Samstag, 25. Januar 2014

Busfahrt in Rom


Liebe Malou

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Ja, finde ich auch, dass man in einer halbstündigen Busfahrt morgens
und abends die einheimische Bevölkerung ein bisschen kennenlernt. Und
es gibt ja doch ziemlich erstaunliche Situationen in einem Bus. Auf
einer Fahrt war beispielsweise der Entwerterautomat defekt, mit dem
man das Ticket abstempeln sollte. Jeder Schweizer würde sich in einer
solchen Situation genüsslich zurücklehnen und den Vorteil geniessen,
den eine Gratisfahrt bietet. Die Italiener fingen an zu diskutieren,
und eine Frau meinte, man sollte das Ticket entwerten, indem man von
Hand das heutige Datum draufschreibt. Alle rundum nickten überzeugt,
aber zufällig hatte keiner einen Stift im Sack. Na ja, keiner hatte
sich auch wirklich bemüht, im Jacket mal nackzusehen, ob vielleicht
ein Kugelschreiber verfügbar wäre. Und so sind wir alle frei gefahren,
obwohl ein solch hoher moralischer Anspruch in der Luft lag. Das fand
ich doch ziemlich scheinheilig. Das war - unter uns gesagt - echt
katholisch.
Auf den Abendfahrten waren die Menschen jeweils ziemlich müde. Und
jeder war glücklich, der sich einen Sitz ergattert hatte. Einmal war
da eine deutsche Familie mit zwei Kindern ungefähr im
Primarschulalter. Sie waren bei der Stazione Termini so früh
eingestiegen, dass sie alle sitzen konnten. Aber allmählich füllte
sich der Bus und etliche Damen und Herren im fortgeschrittenen Alter
mussten stehen. Eine Frau fand das sehr unpassend, dass die zwei
Kinder sich auf den Plätzen breit machten, während die Grossmütter
stehen mussten. Sie fing an zu reklamieren, erst mehr oder weniger vor
sich hin. So suchte sie sich einige Verbündete unter den Fahrgästen,
stelle ich mir vor. Schliesslich wurde sie immer laut, war daran,
einen echten Skandal zu entflammen und fragte die beiden Kinder immer
wieder, wo denn ihre Eltern wären, und das dies doch wirklich
ungebührlich sei, diese Plätze zu besetzen, wo nebenan schwangere
Frauen stehen mussten. Sie konzentrierte ihre Attacken auf die beiden
Kinder, obwohl jeder halbwegs sehfähige Mensch bemerken konnte, dass
die blonden Eltern gleich zwei Sitze weiter vorne sassen. Die Kinder
sassen mit roten Ohren da, bewegten sich nicht und gaben vor, von
allem nichts zu verstehen. Und auch die Eltern stellten sich taub und
blind. Aber ich glaube, die resolute Italienerin hatte ihnen allen
richtig eingeheizt und sie in eine ziemlich unangenehme Situation
gebracht. Und die Menschen rundum hatten ihr mit den Augen ihre
Zustimmung signalisiert. Nächstes Mal wird sich die deutsche Familie
überlegen, wie sie die Plätze belegt.
Oder jene junge Römerin, die in einer Viertelstunde Fahrt drei Anrufe
von ihrem Lover erhielt, der zuhause kaum mehr auf sie warten konnte.
Jedesmal schilderte sie ihm geduldig, wo wir jetzt gleich vorbeifuhren
und wie lange er ungefähr noch warten müsste. Ich stellte mir vor,
dass er vielleicht zuhause bereits die Spaghetti in kochendem Wasser
hatte. Und da ist wohl jede Minute entscheidend, wenn man die Dinger
'al dente' behalten wollte. Na ja, diese Fantasie hatte ich, weil
meine Freunde eine solche Rollenverteilung hatten, dass er früher vom
Büro kam und zuhause kochte. Er stellte den Fernseher auf absolute
Lautstärke, liess eine von den lockeren Vorabendserien losflimmern,
und machte sich dann in der Küche zu schaffen, nicht ohne alle paar
Momente hinüber in den Wohnraum zu treten, um im Film keine flimische
Wendung zu verpassen. Kurz und gut: er machte es sich sehr gemütlich.
Doch seine Spaghetti schmeckten schliesslich perfekt, wenn seine Tina
so gegen 9 Uhr auch heimkam. Sie übernahm dann noch schnell, den Salat
zu waschen und zuzubereiten. Und nach dem Essen putzte sie die Küche.
Ist doch eine ziemlich römische Rollenverteilung, nicht wahr?
Wir haben hier sehr trübes Wetter. Und ich bin noch ein bisschen müde
nach dem grossen Essen, das wir gestern hatten. Für einen guten Schlaf
darf ich abends nicht zuviel essen. Na ja, manchmal kommt man eben
nich daran vorbei.
Ich wünsche Dir einen guten Tag
Mlg+k
...

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