Mittwoch, 22. Mai 2013

fauler Fernsehabend


date 31 October 2004 10:35
subject Re: So...

Liebe Malou
Ich glaube, ich habe einen kleinen Moment Zeit für ein paar Zeilen.
Wir haben hier nochmals Glück, ähnlich wie letztes Wochenende. Der
Himmel hat gestern aufgehellt und heute ist es recht sonnig. Der
Kastanienbaum gegenüber auf dem Platz ist gelb bis rostrot. Das weckt
einen Schwarm von sinnlichen Erinnerungen, Brückenerinnerungen
sozusagen. Man hat immer noch die Wärme des Sommers im Blut, wittert
aber schon von ferne einen kalten, schneereichen Winter. Als
Frischlinge erlebten wir diese Momente stärker als heute, da wir als
Spätlinge tagelang hinter verschlossenen Fenstern in klimatisierten
Räumen warmen Kaffee trinken.

Ich bin noch ziemlich stark unter dem Eindruck eines faulen
Fernsehabends gestern. Zuerst war ich an einen Film über Amerika und
Haloween geraten, der aber schliesslich jene Zeit um 68 wieder
aufleben liess, da Bob Kennedy im Wahlkampf ermordet worden war. Ich
hatte mich damals wirklich stark mit diesem Kennedy identifiziert, und
die Walliser waren natürlich ganz und gar auf der Seite des
katholischen Clans. Im Wesentlichen hat der Film auch hier behauptet,
wie doch schon beim Mord an JF. Kennedy, der palästinensische Mörder
Shirhan sei nicht wirklich der Täter und die Polizei hätte
nachträglich alle Indizien und Spuren verschwinden lassen. Aber dieser
Teil der Geschichte interessierte mich weniger. Ich denke, das sei ein
Problem der Amis, und nicht das unsere.
Ich glaube, die Kennedys haben echt gut mit den Medien gespielt. Die
Fotos die kursieren, sind dazu angetan, die Liebe der Oeffentlichkeit
zu entflammen. Und wenn man denkt, das J.F. Kennedy eigentlich ein
sehr kranker Mann war, der ständig Medikamente benötigte, und wenn
man dabei sieht, wie viril und munter er auf den Pressefotos zur
Darstellung kommt, dann muss man da doch eine grosse Kluft
feststellen. Na ja, wiederum, das ist das Problem der Amis. Sie sollen
endlich ihre Hausaufgaben machen!
Vielleicht könnte ich aus all dem behaupten, sie hätten auch mich
erwischt mit ihren Fotos und Fernsehbildern. Ich bin ihnen auch
nachgelaufen, diesem Mythos der Kennedys und des amerikanischen
Traums. Ich hatte da hinein auch meine Hoffnungen gesteckt. Ich kann
mich noch sehr gut an jenen Schultag nach dem Tode J.F. Kennedys
erinnern. Wir Schüler waren alle empört, dass die Lehrer zu den
Lektionen und zum courant normale übergingen, während wir doch
diskutieren und vielleicht irgendwie trauern oder aber die Welt
verfluchen wollten.

Und um 23h dann sah ich noch meinen Truffaut Film. Das war meine
eigentlich Absicht des Abends, obwohl er doch schon sehr spät im
Programm platziert war. Er hat mir gut gefallen, obwohl ich schon
müde war, und obwohl er zur Zeit des 2. Weltkrieges gespielt hatte. Er
heisst „Die letzte Metro" oder ähnlich. Und die Deneuve war schön wie
immer. Depardieu hatte noch nicht seine Figurprobleme. Der Film spielt
in einem Theater. Deneuve hat die Leitung des Theaters übernommen,
weil ihr Mann, ein Jude, verschwinden musste. Aber in der Tat hauste
er im Keller und konnte durch ein altes Röhrensystem an den Proben und
Vorstellungen oben auf der Bühne teilhaben und abends seiner Frau die
Anweisungen geben. Das ist doch insgesamt eine gelungenes Szenario für
eine gute Geschichte, nicht wahr? Und über dem Ganzen schwebte dieser
französische Hauch, den wir an unseren westlichen Nachbarn so sehr
lieben.

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