Ämne: vom hündischen Leben ...
Datum: den 21 oktober 13:35
Mein Schatz
Ich glaube, so etwas liebst Du zu lesen. So schreibe ich es für Dich ab.
Diogenes von Sinope, der "Hund"
In
zwei Schritten, zwei Schülergenerationen ist die stolz getragene
sokratische Armut auf den Hund gekommen. Der Sokrates-Jünger
Antisthenes erhob den stadtbekannten abgewetzten Mantel des Meisters
zur Kulttracht der Konsumverächter - je zerschlissener, desto edler -;
und der Antisthenes-Jünger Diogenes brachte zu dem zerlöcherten Outfit
noch seine berüchtigte Schamlosigkeit hinzu - je anstössiger, desto
besser. Antisthenes hatte seine Philosophie noch gepredigt; Diogenes
inszenierte sein Leben als ein fortwährendes öffentliches Aergernis.
Die
Zeitgenossen nannten ihn "KYON", den Hund, und wer ihn darauf
ansprach, bekam diese hübsche Auskunft: "Weil ich, die mir etwas geben,
anwedle, die mir nichts geben, anbelle, die mir lästig fallen,
beisse", und damit mochte er auf den frechen Frager losgefahren sein.
Denn tatsächlich wusste jedermann, worauf der Spitzname zielte: "Er war
gewohnt", umschreibt sein Biograph das vornehm, "alles auf offener
Strasse zu verrichten, sowohl was die Korngöttin Demeter als auch was
die Liebesgöttin Aphrodite betraf."
Zur Ersten ist anzumerken,
dass der Input auf offener Strasse damals gerade so verpönt war wie der
Output. "Als Diogenes einmal mitten auf dem Markt sein Mittagessen
auspackte, riefen die Umstehenden in einem fort: "Du Hund!", "Du Hund!"
"Ihr selbst seid die Hunde", rief er zurück, "wie ihr mich hier beim
Essen umlagert!" Diogenes verstand es meisterhaft, den Spiess
umzudrehen und die Lacher auf seine Seite zu bringen. "Bei einem Essen
warfen einige Gäste dem Diogenes ihre abgenagten Knochen zu, eben wie
einem Hund. Ohne einen Augenblick zu zögern, sprang er auf, hob das
Bein und pisste sie an, eben auch wie ein Hund."
Von Sokrates "im
Supermarkt" gibt es das schöne Wort, das noch heute jeden unerbetenen
Versandhauskatalog zum Glücksquell werden lässt: "Wie viele Dinge gibt
es doch, die ich nicht brauche!" Diogenes hat diese sokratische
"Autarkie", diese Selbstgenügsamkeit auf die Spitze getrieben. Der
Philosoph in der Tonne brauchte so gut wie nichts; als er einmal einen
Knaben aus der hohlen Hand trinken sah, soll er seinen Holzbecher
hervorgeholt und fortgeschleudert haben. Für die verwöhnte Gesellschaft
jener Zeit konnte dieser Bursche nur Verachtung übrig haben. "Als ein
reicher Bürger ihn durch sein teuer eingerichtetes Haus führte und ihm
verwehren wollte auszuspucken, wie dieser hörbar Anstalt dazu machte,
spuckte Diogenes ihm gerade ins Gesicht und erklärte, einen gemeineren
Ort habe er im ganzen Haus nicht finden können."
Neben dem
Grobschlächtigen steht einiges Feinere. Die Anekdote, in der Alexander
der Grosse ihn fragt, ob er ihm einen Wunsch erfüllen könne, und
Diogenes der Hund vor seiner Tonne liegen bleibt und erwidert: "Einen
kleinen: Geh mir etwas aus der Sonne!", ist wohl grandios erfunden.
Doch da ist dieses feine Strassentheater: Wie er am hellichten Tage mit
seiner Laterne über den Markt geht, hier einem, da einem ins Gesicht
leuchtet, kopfschüttelnd weitergeht, so lange, bis einer ihm das
Stichwort gibt: Was er da, am hellichten Tag, mit seiner Laterne wolle?
"Ich suche", sagt er da, "einen Menschen." Und da ist jenes andere
kleine Theter, in dem dieser ewige Belferer vor dem grossen Theater
sein eigenes Leben spielt: Die Komödie ist zu Ende, die Zuschauer
strömen heraus, und Diogenes kämpft sich, mit den Armen rudernd, durch
den Menschenstrom zum Eingang durch, wieder bis einer ihm sein
Stichwort gibt: Warum er denn jetzt hineinwolle, da alle anderen
herauskämen? Und dann das Selbstbekenntnis des Alternativen: "Nichts
anderes treibe ich doch in meinem ganzen Leben."
Auf die Frage,
was für ihn das Schönste sei, soll Diogenes einmal gesagt haben: "Die
Freiheit, alles ausleben, alles aussprechen zu können." Ein Leben lang
gegen den Strom schwimmen und, wenn's sein soll, auch mal gegen den
Wind pissen und spucken: Diese demonstrative, provokative Missachtung
aller Konventionen hat auf Mitwelt und Nachwelt mächtig gewirkt. Eine
vieltausendköpfige Meute von vagabundierenden "kynikoi", hündischen
Kynikern im zerschlissenen Mantel, mit wild wucherndem Bart, sind
diesem Ur-"Hund" gefolgt, und in der Gegenwart sind aus den ja bloss
unverschämten Kynikern schliesslich noch die menschenverachtenden
Zyniker geworden. Noch die Studenten, die vor dreissig Jahren auf den
Rektoraten mancher Alma Mater ihre hündischen Markierungen placierten,
waren Nachhut dieser Meute.
Ein Namensvetter, Diogenes Laertios,
hat das Leben dieses "Hundes" beschrieben oder eher seine Aussprüche
gesammelt; darin ist viel hündisches Knurren und Kläffen, gewiss auch
manches Unterschobene. Verlässlich echt, weil so gar nicht hündisch,
scheint dieses doppeldeutige, aufschlussreiche Wort: "Einer gab ihm zu
bedenken: "Viele lachen über dich." "Aber ich", erwiderte er, "lache
nicht über mich."" Diogenes ist in hohem Alter in Korinth gestorben.
Noch ein halbes Jahrtausend später hat Pausanias am Stadttor zum
Isthmus hinaus das Grabmonument gesehen, das die Jünger des "Hundes"
ihrem Guru dort eingerichtet hatten: Eine Säule stand darauf mit einem
Hund obenauf, und der war dann doch aus kostbarem parischem Marmor.
Ich küsse Dich ein weiteres Mal
...
Donnerstag, 30. Januar 2014
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