Dienstag, 28. Januar 2014

Early morning tea



Ämne: Early morning tea
Datum: den 19 oktober  07:01

Liebe Marlena
Die Woche war bisher ziemlich streng. Und ich muss zusehen, dass nicht zuviel auf dem Pult liegenbleibt. Heute Nachmittag hatten wir einen Kurs über Neuropsychologie. Das ist ein ziemlich weites Feld, und man fühlt sich mehr oder weniger unsicher, weil nie klar ist, ob die Störungen somatisch, dh. neurologisch oder psychisch bedingt seien. Nun ja, sie sagen, es gäbe da eine Interaktion zwischen den beiden Bereichen. Aber eben, es ist nie ganz klar. Aber bei den Kindern ist auch das neurologische System noch einigermassen elastisch und kann etliche Ausfälle, die sich vor, während oder nach der Geburt ergeben haben, wieder kompensieren. Immerhin haben die Kinder manchmal schon erhebliche Probleme im Lernen und in der Schule insgesamt. Aber die kommen wohl nicht bis zur Dir ins Gymnasium.
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Und jetzt sitze ich noch ein wenig im Büro und sollte noch einen Bericht schreiben. Ich bin so faul und bequem, dass ich zuerst Dir schreibe und dazu ein Gläschen Wein trinke. Ich habe die Hoffnung, dass mich das ein wenig stimulieren könnte.
Hast Du die Bilder aus dem Wallis gesehen? Es ist eine riesige Katastrophe, und die Leute sind dort schon ziemlich bescheiden und leben bloss mit dem Nötigsten. Gondo ist das Dorf, das am schlimmsten betroffen wurde. Das ist das Dorf gleich vor der italienischen Grenze jenseits des Simplonpasses. Ich hatte im Gymnasium eine zeitlang einen Schulkameraden aus Gonde. Er ist ein sehr begabter und lustiger Kerl. Ich glaube, er hat etwas italienisches Blut, denn er kann Arien singen wie ein Italiener, kann reden und flunkern wie ein Italiener, kann handeln und geschäften wie ein Italiener. Ich glaube, sein Name ist das einig Schweizerische an ihm. Er ist dann Jurist geworden und war eine zeitlang im Walliser Kantonsparlament als Abgeordneter. Und daneben hat er grosse und kleine Geschäfte gemacht, dafür hatte er schon immer eine Nase, schon im Gymnasium. Immer, wenn er mit der Cravatte in die Schule gekommen ist, wusste man, dass er abends noch eine Versicherung abschliessen wird. Er war wirklich ein lustiger Kerl und hat viel gemogelt in der Schule. Oft hat er von mir abgeschrieben. Denn zum Lernen hatte er kaum Zeit. Aber er hatte immer ein grosses Maul, unser Alois. Man hat mir erzählt, dass er, als seine Frau einen Sohn geboren hatte, hupend durch Brig gefahren sei, um es allen und jedem zu erzählen.
Und jetzt, als man im Fernsehen einige Leute von Gondo zeigte, konnte ich seinen Bruder sehen. Er war ganz niedergeschlagen. Es war das erste mal, dass ich ihn gesehen habe. Aber er gleicht dem Alois aufs Haar.
Das zweite Dorf im oberen Teil des Wallis ist Baldschieder, gleich ein Nachbardorf von Visp. Auch dort sind etliche Häuser verwüstet worden, wenn es dort auch keine Tote gab.
Nun ja, die Bergbevölkerung ist sich an ein hartes Leben gewohnt. Und die Leute sind ja oft noch sehr katholisch und so irgendwie in der Lage, auch schwere Schicksalsschläge zu ertragen. Es gab ja vor eineigen Jahren einen harten Winter mit vielen Lawinen und grossen Schäden. Und diesmal ist es das Wasser gewesen. Man weiss noch nicht genau, was denn die Gründe sind. Es hat für eine lange Zeit ziemlich viel geregnet. Aber dass gleich ganze Schuttlawinen den Berg herunterkommen, das habe ich doch in meinem Leben noch nie so gesehen. Das scheint mir irgendwie neu.
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Du schreibst von M, Marlena. Wer ist denn M, der Dich irgendwo hin locken will? Sollte ich ihn kennen? Hast Du ihn mir mal vorgestellt? Ist er auch einer Deiner Verehrer? Ist doch beineidenswert, rundum Verehrer zu haben. Das behält das Herz jung und warm!
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Im Moment höre ich Chopin valses, das ist schön, aber es ist eigentlich Sommermusik für mein Gefühl. Sowas sollte man in lauen Sommernächten anhören, wenn die Fenster weit offen stehen und wenn man draussen den Brunnen plätschern hört. Habe ich Dir mal erzählt, dass wir vor dem Haus einen Brunnen haben, wo sie früher die Kühe getränkt haben. Jetzt braucht man ihn nicht mehr für Kühe, aber er steht immer noch vor dem Haus. Und im Sommer, wenn ich tief in der Nacht noch gelesen habe, habe ich sein Plätschern immer sehr genossen. Ein so alter Brunnen gibt einem das Gefühl, an einer grossen und langen Zeit teilzuhaben. Man hat das Gefühl, da waren früher Leute, da sind jetzt Leute, und da werden in Zukunft wieder andere Leute sein. Ach ja, es ist ein wenig melancholisch.
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Es geht Dir im Moment nicht gut, Marlena. Aber Du erzählst Deinem Mausfreund kein Sterbenswörtchen. Aber das kennen wir ja. Und ich will Dich auch warnen, mir auch nur die leisesten Andeutungen zu machen. Ich warne Dich, Marlena, mach sowas nicht. Es würde viel zu viel herausbrechen. Also schweig mein Schätzchen, schweige wie das Grab.
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Aber ich stelle mir gerne vor, mit Dir zusammen in einer warmen Höhle zu liegen und Liebesgeflüster auszutauschen. Es gibt hier keine Pritsche, die ächzt. Es ist alles in der warmen Erde. Und wenn man genau hinhört, kann man die Tiefe ahnen.
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Ich küsse Dich, meine Liebste, und ich wünsche Dir morgen einen frohen Tag.
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PS Gestern war das Netz blockiert. Deshalb dieses Mail erst heute Morgen, zum Frühstück.

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