fussgänger haben, die sich eilig durch den
Verkehr quälen.
Wenn Kästner meint, die Möwen schauten aus, als ob sie
Emma hiessen, dann heissen die Tauben wohl Maria.
Und wenn sie oben auf der Dachkante hocken, spielen
sie Rosenkranz.



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